Der Verlust der Scheffelhalle war für die Tanzschule ja auch ein herber Moment, da dort der Tanzunterricht über Monate stattgefunden hat. Wie hat Sie der Brand belastet und wie hat sich der Lockdown ausgewirkt?

Auch wir waren, wie vermutlich alle Singener, an diesem Dienstagmorgen schockiert. Bis zur letzten Oktoberwoche konnten wir die Scheffelhalle als Ausweichmöglichkeit für unsere Tanzkurse nutzen – dann mussten wir aufgrund der behördlichen Schließung durch den zweiten Lockdown unseren Betrieb wieder einstellen. In der Hoffnung, dass wir relativ schnell wieder mit Tanzkursen starten können, haben wir all unser Equipment und Material in der Scheffelhalle gelassen. Neben dem finanziellen Schaden, der unserer Tanzschule durch den Brand entstanden ist, waren aber auch viele Emotionen und Erinnerungen mit der Scheffelhalle verbunden. Fast das gesamte Tanzlehrer-Team besteht aus Singener Kindern. Ich erinnere mich gerne, wie ich als Kind selbst zur Kinderfasnacht in die Scheffelhalle gegangen bin – und seit zwei Jahren darf ich das mit meinem Sohn erleben. Eine Tradition war über Jahre der Besuch des Bürgerballs – viele Erinnerungen, tolle Abende und ganz viele Emotionen hingen auch für uns an der Scheffelhalle. Ein bisschen brachte der Lockdown zwar zeitlich eine Erleichterung, damit wir uns nicht Hals über Kopf eine andere Location für unsere Tanzkurse suchen mussten. Da wir aber diverse Hallen noch in der Hinterhand hatten, hätten wir dieses Problem sicherlich lösen können.

Wie kommt die Tanzschule momentan durch diese sehr spezielle Zeit?

Eine sehr schwierige und emotionale Frage. Wir Tanzlehrer sind Macher und wollen raus und mit unseren Kunden tänzerisch das Gemeinschaftsgefühl erleben. Das ist es, was uns ausmacht, da kennen wir uns aus. Dies alles ist momentan nicht möglich. Daher mussten wir umdenken. Wir wurden von Tanzlehrern im großen Saal zu Live-Stream-Profis aus dem „Wohnzimmer ins Wohnzimmer“. Wir mussten unsere Fähigkeiten in der Digitalisierung ausbauen, haben unser Tanzschul- und Unterrichtskonzept umgestellt und der aktuellen Situation angepasst, um irgendwie am Ball zu bleiben und die Situation zu meistern. Auch ist die Situation mental nicht zu verachten: Existenzängste, psychische Ängste, bleiben uns die Kunden treu? Haben unsere Angestellten und Azubis morgen noch einen Job? Angekündigte Hilfsgelder, die nicht wie versprochen gekommen sind – werden wir die Situation auch finanziell meistern? Wie geht es weiter? Das sind Themen, die neu auf uns eingestürzt sind und erst mal verarbeitet werden mussten.

Kommen denn die versprochenen staatlichen Hilfen auch bei der Tanzschule an?

Letzte Woche wäre die Antwort hier noch „Nein“ gewesen, aber Gott sei Dank, sind endlich nach langen drei Monaten im März die Hilfsgelder, zwar noch nicht vollständig, aber zumindest in großen Teilen angekommen. Aber die Zeitspanne bis dahin war mehr als nervenaufreibend. Jeder Monatswechsel war ein Rechenchaos. Christian Seidel musste seine gesamten Ersparnisse und die Altersvorsorge vorab einbringen, um so vielen finanziellen Verpflichtungen, wie möglich nachkommen zu können. Da die Tanzschule bereits seit Dezember keine Einnahmen mehr zu verzeichnen hatte, war dies eine sehr, sehr harte Zeit, um nicht zu sagen, die bisher härteste Zeit seit der Gründung der Tanzschule 1997.

Und wie wurde die staatlich verordnete Auszeit genutzt?

