„Warten wir noch einen Moment“, sagt Oberbürgermeister Bernd Häusler und holt sich die Zustimmung von Catharina Scheufele. Die Leiterin des Fachbereichs Kultur hat an diesem Abend das Heft in der Hand. Die Chefin nickt. Sie sieht auch, was wiederum ihr Chef sieht: Es hat sich eine Schlange von Menschen vor der Stadthalle gebildet, die alle noch zur Eröffnung der sechsten Singener Theaternacht eingelassen werden wollen. Sie möchten endlich mal wieder hautnah erleben, was auf der Bühne gespielt wird, wollen mit den Tischnachbarn staunen, lachen und sich anschließend austauschen.

Groß war das Interesse der Besucher an der sechsten Singener Theaternacht. Oberbürgermeister Bernd Häusler (links mit Mikrofon) eröffnete den Abend im Foyer der Stadthalle.
Groß war das Interesse der Besucher an der sechsten Singener Theaternacht. Oberbürgermeister Bernd Häusler (links mit Mikrofon) eröffnete den Abend im Foyer der Stadthalle. | Bild: Trautmann, Gudrun

Zusammen mit ihrem Team im Kulturbüro hat Catharina Scheufele die Theaternacht organisiert, diesmal unter erschwerten Bedingungen. Lange war ja nicht klar, ob diese Publikumsveranstaltung in Corona-Zeiten überhaupt stattfinden kann. Es herrschte bei der Planung immer eine gewisse Unsicherheit. Wie viele Besucher lässt die aktuelle Pandemie-Situation unter Einhaltung der Hygienebestimmungen an den jeweiligen Veranstaltungsorten überhaupt zu? Welche Möglichkeiten haben die Ensembles, sich auf ein solches Fest vorzubereiten? Schließlich müssen Texte einstudiert, Stücke geprobt, Programmhefte gedruckt und Helfer gefunden werden.

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Während die Profis längst wieder proben durften, litten die Laienensembles noch unter Kontaktbeschränkungen. Trotzdem ließen sich die Kulturarbeiter nicht entmutigen. Ihr Einsatz sollte sich lohnen, denn das Publikum strömte eifrig zu den verschiedenen Kurzaufführungen. 20, 30 Minuten dauern die sehr unterschiedlichen Darbietungen. Das Programm ist so getaktet, dass man mit viel Ehrgeiz und etwas Glück alle sechs Aufführungen sehen kann. Wer ein rosafarbenes Bändel am Arm trägt, hat Vorfahrt. Allerdings nur, solange es noch Plätze im Saal gibt.

Ganz in Weiß erzählen die Mitglieder des Färbe-Ensembles als Geister Verstorbener von verpassten Chancen und Fehlern in ihrem Leben.
Ganz in Weiß erzählen die Mitglieder des Färbe-Ensembles als Geister Verstorbener von verpassten Chancen und Fehlern in ihrem Leben. | Bild: Trautmann, Gudrun

Der Andrang bei den Aufführungen ist groß

Der Andrang ist groß. Ins Theater „Die Färbe“ kommt man erst beim zweiten Anlauf rein. Hier spielt der Theaterverein Pralka das völlig skurrile Stück „An allem ist die Katze schuld“. Dabei darf sich das Publikum aussuchen, wer welche Rolle übernehmen soll. Es grenzt schon an Klamauk, wenn die Laiendarsteller die Regieanweisungen der Erzählerin nachsprechen und in übertriebene Gestik umsetzen. Das Publikum brüllt vor Lachen. Jetzt weiß man, warum es hier so voll ist. Die Menschen haben schon lange nicht mehr so viel gelacht.

