Die verzwickte Situation der Kita Bruderhof in Singen erfährt man am besten direkt vor Ort, finden Nicole Grison und Natalie Lutz. Dann würde man am besten verstehen, warum sie einen Neubau so sehr herbeisehnen. Beide kennen die Lage genau: Nicole Grison leitet seit acht Jahren die Einrichtung, die über drei Standorte verteilt ist, und Elternsprecherin Natalie Lutz bringt hier ihre Kinder zur Betreuung. Sie hat sich mit Eltern zusammen getan, um dem Gemeinderat vor Weihnachten eine Wunschliste zu überreichen. „Wir haben Angst, dass gute Erzieher abhanden kommen“, erklärt Lutz beim Ortsbesuch. Eine langjährige Erzieherin habe zum neuen Jahr gewechselt – weil sie in einer anderen Singener Einrichtung besser betreuen könne.

Drei Standorte für 59 Kinder und deren Erzieher

Die Scheffelhalle galt lange als ewiges Provisorium der Stadt Singen. Doch es gibt ein weiteres: die Kita Bruderhof. Dass die Kindertagesstätte vorübergehend geplant war, sehe man schon daran, dass sie direkt an die Grundschule gebaut wurde, erklärt Leiterin Nicole Grison. Rund 40 Jahre später fehlt dort Platz, um zwei Kitagruppen mit 49 Kindern sowie eine Krippengruppe mit zehn Kindern optimal zu betreuen. Die Krippe für Kinder unter drei Jahren befindet sich daher rund 200 Meter weiter, die Familienberatung mit Susanne Huber in den ehemaligen Räumen des Deutschen Roten Kreuz (rund 250 Meter vom Hauptgebäude entfernt) und der Personalraum im Konrektorzimmer der Grundschule. In dem Personalraum, für den man den Lehrmittelraum der Schule durchqueren muss, saß zuletzt auch Spracherziehungsfachkraft Carina Wöhrstein, die nun in die DRK-Räumen zieht. „Besondere Herausforderungen schaffen bunte Lösungen“, erklärt Nicole Grison.

„Wir sind heiß auf diese Veränderung“ – und sie war schon lange versprochen

Der versprochene Ersatzneubau, dessen Grundsteinlegung für März geplant war, sollte den bunten Übergangslösungen ein Ende bereiten und Raum für insgesamt sechs Gruppen bieten – neben den drei bestehenden also auch für drei neue. „Wir sind heiß auf diese Veränderung“, sagt die Kita-Leiterin. Diese sei ihr schon vor acht Jahren, als sie die Leitung übernahm, versprochen worden. 2019 fiel der Grundsatzbeschluss.

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In der Zwischenzeit habe sie ein Jahr lang regelmäßig mit einer Arbeitsgruppe geplant. Doch dann beschloss der Gemeinderat im Frühjahr 2020, dass das Projekt mit geschätzten Kosten von fünf Millionen Euro erstmal nicht finanzierbar ist.

Im Bewegungsraum wird nicht nur gespielt, sondern auch Mittagsschlaf gehalten. Dafür müssen Betten aufgestellt werden, doch das kostet wertvolle Zeit.
Im Bewegungsraum wird nicht nur gespielt, sondern auch Mittagsschlaf gehalten. Dafür müssen Betten aufgestellt werden, doch das kostet wertvolle Zeit. | Bild: Arndt, Isabelle

Fast jeder Raum hat eine Doppelrolle: Woran es in der Kita fehlt

Das bedauern die Betroffenen in der Kita Bruderhof. „Von den Quadratmetern her fehlt hier gar nicht so viel“, erklärt Nicole Grison. Aber es gebe keinen Meter mehr. Und trotz einiger Anpassungen würden die Räume aktuellen Anforderungen nicht gerecht. Fast jeder Raum habe eine Doppelrolle, der Raum der Mond-Gruppe werde mittags beispielsweise zum Esszimmer. Und der Bewegungsraum muss jedes Mal umgebaut werden, wenn die Kinder dort Mittagsschlaf halten sollen. „Das kostet aber Zeit, die wir im Alltag oft nicht haben“, sagt Grison. Deshalb müsse der Mittagsschlaf manchmal ausfallen, gerade bei Personalmangel.

