Sie sind seit Januar Chefarzt der Urologie im Gesundheitsverbund des Landkreises Konstanz. Was macht ein Urologe?

Die Urologen werden landläufig auf Ärzte reduziert, die bei alten Männern die große Prostata abtasten und behandeln. In Wirklichkeit behandeln wir eine Vielzahl von Erkrankungen. Das betrifft die Erkrankungen der Niere und der ableitenden Harnwege, beim Mann noch die Prostata und die äußeren Geschlechtsorgane. Was wenige wissen ist, dass wir in der Urologie viele Krankheiten behandeln, die man als Volkskrankheiten bezeichnet. Zum Beispiel die Harnsteine in der Niere und im Harnleiter, der unwillkürliche Urinverlust bei Mann und Frau oder die Fehlbildungen im Urogenitaltrakt bei Kindern, die die häufigsten Fehlbildungen des menschlichen Körpers sind. Eine unserer Haupttätigkeiten sind die Krebserkrankungen im Urogenitaltrakt. Das Prostatakarzinom steht hier an erster Stelle. Das ist der häufigste bösartige Tumor.

Weshalb haben Sie sich für die Urologie entschieden? Was macht für Sie der Reiz dieses Fachgebiets aus?

Die Urologie hat mich bereits während meines Studiums gepackt. Als ich nach meinem ersten Staatsexamen in die klinische Ausbildungsphase kam, musste man den Urologieschein machen. Diesen Schein konnte man in Heidelberg durch das Schreiben einer Klausur oder ein Urologiepraktikum bei Professor Pfitzenmaier in Singen im Krankenhaus machen. Das habe ich wahrgenommen und so war mein erster Kontakt zur Urologie in Singen bei meinem Vorvorgänger. Da habe ich gesehen, dass die Urologie extrem vielfältig und damit auch faszinierend ist. Außerdem hat sie viele Schnittstellen zu anderen Fächern: Zur Bauchchirurgie, zur Kinderurologie, zur Neurourologie, zur Frauenheilkunde, zur Onkologie, zur Psychosomatik und einige andere mehr.

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Für Frauen ist es meist selbstverständlich, zur Vorsorgeuntersuchung zum Frauenarzt zu gehen. Von Männern hört man das weniger. Ist das Thema Vorsorge bei Männern nach wie nicht so präsent?

Das ist leider so. Männer gehen erst zum Arzt – und das ist vielleicht noch eine Folge der frühen Steinzeit – wenn‘s wehtut. Und leider ist es so, dass gerade die urologischen Krebserkrankungen im Frühstadium keine Beschwerden machen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass auch Männer, wenn sie keine Beschwerden haben, zu einer Vorsorgeuntersuchung gehen. Sie wird für den Prostatakrebs ab dem 45. Lebensjahr empfohlen. Für Frauen ist das selbstverständlich, auch im Rahmen der Familienplanung, schon früh den Frauenarzt aufzusuchen. Männer gehen erst zum Urologen wenn sie starke Beschwerden haben oder wenn sie richtig krank sind. Das zu durchbrechen ist schwierig, und da bedarf es noch mehr Aufklärungsarbeit. Das macht meine Fachgesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Urologie. Wir versuchen als Urologen, dass Männer ihren Körper ein bisschen ernster nehmen.

Warum sind Sie nach Singen gekommen?

Ich bin nach Singen gekommen, um die da-Vinci-Roboterchirurgie weiter auszubauen. Ich bin Tumoroperateur und wenn man in der Urologie von Tumoroperationen spricht, dann ist das immer verbunden mit dem da-Vinci-OP-Roboter. So ein System haben wir in Singen. Das möchte ich gern zusammen mit dem Krebszentrum Hegau-Bodensee und durch unser, von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziertes Prostatakrebszentrum, ausbauen und zu einem Uroonkologischen Zentrum der Deutschen Krebsgesellschaft bringen. Eine weitere Aufgabe ist, auch in anderen Bereichen wie der gutartigen Prostatavergrößerung, der Steintherapie oder in der Kinderurologie eine Versorgung für die Bevölkerung hier im Landkreis und Umgebung auf dem höchst möglichen Niveau anzubieten.

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Dann sind Sie hauptsächlich als Operateur tätig?

Die Urologie ist ein operatives Fach. Wir haben sehr viel operative Tätigkeit, aber wir machen zum Beispiel auch bei fortgeschrittener Krebserkrankung die medikamentöse Tumorbehandlung. Da arbeiten wir sehr gut mit den Onkologen, dem onkologischen Tagestherapiezentrum und mit der Praxis für Strahlentherapie zusammen, die unmittelbar vor dem Krankenhaus ihren Standort hat.