Gleich mehrmals fand in der Theaternacht im Stadtpark eine Geisterstunde statt. Die Theatäter des Friedrich-Wöhler-Gymnasiums sorgten für den passenden Grusel.
Gleich mehrmals fand in der Theaternacht im Stadtpark eine Geisterstunde statt. Die Theatäter des Friedrich-Wöhler-Gymnasiums sorgten für den passenden Grusel. | Bild: Trautmann, Gudrun

Keine Warteschlangen gibt es vor dem Gruselkabinett der Theatäter. Die jungen Spieler der Friedrich-Wöhler-Theater-AG verkörpern Geister aus vergangenen Jahrhunderten, die zu passender Musik aus ihren Gräbern steigen und versehentlich in ein nobles Event-Hotel geraten. Weil die Horrorshow im Stadtgarten über die Wiese geht, haben die Zuschauer hier viel Platz, um dem Geschehen zu folgen.

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Eng wird es wiederum in der Gems. Hier hat Nete Mann auf entzückende Weise ein Zweipersonenstück inszeniert. „Koffer auf Reisen“ ist eigentlich eine Geschichte für Kinder. Auf der Gemsbühne verzaubern Kirsten Schaefer und Stephan Weiland, alias Stafilea Kolzica und Flor Papel, die Zuschauer mit ihrer amüsanten Vermischung verschiedener Koffer und einem fast schon philosophischen Streit über das Thema Heimat und den Sinn des Reisens. Ein Ehepaar aus Gottmadingen fragt sich, warum es nicht schon früher die Theaternächte für sich entdeckt hat.

Die Akteure des Theatervereins „Pralka“ ließen sich im Stück „An allem war die Katze Schuld“ ihre Rollen beliebig vom Publikum zuweisen.
Die Akteure des Theatervereins „Pralka“ ließen sich im Stück „An allem war die Katze Schuld“ ihre Rollen beliebig vom Publikum zuweisen. | Bild: Trautmann, Gudrun

Theaternacht soll Lust auf mehr machen

Wie hatte noch Bernd Häusler in seiner Begrüßung gesagt: „Wir wollen mit der Theaternacht bei den Kunstinteressierten Lust auf mehr machen.“ Das hat sich auch das Ensemble des Theaters „Die Färbe“ zu eigen gemacht. Mit einer szenischen Lesung geben sie den Zuschauern in der „Basilika“ Einblicke in die Gedankenwelt von Robert Seethaler. Dafür haben sie sich Ausschnitte aus dem Roman „Das Feld“ vorgenommen, in dem auf einem Kleinstadtfriedhof längst Verstorbene aus ihrem Leben erzählen. Aktuell spielt das Ensemble „Der Trafikant“, ebenfalls von Robert Seethaler. Schauspieler Marcus Calvin hofft nun, dass die Theaternacht einige Zuschauer neugierig gemacht hat.

Schlussapplaus für die Theater vor Ort mit dem Stück „Königin Lear“ im Foyer der Singener Stadthalle.
Schlussapplaus für die Theater vor Ort mit dem Stück „Königin Lear“ im Foyer der Singener Stadthalle. | Bild: Trautmann, Gudrun

Doch nicht nur für Besucher kann dieses Theaterformat mit seinen Kurzvorführungen zu einer Entdeckungsreise werden; auch die Improsingers der Gems, die sich im Kunstmuseum vor vollen Rängen mit Improvisationen erprobten, sind ein Ergebnis der vergangenen Theaternächte. Hier kommt es auf Spontaneität an, nicht auf Perfektion. Was Willkür bedeutet, wie zerstörerisch Macht eingesetzt werden kann, erleben die Zuschauer beim Theater vor Ort im Foyer der Stadthalle. Dort lässt Marie Luise Hinterberger die Konzernchefin Elisabeth Lear – in Anlehnung an das Shakespeare-Drama „King Lear“ – bei der Verteilung des Erbes eine Familie sich zerlegen. Dabei scheint alles so harmonisch zu beginnen.

Auch wenn in dieser Theaternacht viele Tode gestorben wurden, so lässt sich festhalten, dass das Schauspiel etwas sehr Lebendiges ist, auf das die Menschen in der Corona-Pandemie schmerzlich verzichtet haben. Das hat sich zum Glück inzwischen geändert.