Nils Anderson, Schüler der sechsten Klasse am Hegau-Gymnasium in Singen, startet beim Bezirksentscheid des Vorlesewettbewerbs des deutschen Buchhandels, nachdem er den Regionalentscheid im westlichen Landkreis Konstanz gewonnen hat. Er konnte sich gegen neun Mitstreiter verschiedener Schularten durchsetzen.

Für den Wettbewerb hatte der Elfjährige eine Textstelle aus dem Buch „Agent 22 Undercover“ von Chris Ryan ausgewählt und punktete bei der fünfköpfigen Jury mit einem mitreißend und sicher dargebotenen Lesevortrag. Des Weiteren wurde er auch noch mit zwei Buchgeschenken plus Urkunde für seine Leistung belohnt.

Coronabedingt wurden die Preise, anders als in den Vorjahren, nicht von den beiden Organisatorinnen des Regionalentscheids, Petra Petersen und Christina Thürmer, überreicht. Die Bibliothekarinnen der Stadtbücherei Singen verschickten das Ganze per Post. Auch die anderen Teilnehmer erhielten jeweils ein Paket mit Buchgeschenk als Dankeschön fürs Mitmachen.

Videokamera statt Publikum

Bei diesem 62. Vorlesewettbewerb war fast alles anders als sonst: Aufgrund der Pandemie hatte der Veranstalter sämtliche Aktionen auf kontaktlos umgestellt. Deshalb wurde der Regionalentscheid, der sonst in der Stadtbücherei vor Publikum stattfindet, digital durchgeführt.

Nina Kempter von der Weiherbach-Gemeinschaftsschule Mühlingen.
Nina Kempter von der Weiherbach-Gemeinschaftsschule Mühlingen. | Bild: Stadtbücherei Singen

Statt wie bisher vor Publikum einen Text aus einem selbstgewählten Buch vorzulesen, hatten die diesjährigen Teilnehmer die Aufgabe, zuhause den Lesevortrag aufzunehmen und diese Video-Aufzeichnung online einzureichen.

Agid Mutlu von der Beethoven-Grund- und Gemeinschaftsschule Singen.
Agid Mutlu von der Beethoven-Grund- und Gemeinschaftsschule Singen. | Bild: Stadtbücherei Singen

Dabei mussten die Schüler verschiedene Regeln beachten, zum Beispiel die Begrenzung der Lesezeit auf drei Minuten. Auch die Buchvorstellung vorab sollte nicht länger als ein- bis anderthalb Minuten dauern.

Nils liest am liebsten Action-Bücher

Gewinner Nils Anderson fand es schade, dass die Veranstaltung online stattfand: „Ich hätte lieber vor Publikum gelesen“, erklärt der 11-Jährige im Telefongespräch mit dem SÜDKURIER. Dennoch freute er sich sehr über den Sieg wie auch über den damit verbundenen, neuen Lesestoff.

„Ich lese jeden Tag 400 Seiten – am liebsten Action-Bücher. Manchmal haben wir allerdings nicht genügend Bücher von der Bücherei da“, sagt der Sechstklässler, der später mal Arzt werden will oder vielleicht auch auf dem Gebiet der Raumfahrt tätig sein möchte.

Ungewöhnlich viele Jungen machen mit

Mit sieben Jungs und drei Mädchen war die Zahl der männlichen Teilnehmer in diesem Jahr erstaunlich hoch. Zum Vorlesen hatten die Sechstklässler meist spannende Fantasy- oder Action-Geschichten ausgewählt.

Levin Szymiczek vom Schulverbund Nellenburg Werkreal- und Realschule Stockach.
Levin Szymiczek vom Schulverbund Nellenburg Werkreal- und Realschule Stockach. | Bild: Stadtbücherei Singen

Von den Schülern gab es teils unterschiedliche Reaktionen auf die – kontaktlos – gestellte SÜDKURIER-Frage, wie der digitale Vorlesewettbewerb bei ihnen ankam: „Mir hat kein Publikum gefehlt, weil mich das nervös macht“, erklärt Levin Szymiczek.

Janis Scholze vom Nellenburg-Gymnasium Stockach.
Janis Scholze vom Nellenburg-Gymnasium Stockach. | Bild: Stadtbücherei Singen

Er ist Schüler des Schulverbundes Nellenburg Werkreal- und Realschule Stockach. Auch für Janis Scholze, der das Nellenburg-Gymnasium in Stockach besucht, war die Umgebung zuhause eher hilfreich. Ebenso empfand es Amelie Bauknecht. Sie ist Schülerin des Anne-Frank-Schulverbundes Engen.

Amelie Bauknecht vom Anne-Frank-Schulverbund Engen.
Amelie Bauknecht vom Anne-Frank-Schulverbund Engen. | Bild: Stadtbücherei Singen

Johann Dür dagegen fand es schade, beim Regionalentscheid nur vor einer Kamera vorzulesen. Der Schüler des Friedrich-Wöhler-Gymnasiums Singen hatte beim vorangegangenen Klassen- wie auch beim Schulentscheid positive Erfahrungen vor Publikum gemacht.

Johann Dür vom Friedrich-Wöhler-Gymnasium Singen.
Johann Dür vom Friedrich-Wöhler-Gymnasium Singen. | Bild: Stadtbücherei Singen

Ein solches Erlebnis hatte Lasse Peterson, der das Ambrosius-Blarer-Gymnasium Schloss Gaienhofen besucht, bisher noch nicht. „Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, vor einer Jury zu lesen“, erklärt er.

Lasse Peterson vom Ambrosius-Blarer-Gymnasium Schloss Gaienhofen.
Lasse Peterson vom Ambrosius-Blarer-Gymnasium Schloss Gaienhofen. | Bild: Stadtbücherei Singen

Wettbewerb komplett kontaktlos

Auch für die Juroren lief der Wettbewerb kontaktlos ab. Zunächst nahmen die Jury-Mitglieder jeder für sich eine Bewertung der Video-Beiträge aller Teilnehmer vor. Hier ging es um Lesetechnik, Interpretation und Textstellenauswahl. Zu einem späteren Zeitpunkt traf sich die Jury online im Rahmen eines Zoom-Meetings, um sich zu beraten, die Punktevergabe zu besprechen und dann gemeinsam den Sieger zu bestimmen.

Moritz Zaiser von der Schule Schloss Salem Unterstufe.
Moritz Zaiser von der Schule Schloss Salem Unterstufe. | Bild: Stadtbücherei Singen

Alle waren sich einig, dass die digitale Variante des Wettbewerbs im Vergleich zum Live-Erlebnis für die Bewertung eher schwierig gewesen sei. Einziger Vorteil der Video-Beiträge sei, dass man sie mehrfach anschauen könne.

Die Punktevergabe werde dadurch aber nicht einfacher, stellte Petra Petersen fest. „Insgesamt bleibt das für mich nur eine Notlösung“, wies die Bibliothekarin darauf hin, dass sie bei der Organisation der diesjährigen Veranstaltung den direkten Kontakt zu Teilnehmern und Jurymitgliedern vermisst habe.

SÜDKURIER-Mitarbeiterin Karin Zöller war Mitglied der Jury und berichtet hier über ihre Erfahrungen. Ebenfalls als Juroren fungierten Petra Petersen, Chris Albert (beide Mitarbeiter der Stadtbücherei) und Praktikantin Jasmin Friedberger sowie Wiltrud Hensler (Inhaberin Buchhandlung Lesefutter)