Was sind Ihre Aufgaben im Klinikverbund – in Singen und in Konstanz?

Im Verbund leite ich die Urologischen Abteilungen in den Standorten Singen und Konstanz, eine herausfordernde und vielseitige neue Aufgabe für mich. In Konstanz führen wir gut planbare, ambulante Operationen in einem ambulanten OP-Zentrum durch, und ergänzen diese mit einer Notfallbehandlung, Konsiltätigkeiten auf den Bettenstationen und durch eine Spezialsprechstunde für Zweitmeinungen. In Singen werden alle stationären Behandlungen durchgeführt, denn hier verfügen wir über eine Ausstattung mit modernster Technologie.

Das Altersspektrum Ihrer Patienten reicht vom Kind bis zum Senior. Können Sie Beispiele der Erkrankungen nennen?

Bei Kindern geht es oft um die angeborenen Fehlbildungen, zum Beispiel den Hodenhochstand oder die Fehlbildungen der Harnröhre im Bereich der Eichel, die Harntransportstörungen, die Harnwegsinfekte im Kindesalter, die Vorhautverengung, das nächtliche Einnässen, aber auch die HPV-Impfung (Humane Papillomviren) für Jungen. Bei den älteren Männern haben wir es oft mit der gutartigen Prostatavergrößerung zu tun. 40 Prozent der über 50-jährigen Männer haben Probleme beim Wasserlassen. Wir behandeln Harnsteine und den Prostatakrebs. Wir haben bei Frauen die Harnwegsinfekte und natürlich die Krebserkrankungen wie Blasen- und Nierenkrebs. Wir behandeln außerdem am Ende des Lebens die Menschen in der palliativen Situation bei fortgeschrittenen Tumorerkrankungen. Und es gibt mittlerweile sehr viele Überschneidungen mit der Geriatrie. Gerade alte, bettlägerige Menschen mit Harnwegsinfekten kommen dann auch nachts als Notfall in die Klinik.

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Was sind Ihre Wünsche für die Urologie in Singen?

Meine Wünsche sind, dass ich die robotischen Operationen mit dem da- Vinci-System weiter ausbauen kann. Der Grund warum ich hergekommen bin ist, dass ich hier einen sehr guten Standort mit dem Krebszentrum Hegau-Bodensee, dem Prostatakrebszentrum und der Spezialisierung der Ärzte habe, insbesondere bei der Behandlung von Krebserkrankungen. Das entspricht genau meiner Vorstellung von einer modernen Urologie, so wie ich sie auch in Mannheim praktiziert habe. Singen kann die Patienten überregional optimal versorgen. Außerdem wünsche ich mir eine Fortsetzung und weiteren Ausbau der kollegialen Zusammenarbeit mit den Ärzten im Verbund und den niedergelassenen Fachärzten für Urologie hier im Landkreis und Umgebung.

Finden Sie denn in Singen alles so vor, wie Sie es gern hätten und konnten Sie sich schon einleben?

Die Urologie in Singen hat tatsächlich eine langjährige Tradition und ist eine der ältesten urologischen Hauptabteilungen im Süden Deutschlands. Wir versorgen mit den zwei Standorten in Singen und Konstanz hier ein großes Einzugsgebiet. Ich habe hier eine moderne und vollständige Ausstattung vorgefunden, wie ich sie von einem Krankenhaus der Schwerpunkt- und Maximalversorgung kenne. Außerdem hat Singen ein super hoch motiviertes Ärzteteam und auch in der Pflege und in allen anderen Bereichen sehr qualifizierte und nette Mitarbeiter. Das Einleben in Form von Kontakte knüpfen war bisher aufgrund von Corona leider noch nicht möglich. Es sind ja keine sozialen Kontakte erlaubt, sodass ich im Moment viel Zeit zum Arbeiten habe und mich schon sehr schnell in die Klinikabläufe an beiden Standorten eindenken konnte.

Wie hat die Pandemie Ihren Start beeinflusst?

„Corona“ hat natürlich sehr meinen Start und meine tägliche Arbeit beeinträchtigt, so wie es uns fast allen geht. Die neuen „Gesichter“ nur mit Maske kennenzulernen, ist schon besonders einzigartig. Umso mehr freue ich mich auf die Zeit danach!

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