Stuttgart, Karlsruhe und jetzt auch Singen. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg vergibt seit 42 Jahren Stipendien an Nachwuchsautoren.

Die damit verbundene Lesereise wurde nun erstmalig um einen Stopp in Singen erweitert. Die Färbe ist der neue Standort, an dem die Stipendiaten aus 2020 ihre Debütromane vorstellen. Aufgrund der Corona-Pandemie hatte sich dies bisher noch verzögert, dabei stehen die nächsten Auserwählten schon wieder fest.

Theres Essmann erzählt die Geschichte zweier ungleicher Männer

Den Auftakt des Abends machte Theres Essmann. Sie ist als Referentin für kreatives Schreiben tätig, hat sich jedoch Zeit für eine eigene Publikation gelassen. „Federico Temperini“ ist der Titel des Buches. In der Novelle erzählt sie die Geschichte zweier ungleicher Männer, dem namensgebenden Federico Temperini und dem Taxifahrer Krause.

Als letzterer von dem alten Temperini als Chauffeur angeheuert wird, ist ihm das zunächst gar nicht recht. Doch vor allem durch die Leidenschaft seines Fahrgasts für den Teufelsgeiger Niccolò Paganini in den Bann gezogen, nähern die beiden sich Stück für Stück an. „Ausschlaggebend für die Nominierung war ihre treffende Sprache und der gekonnte Aufbau der Handlung“, erklärt Juror und Moderator des Abends Oswald Burger.

Frank Rudkoffsky beschreibt einen Generationenkonflikt

LIFT-Redakteur Frank Rudkoffsky, bot dazu einen Kontrast. Er erhielt die Auszeichnung für seinen Debütroman „Fake“. Sein nächstes Buch „Mittnachtstraße“ hat er jedoch bereits in petto. Moderator Burger betonte: „Genau dafür ist die Auszeichnung gedacht. Die Stipendiaten sollen die Möglichkeit bekommen, sich ein Jahr lang relativ sorglos auf ihr zweites Buch konzentrieren zu können.“

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Die Singener erhielten direkt eine Premiere. Erstmalig las der Autor aus dem neuen Werk vor. Der Erscheinungstermin wird voraussichtlich im September sein. Das nach einer Stuttgarter Haltestelle benannte Buch widmet sich, wie für den 42-Jährigen üblich, einem gesellschaftskritischen Thema. Ein Generationenkonflikt und die Auswirkungen toxischer Männlichkeit stehen im Zentrum, wie der Stuttgarter vorwegnahm.

Protagonist Malte, ebenfalls Journalist Anfang 40, wird wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert. In Form seines demenzkranken Vaters steht diese eines Tages vor seiner Tür. Bereits seit Jahren hatte Malte zu ihm den Kontakt abgebrochen. Nun soll er für ihn sorgen, will es aber nicht und wird vor die Frage gestellt, ob er ein guter Mensch ist, inwiefern dies heutzutage überhaupt noch möglich ist.

Cihan Acer skizziert das Leben in einem Problembezirk

Auch Cihan Acar verarbeitete eigene Erfahrungen in seinem Debüt. „Hawaii“ spielt nicht etwa auf einer paradiesischen Insel, sondern ist angesiedelt in Heilbronn – Stadtteil Hawaii. In diesem Problembezirk wohnen viele Familien türkischer Herkunft. Das gilt auch für den Romanhelden Kemal Arslan, ein 21-Jähriger, dessen Fußballkarriere vorzeitig durch einen Unfall beendet wurde.

Nun wieder in seiner alten Heimat gestrandet, muss er wieder ganz von vorne beginnen, durchläuft dabei die verschiedenen Stadien von Illusion, Sehnsucht und Einsamkeit. Der junge Autor hatte bereits zwei Sachbücher über Fußball und Hip-Hop geschrieben. In seinem Roman betreibt er nun eine Milieu-Studie zwischen Einwanderer- und sesshafter Gesellschaft. In Singen sorgte er mit seinen lebensnahen Schilderungen für viel Gelächter.

Valentin Moritz verarbeitet die Geschichte seines Großvaters

Eine andere Art der Herkunftsaufarbeitung gab es von Valentin Moritz. Der Wahlberliner kommt ursprünglich aus Bad Säckingen. Sein Buch „Kein Held – Erinnerungen“ gibt den Erzählungen seines verstorbenen Großvaters eine literarische Form. „Die Erfahrungen meines Großvaters von Krieg und Flucht bekommen gerade wieder mehr Aktualität“, merkte Moritz an.

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Seine Textpassage habe er aber gezielt zu einem anderen Thema gewählt. In einem essayistischen Kapitel beschreibt er seine Gedanken über den Begriff der Heimat, der genauso zu den Geschehnissen der letzten Wochen passt.

Während diese vier Stipendiaten bereits an ihren nächsten Veröffentlichungen arbeiten, geht es im Herbst in die nächste Runde. Oswald Burger sagt: „Vielleicht kommen wir dann wieder in Singen vorbei.“