Frau Kästner, was reizt Sie an dem Trivialen?

Ich habe schon immer die Schönheit des Trivialen geschätzt, besonders in Groschenromanen. Man muss sich nur darauf einlassen.

In Ihrer Rolle als „Schwester Cordula“ lesen Sie vor Publikum aus eben diesen Groschenromanen

Ich lese nicht einfach auf der Bühne einen vorhandenen Roman vor, sondern durchforste Groschenromane nach ihren schönsten Formulierungen, nach den absurdesten Sätzen, bewegendsten Szenen und herzerfrischendsten Beschreibungen. Daraus baue ich einen neuen Roman zusammen und lasse ganz eigene Poesie entstehen. Ich komme vom Schauspiel und Gesang und kann daher die Texte auf unterschiedliche Weise vortragen. Dabei springe ich zwischen den Szenen, raffe sie zusammen, tauche in Episoden ein, konterkariere, tanze, singe, improvisiere, nehme das Publikum mit auf eine Reise in den Kitsch. Und das Publikum geht begeistert mit. (lacht)

Ihre Kunstfigur „Schwester Cordula“, wer ist das?

Sie ist daraus entstanden, dass ich vor vielen Jahren in einer Galerie zum Thema „Heile Welt“ aus Arztromanen gelesen habe. Ich bin dazu in die Rolle der Krankenschwester geschlüpft, die von einer Romanze mit einem der Ärzte träumt und Groschenromane liest. Die Performance kam so gut an, dass ich anschließend für die Akademie der Künste in Berlin eine Art Essenz all dieser Romane präsentiert habe. Das war der Anfang des Bühnenprogramms. Und die Rolle der Schwester Cordula blieb schließlich als Performance-Name.

Und durch die Rolle dürfen Sie sich auch von der eigenen Person distanzieren, oder?

Ja klar. Ich bin dann ganz frei, kann mich den Texten hingeben, sie in Frage stellen, bissige Kommentare abgeben, weinen

Wie würden Sie das bezeichnen, was Sie machen? Ist das Kabarett, Comedy, Lesung?

In der Tat ist das schwierig einzuordnen. Von allem etwas. Ich bezeichne es als musikalisches Groschentheater.

Apropos musikalisch, bei Ihren Auftritten werden Sie von Dirk Rave und seinem Akkordeon unterstützt.

Nicht nur unterstützt. Die Musik und die Texte gehören untrennbar zusammen. Wir spielen und singen uns durch Operette, Musical, Rock, Schlager, Volkslied und Chanson. Dirk Rave ist ein musikalisches Multitalent!

Nach der heilen Welt der Arzt- und Mutti-Romane, heißt Ihr neues Programm: „Heimatromane – unsern Bub, den kriegst Du net“. Wieder ein Klischee.

Heimatromane wollte ich eigentlich nie machen. Sie sind bieder, dunkel, brutal und voller Morde. Und spielen ausschließlich in Bayern. Das fand ich dann doch wieder ziemlich lustig Und da ich zuvor die Wirtin im „Weißen Rössel“ gespielt und noch zwei umwerfende maßgeschneiderte Kostüme hatte, die ich auf der Bühne anziehen konnte, habe ich das dann doch gemacht. (lacht)

Sie waren schon mehrfach in der Singener Gems zu Gast. Für Sie wird das nun ein Heimspiel?

Ich mag die Gems sehr, sie ist ein wunderbarer Spielort. Jede Region, in der wir spielen, ist anders. In Berlin muss es laut und vor allem schnell sein, im Süden Deutschlands etwas langsamer, das Publikum braucht kleine Atempausen. In Singen taute es bei unserem ersten Auftritt sehr schnell auf, spätestens als ich spontan badische Formulierungen eingebaut habe. Das ist das Schöne an dieser Art von Theater. Und ein bisschen entscheidet immer auch das Publikum, wie unterhaltsam ein Abend wird.