„Meine Frau kann doch die Spritze setzen“, rief mein Mann der Arzthelferin hinterher. Die Arzthelferin wurde ans Telefon gerufen, bevor der Booster gesetzt war. Aber so einfach ist das nicht. Ich kann Nadeln setzen zwar als ausgebildete Ärztin, aber ich darf es nicht einfach so. Dazu muss ich erst beauftragt werden. Zahn- und Tierärzte sollen nun die mobilen Impfteams verstärken. Trotz offiziellem Berufsausstieg hatte ich mich schon zu Beginn der Pandemie mit einem ziemlichen Papierkrieg wieder als aktive Ärztin registrieren lassen und bei zwei Telefonhotlines mitgearbeitet. Jetzt könnte ich also auch ganz offiziell Spritzen setzen. Ich habe sehr viel um die Ohren zurzeit, aber das kriege ich hin.

Gesundheitssystem ächzt unter Personalmangel

Alle, die in den diversen medizinischen Fachbereichen arbeiten, wissen, dass wir in den nächsten Wochen alle Kräfte und jede helfende Hand brauchen werden. Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten sowieso alle am Anschlag. Der Mangel, unter dem unser Gesundheitssystem ächzt, hat nichts mit fehlender technischer Ausstattung zu tun. Es fehlen gut ausgebildete Menschen. Insofern ist die Pandemie nur eine Vorahnung von dem, was uns bevorsteht, wenn wir die Arbeitsbedingungen für diejenigen nicht verbessern, die unsere Gesellschaft am Laufen halten.

Es ist noch gar nicht lange her, als wir Großbritannien belächelten, wo Lieferketten zusammenbrachen, weil es keine Lastwagen-Fahrer mehr gab. Natürlich hat das mit dem Brexit und dem Exodus polnischer Arbeiter zu tun – aber das Problem geht auch uns an: Auf dem Portal der Fachmesse für Logistik wird wegen Fachkräftemangel der drohende Versorgungskollaps beschworen. Ähnlich sieht es in vielen anderen Branchen aus.

Hilfsangebote werden nicht beantwortet

Aber ich konzentriere mich lieber auf meine Kernkompetenz, also die Medizin. Konkret: Impfen. Ich schickte mein Hilfsangebot los – vom Sozialministerium bis zum Landkreis wurde ich weitergereicht, aber letztlich liefen alle meine Mails ins Leere. Ähnlich ging es einer Krankenschwester, die in ihrer Freizeit bei mobilen Teams mithelfen wollte. Liebe Verantwortliche, wir würden es sogar ehrenamtlich tun. Meinen Hausarzt brauche ich nicht zu unterstützen: Er bekommt sowieso viel zu wenig Impfstoff und muss die Impftermine in seiner Praxis bis weit ins nächste Jahr verschieben.

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Vor mobilen Impfstellen stehen die Menschen aber stundenlang in der Kälte. Und ich sitze im Warmen am Schreibtisch und schreibe mit spitzer Feder. Zumindest hier kann ich ein paar Nadelstiche setzen.

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