Provisorische Betten machen aus dem Bewegungsraum einen Schlafraum – wenn die Zeit reicht, wie Leiterin Nicole Grison ehrlich sagt. Gerade bei Personalmangel müsse der Mittagsschlaf auch mal ausfallen.
Provisorische Betten machen aus dem Bewegungsraum einen Schlafraum – wenn die Zeit reicht, wie Leiterin Nicole Grison ehrlich sagt. Gerade bei Personalmangel müsse der Mittagsschlaf auch mal ausfallen. | Bild: Arndt, Isabelle

Eltern bedauern: Treffen und größere Projektarbeiten sind nicht möglich

Elternsprecherin Natalie Lutz bedauert auch: Familien können untereinander nicht in Kontakt kommen, weil beispielsweise Feste nur im Garten oder sehr verteilt stattfinden können. „Das ist für mich schon Normalität“, erwidert Nicole Grison. „Wir versuchen, Räume von Vereinen zu mieten, damit die Eltern wenigstens einmal pro Jahr zusammen kommen können.“

Eltern und Kinder haben ihre Wünsche für die Kita Bruderhof aufgeschrieben und aufgemalt. Ein Auszug.
Eltern und Kinder haben ihre Wünsche für die Kita Bruderhof aufgeschrieben und aufgemalt. Ein Auszug. | Bild: privat

Größere Projektarbeiten seien ohne Lagerräume und Ausstellungsflächen undenkbar. Auch von einem großen Turnraum, wie es ihn in anderen Einrichtungen gebe, könne man im Bruderhof nur träumen, ergänzt Natalie Lutz.

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Eltern betonen: „Wir wollen nicht vergessen werden“

Deshalb habe sie mit anderen Eltern Fragen an den Oberbürgermeister und den Gemeinderat formuliert. In dem Schreiben fragt sie auch: „Wir brauchen in der Bruderhof Kita ganz dringend eine zuverlässige Perspektive. Wir werden ... immer wieder aufs Neue vertröstet. Wann werden wir endlich ernst genommen?“ Gegenüber dem SÜDKURIER fügt sie hinzu: „Wir wollen nicht vergessen werden.“ Sie persönlich muss morgens mehr Zeit einplanen: „Ich brauche 30 Minuten, um meine Kinder in Krippe und Kita abzugeben. Denn den direkten Weg über die Wiese und durch die Schule darf ich nicht nutzen.“

Eltern und Kinder haben ihre Wünsche für die Kita Bruderhof aufgeschrieben und aufgemalt. Ein Auszug.
Eltern und Kinder haben ihre Wünsche für die Kita Bruderhof aufgeschrieben und aufgemalt. Ein Auszug. | Bild: privat

Standort kann nur mit Team punkten. Doch das zieht nicht immer

Auswirkungen hat das Provisorium nicht nur auf die Kinder, sondern auch auf die Erzieher: „Hier wird schon Einiges abverlangt“, sagt die Leiterin Nicole Grison für ihr 17-köpfiges Team von Erziehern bis zur Hauswirtschaftskraft. Auch sie persönlich tue sich manchmal schwer: „Ich warte schon seit Jahren darauf, dass es mehr Raum gibt für das Wichtigste, das wir haben: Kinder.“ Dabei äußert Grison auch Verständnis für die finanzielle Lage der Stadt: „Sicherlich kam Corona dazwischen. Aber es wäre wichtig zu sehen, wann der Ersatzneubau umgesetzt werden soll.“ Sie wünscht sich ein neues Datum.

So sieht das Büro in der Krippe aus: Laura Ilje trennt bei der organisatorischen Arbeit nur ein Regal von den Kleinkindern. Konzentration fällt da teils schwer, eine Pause ist nicht möglich.
So sieht das Büro in der Krippe aus: Laura Ilje trennt bei der organisatorischen Arbeit nur ein Regal von den Kleinkindern. Konzentration fällt da teils schwer, eine Pause ist nicht möglich. | Bild: Arndt, Isabelle

Eine langjährige Mitarbeiterin wollte nicht länger darauf warten und wechselte zum neuen Jahr die Einrichtung. Davor saß sie noch im Eingangsbereich der Krippe, um Formulare auszufüllen. Nur ein Regal trennt sie dann von den Kindern, ein extra Büro fehlt. Da falle es schwer, konzentriert zu arbeiten. Und eine Pause sei unmöglich. „Alle staunen, wenn wir ihnen das zeigen. Aber wir müssten damit leben“, sagt sie. Für Natalie Lutz ist es eine ernüchternde Aussicht, dass ihr vierjähriger Sohn nicht in der neuen Kita Nordstadt spielen können wird. Doch es bleibt Hoffnung für das nächste Kind: Die kleine Schwester ist erst ein Jahr alt.

