Viele Angehörige und Senioren versuchen derzeit, einen Impftermin im Kreisimpfzentrum in der Singener Stadthalle zu bekommen. Sie verzweifeln, weil sie Stunde um Stunde am Telefon oder am Computer sitzen und dann doch keinen Termin erhalten. Egon Scherer aus Duchtlingen ist Mitglied des Seniorenrats in Hilzingen und hat getestet, ob er es möglich ist, über die Internetseite 116117.de einen Termin zu vereinbaren. Denn im Seniorenrat war die Überlegung, ob man anderen Senioren Hilfe in Sachen Impftermin anbieten kann. Nach etlichen Versuchen ist auch der technisch versierte 72-Jährige ernüchtert: „So etwas kann man den Menschen nicht zumuten und man kann sie nicht so im Regen stehen lassen. Es ist einfach frustrierend, dass man nicht wenigsten die Daten eingeben kann.“ Dann wären die Impfwilligen wenigstens registriert, die Daten erfasst und man könnte sich bei ihnen melden, wenn es doch einen Termin gebe.

Telefonnummer ist überlastet

Es werde immer geklagt, dass die zentrale Telefonnummer 116117, über die man auch Termine bekomme, überlastet sei. Aber wenn die andere Möglichkeit nicht funktioniere, sei klar, dass die Impfwilligen anrufen. Er hat verschiedene Impfzentren durchprobiert: Einen Termin bekam er nicht. In Singen käme man bis zur Schnellprüfung und dann komme der Hinweis: „Es wurden keine freien Termine in Ihrer Region gefunden. Bitte versuchen Sie es später erneut.“ Egon Scherer ist klar, dass man nicht impfen kann, wenn kein Impfstoff da ist. Aber dass die Menschen keinen Termin vereinbaren oder sich wenigstens online vormerken lassen könnten, wenn es heiße, das sei möglich, das leuchtet ihm nicht ein. Diese Software sei eine Krücke.

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Er ist der Meinung, dass der Landrat Druck machen müsse und zur Not im Landkreis ein eigenes Buchungssystem einrichten solle. Er habe gehört, dass das woanders gemacht werde und funktioniere. Scherer ist zu dem Ergebnis gekommen, dass der Seniorenrat unter diesen Umständen keine Hilfe bei der Terminvereinbarung anbieten kann. Das erhöhe nur das Frustpotential. „Was ist, wenn ich für den Einen einen Termin bekomme und für den Anderen nicht“, erklärt er. Dann sei er dafür verantwortlich, dabei liege der Fehler im System.

Reinhard Veit. Bild: privat
Reinhard Veit. Bild: privat | Bild: privat

Reinhard Veit, SPD-Mitglied aus Volkertshausen, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um das Thema Impfen geht: „Was da mit den älteren Leuten gemacht wird, ist eine Schweinerei. Es kann nicht sein, dass man uns so hängen lässt“, sagt er. Er habe versucht, für seine 91-jährige Mutter einen Impftermin zu vereinbaren. Über drei Wochen habe er morgens und abends angerufen. Jetzt stehe sie auf der Warteliste und werde angerufen, wenn es einen Termin gibt. Veit ist der Meinung, dass die Gemeinden dafür sorgen sollten, dass ihre Bürger geimpft werden. Auch die Politiker auf allen Ebenen müssten mehr Druck machen, dass das mit dem Impfen funktioniere. „Dafür sind die Bürgermeister und der Landrat da: Sie sind für das Wohl der Bürger verantwortlich“, erklärt Veit. Das sei jetzt eine besondere Situation und die erfordere besondere Maßnahmen. Anstatt dass jemand Verantwortung übernehme, schiebe es Einer auf den Anderen. Es sei außerdem eine Blamage, dass das Impfzentrum seit Wochen nicht richtig in Betrieb gehen kann.

Just-Arnold Dreyer aus Mühlhausen-Ehingen wundert sich über wesentlich höhere Impfquoten in anderen Städten und nennt als Beispiel Aschaffenburg mit 24.000 Impfungen je 100.000 Einwohner. „Alte Menschen seit Wochen in der Warteschleife, dazu eine „Warteliste“ von der niemand weiß, wer sie verwaltet“, schreibt er. Er fragt sich, in welcher Reihenfolge diese Liste abgearbeitet werde und wer sich wo auf der Liste befindet. Dreyer spricht von unvorstellbarem Missmanagement. Für ihn steht fest, dass es viele Fragen gibt und keine Antworten mit denen der mündige Bürger etwas anfangen könnte.

Es gibt nicht genug Impfstoff

Für Landratsamt und Sozialministerium steht fest: Wenn nicht genug Impfstoff da ist, können auch keine Termine vergeben werden. Derzeit werden im Kreisimpfzentrum (KIZ) in der Singener Stadthalle 180 Personen pro Tag geimpft, wie Marlene Pellhammer, Pressesprecherin des Landratsamtes mitteilt. Möglich wären 750 Impfungen pro Tag. Das KIZ erhalte wöchentlich 1170 Impfdosen, davon mussten neben den über 80-Jährigen auch das Klinikpersonal, Ärzte und der Rettungsdienst geimpft werden. Die Impfdosen, die nicht verimpft wurden, haben bisher Klinikmitarbeiter bekommen. Wer impfberechtigt sei und einen Termin habe, bekomme die Impfung – diese Vorgabe werde streng eingehalten. Ein Einsatz mobiler Impfteams in den Gemeinden sei bisher nicht geplant. Die Impfteams seien zunächst in den stationären Pflegeheimen unterwegs, nach deren Zweitimpfung folgten Einrichtungen wie zum Beispiel des Betreuten Wohnens.

Wie das Sozialministerium erklärt, stehen aktuell noch 100.000 über 80-jährige Menschen auf der Warteliste. Diese würde vom Callcenter abgearbeitet. Das Land habe in der ersten Phase den Rat des Bundes befolgt, immer 50 Prozent der Impfstoffe zurückzuhalten, um die Zweitimpfungen sicherzustellen. Diese Strategie habe sich, als Lieferungen ausfielen oder Liefermengen gekürzt wurden, ausgezahlt. Bei der Impfquote sei nicht der Blick auf einzelne Städte entscheidend, sondern der auf die Bundesländer, da lägen die meisten bei etwas über vier Prozent. „Leider müssen wir wegen des Impfstoffmangels alle noch etwas Geduld haben“, schreibt Pressesprecherin Claudia Krüger. Für die Impfberechtigten zwischen 18 und 64 Jahren stünde aber nun der Impfstoff von AstraZeneca zur Verfügung. Hier konnte am Montag Menschen der Gruppe mit Priorität zwei Zugang zu Impfterminen ermöglicht werden.