Seit vielen Jahren gab es im Hegau nicht mehr eine so lange Phase mit geschlossener Schneedecke. Das ist auch für die Vögel eine besondere Herausforderung. Wintervögel kommen nun besonders gern an Futterstellen, doch auch Greifvögel kreisen nun öfter mal über den Siedlungsgebieten.

Sind es nun wirklich mehr geworden? Das fragten wir den Experten Hans-Günther Bauer vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Möggingen sowie Sindy Bublitz von der Singener Umweltschutzstelle.

Greifvögel tauchen vermehrt an Futterstellen auf

„Über einer geschlossenen Schneedecke ist es für Greifvögel natürlich schwerer, Beute wie Mäuse zu finden“, sagt Sindy Bublitz, die bei der Umweltschutzstelle der Stadt Singen für die Bereiche Naturschutz und Biotopverbund zuständig ist, in einem Telefonat mit dem SÜDKURIER.

Kleinere Greifvögel wie dieses Sperberweibchen sind ebenfalls auf Futtersuche.
Kleinere Greifvögel wie dieses Sperberweibchen sind ebenfalls auf Futtersuche. | Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Kleinere Greifvögel wie Turmfalken, Sperber oder Habichte kämen bei winterlichen Verhältnissen ebenfalls gern zu Futterstellen für Singvögel, weil sie dort dann auch mal Jagd auf sie machen könnten. In wärmeren Wintern würden Greifvögel jedoch lieber in den Wäldern bleiben.

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Laut Hans-Günther Bauer vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie gibt es zurzeit nicht wirklich mehr Greifvögel als früher. Zwar gebe es einen Rückgang bei den Mäusebussarden, weil diese aktuell auch weniger Mäuse finden würden.

„Kornweihen finden wir bei uns deutlich weniger, weil sie den Winter nun weiter nördlich verbringen“, so Bauer. Deutlich zugenommen hätten jedoch die Bestände des Rotmilans.

Mülldeponien als Nahrungsquelle

Laut einer Veröffentlichung des Naturschutzbunds (Nabu) benötigt der Rotmilan vor allem offene Kulturlandschaften und lichte Wälder, wo er im Suchflug nach Kleinsäugern wie Mäusen, Hamstern und Maulwürfen Ausschau halten kann. Selbst Aas verschmäht er nicht und hat außerdem auch Mülldeponien als Nahrungsquelle entdeckt.

Kleinvögel wie Feldsperlinge (links) und Meisen gehören zu den häufigsten Besuchern an den Futterstellen.
Kleinvögel wie Feldsperlinge (links) und Meisen gehören zu den häufigsten Besuchern an den Futterstellen. | Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Besonders im Bereich der Schwäbischen Alp und auf der Baar leben viele Rotmilane. Insgesamt gibt es circa 1000 Brutpaare in Baden-Württemberg. Auch im Hegau auf Hilzinger Gemarkung sammeln sich in diesem Winter abends an einem Schlafplatz bis zu 180 Rotmilane, erfuhr der SÜDKURIER von Jürgen Marschner, der sich ehrenamtlich im Nabu und der ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee engagiert.

Das Füttern von Greifvögeln mit Backwaren und Schlachtabfällen in einem privaten Garten in Singen machte im Frühjahr 2020 ein Eingreifen von Seiten der Stadtverwaltung notwendig. Grundsätzlich ist das nämlich verboten. „Allerdings wären zum Beispiel Geier heute ausgestorben, wenn es nicht Luderplätze zum Füttern gäbe“, sagt Hans-Günther Bauer.

Niedrigster Bestand an Wintervögeln

Der Experte hat sich in mehreren Büchern ausführlich mit der Vogel- und Greifvogelwelt im Land beschäftigt (siehe Infokasten). Bei der jährlichen Vogelzählaktion des Nabu sind im Südwesten zuletzt ebenfalls weniger Vögel beobachtet worden als in den Vorjahren.

Der Gimpel ist ein eher seltener Gast an dieser ausgelegten Futterstelle.
Der Gimpel ist ein eher seltener Gast an dieser ausgelegten Futterstelle. | Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Bei der sogenannten „Stunde der Wintervögel“ Anfang Januar wurden in Baden-Württemberg im Schnitt nur 31,6 Vögel pro Garten gesichtet. Im Vorjahr waren es noch 36,7 Vögel. Damit liege das Land „sogar zehn Prozent unter dem Bundesdurchschnitt von 34,3, was der niedrigste Wert seit Beginn der Aktion ist“, erklärt der Nabu-Fachbeauftragte für Vogelschutz, Stefan Bosch.

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Das Ergebnis erinnere an den Winter von 2017. „Auch damals fehlten besonders die typischen Futterplatzbesucher wie Kohlmeisen, Kleiber und Kernbeißer“, so Bosch. Beide Winter seien lange mild geblieben, weswegen viele Arten nicht in den Süden geflogen seien.