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Eltern und Kinder haben ihre Wünsche für die Kita Bruderhof aufgeschrieben und aufgemalt. Ein Auszug.
Eltern und Kinder haben ihre Wünsche für die Kita Bruderhof aufgeschrieben und aufgemalt. Ein Auszug. | Bild: privat

Fragen der Eltern und Antworten des Oberbürgermeisters

Damit das Anliegen von Erziehern, Eltern und Kindern nicht in Vergessenheit gerät, haben Elternsprecher dem Oberbürgermeister im Gemeinderat einige Fragen gestellt und übergeben. Diese beantwortet OB Bernd Häusler dem SÜDKURIER.

  • Wird der Neubaukomplett abgesagt oder einmal mehr verschoben? Wenn verschoben, auf wann? „Wer kommt auf die Idee, dass der Neubau komplett abgesagt wird. Wir haben gerade in öffentlicher Sitzung den Bebauungsplan für die KiTa in die Offenlage gebracht und die Planungen mit unserem Architekten laufen weiter. Zu welchem Zeitpunkt die KiTa Nordstadt gebaut wird, wird der Gemeinderat in der anstehenden Beratung zum Haushalt 2021 diskutieren. Diese Diskussion wird sicherlich auch davon geprägt sein, was sich die Stadt Singen finanziell leisten kann und was nicht. Über allem steht natürlich für uns, dieses habe ich gegenüber dem Gemeinderat immer formuliert, der Rechtsanspruch der Eltern auf einen KiTa-Platz.“
  • Warum wurde niemand darüber informiert? „Ich habe die Kolleginnen und den Kollegen im Bruderhof-KiTa in einem persönlichen Gespräch vor Ort am 29. Mai darüber informiert, dass wir auf Grund der enormen finanziellen Ausfälle durch die Corona-Pandemie nicht in der Lage sind, mit dem Bau des Kindergartens im Jahr 2020 zu beginnen. Dieses wurde in öffentlicher Sitzung – am 26. Mai und am 28. Juli – zweimal diskutiert und die Verschiebung auch so beschlossen.“
  • Wie wird die räumliche Lage bis dahin weiter verbessert? „Die Situation vor Ort ist sicherlich nicht optimal. Die Einrichtung hat aber eine Betriebserlaubnis durch den KVJS und entspricht damit auch den Standards in Baden-Württemberg. Auf Grund der räumlichen Situation können derzeit keine weiteren Verbesserung generiert werden, sonst hätten wir diese schon längst umgesetzt. Um Verbesserung vor Ort erreichen zu können, müssten die beiden Grundschulförderklassen in eine andere Schule in Singen verlegt werden. Diesbezügliche Überlegungen wurden dem Gemeinderat vorgeschlagen, aber zum damaligen Zeitpunkt nicht befürwortet.“
  • Wie sieht es weiterhin mit der Ehrlichkeit der Stadt gegenüber der Bruderhof-Kita aus? „Ich glaube, mehr Ehrlichkeit, indem wir die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umgehend informiert haben, kann man wohl nicht erbringen. Auch, dass wir die gesamte Diskussion über die finanzielle Situation aus der Pandemie, inklusive einer Haushaltssperre und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Maßnahmen im städtischen Haushaltsplan, offen im Gemeinderat diskutiert haben, ist Transparenz und Ehrlichkeit. Ehrlichkeit tut manchmal auch weh, vor allem, wenn es negative Nachrichten sind.“
  • Welche Betreuungsplätze werden in der Nordstadt geschaffen und wann? „Wir werden in der Gesamtstadt durch die aktuell beschlossenen Maßnahmen über 80 neue Plätze schaffen und auch der Bestand des Waldorfkindergartens mit 49 Plätzen U3 und Ü3 konnte gesichert werden.“
  • Wie wird dem Platzmangel der Bruderhof-Grundschule entgegengesteuert? „Die Bruderhofschule ist dreizügig ausgebaut. Die hierfür erforderlichen Flächen stehen grundsätzlich zur Verfügung. Die Klassen sind durchschnittlich mit 21 Schülerinnen und Schülern belegt. Der vorgegebene Klassenteiler liegt bei 28. Sicherlich wären für den Ganztagesbetrieb weitere räumlichen Kapazitäten positiv, sind aber auf Grund der aktuellen Situation nur schwerlich zu realisieren.“