Wir Tanzlehrer haben einen sehr kreativen Beruf. Diese Kreativität haben wir weiterhin genutzt, um unseren Mitgliedern zumindest ein bisschen Abwechslung in den Alltag zu bringen. Wir haben zum einen viele Pläne entworfen, neue Konzepte, neue Veranstaltungen und neue Tanzkurse. Neben Online-Tanz-Unterricht, der aktuell immer noch jede Woche über Zoom stattfindet, haben wir in der Adventszeit Videos für unsere Mitglieder gedreht. Wir haben die Zeit auch genutzt, unser komplettes Betriebs- und Kundensystem zu modernisieren. Wir haben die Lockdown-Zeit auch zur vollständigen Modernisierung der Singener Tanzschule genutzt. Alles wurde rausgerissen und komplett neu eingebaut – angefangen von den Stromkabeln, sanitären Einrichtungen, Bodenbelägen, bis zu den Wänden. Es entstand in Singen eine komplett neue Tanzschule. Wir sind in den Endzügen. Eigentlich ist alles soweit fertig. Mitte März wird die Bauabnahme erfolgen und dann wird die Tanzschule neu eingeräumt und auf die große Wiedereröffnung vorbereitet. Wann immer diese dann auch stattfinden wird.

Wenn wir mal Corona bei Seite lassen, wie ist der Blick in die Zukunft?

Der Blick in die Zukunft ist und bleibt positiv! Unser Beruf hat mit so viel Lebensfreude zu tun, da kann man fast nur positiv bleiben. In welchem Job gibt es das schon, dass man anderen Menschen etwas beibringen darf und diese dann mit einem großen Lächeln wieder nachhause gehen, weil du ihnen ein Stück Lebensfreude geschenkt hast? Wir holen die Menschen aus ihrem Alltag ab und vermitteln ihnen Spaß am Tanzen, schenken ihnen Freude und Bewegung mit Musik und helfen ihnen dabei noch gesund zu bleiben. Was gibt es Besseres? Wir schauen positiv mit vielen tollen Tanzkursen, Events, Tanzpartys und vielem mehr in die Zukunft.

Außerdem beteiligt sich die Tanzschule bei einem Weltrekord-Versuch. Gab es so etwas auch schon vor Corona-Zeiten?

Ja, so etwas gab es schon mal. Den ersten sogenannten ChaChaCha-Weltrekord gab es bereits 2007 – damals waren natürlich alle Teilnehmer direkt in der Tanzschule. Heute geht das ja leider nicht – trotzdem wollen wir gemeinsam mit weiteren 30 Tanzschulen in ganz Deutschland unseren Tänzern eine weitere Tanzmöglichkeit bieten. Und so ist die Idee des ersten Online-ChaChaCha-Weltrekords entstanden. Der Weltrekordversuch findet im „home-dancing“ – also rein digital – statt. Per Videokonferenz-App Zoom müssen die Teilnehmer drei Minuten lang Cha-Cha-Cha tanzen. Mindestens 500 Personen sind nötig, um den Rekord aufzustellen. Die Tanzschulen streben jedoch eine deutlich höhere Teilnehmerzahl an. Rund 2000 Personen möchte man am 20. März um 17.30 Uhr vor die Bildschirme locken. Damit am Ende auch alles seine Richtigkeit hat und der Weltrekord offiziell in die Rekordbücher eingetragen werden kann, haben sich die Tanzschulen Unterstützung vom Rekord-Institut für Deutschland geholt.

Was ist die Motivation zur Teilnahme und wie ist die Resonanz?

Neben den Online-Tanzkursen, möchten wir bei diesem Projekt mitmachen, weil es eine tolle Abwechslung für unsere Kunden ist. Gerade jetzt liegt es uns am Herzen, in Kontakt zu bleiben. Daher ist es uns momentan sehr wichtig, die unterschiedlichsten Projekte in Angriff zu nehmen. Wie vermutet ist die Resonanz sehr positiv! Innerhalb von zwei Tagen gingen bei uns Anmeldungen für 35 Paare ein. Diese Zahl ist aktuell pro Tanzschule die Obergrenze, denn technisch muss es ja auch möglich sein, alle Teilnehmer auf den Bildschirm zu bekommen. Da allerdings in unserer und auch weiteren Tanzschulen in Deutschland die Nachfrage so groß ist, wird gerade versucht die Teilnehmerzahl zu erhöhen. Auch das zeigt wiederum, wie sehr sich die Menschen auf Gesellschaft und damit auch wieder auf ein Stück Normalität freuen.