Politikverdrossen und nur mit dem eigenen Smartphone beschäftigt? So sehen sich die Jugendlichen, die das Jugendkomitee planen, überhaupt nicht. Einige bringen sich seit Jahren in der Schülermitverantwortung ihrer Schule ein, andere beteiligen sich an Demonstrationen von Fridays for Future. Dabei haben sie gemerkt: Jugendliche haben etwas zu sagen und möchten mitreden. Doch bislang werden sie wenig gehört und das soll sich ändern. Ganz ohne Smartphone oder Tablet geht das dann doch nicht: Matteo Möller ist per Videokonferenz im Besprechungszimmer des Rathauses dabei. Dort sitzen Benjamin Janke, Sophia Adam, Larissa Maucione, Yannick Oehmann, Jonas Stetter und Tizian Mattes an einem großen Tisch mit Stadtjugendreferentin Jennifer Störk. Gemeinsam haben sie in den vergangenen Wochen ein Konzept für ein Jugendkomitee erarbeitet und vor wenigen Tagen dem Gemeinderat vorgestellt.

Mitmachen kann jeder zwischen 14 und 21 Jahren mit Lebensmittelpunkt in Singen

„Viele Jugendliche sind kritisch gegenüber der Politik, haben aber wenig damit zu tun. Dann sollte man sich erst recht einbringen, statt andere machen zu lassen“, schildert Larissa Maucione ihre Motivation. Die 17-Jährige ist Klassen- und Schülersprecherin am Friedrich-Wöhler-Gymnasium in Singen. Dass sie in Rielasingen-Worblingen wohnt, soll auch im Jugendkomitee kein Hindernis sein: Mitmachen kann jeder, der seinen Lebensmittelpunkt in Singen hat. „Eine größere Gruppe ist doch sogar besser, um die Stadt voranzubringen“, sagt Tizian Mattes. Er stellte sich für den regulären Gemeinderat auf und scheiterte knapp, nun will er jungen Stimmen und Themen anderweitig zu Aufmerksamkeit verhelfen.

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Acht Jugendliche planen Beteiligung

An diesem Tag sprechen die Jugendlichen nicht nur mit dem SÜDKURIER, sondern auch über eine Förderung. Ein Zuschuss soll ihnen die nötigen Mittel geben, um eine Webseite einzurichten und Plakate oder Flyer zu drucken. Einen Slogan gibt es schon: „Wie sieht dein Singen aus?“ Noch wüssten aber nur wenige Jugendliche von dem geplanten Jugendkomitee. Dabei arbeitet einige engagierter Jugendlicher seit Jahresende an dem nun vorgestellten Konzept: Mit Tabikan Runa und Jon-Lawrence Niklaus bringen sich acht Schüler ein.

Meilenstein für die Kinder- und Jugendbeteiligung

Jennifer Störk erklärte das Jugendkomitee zum Meilenstein für Kinder- und Jugendbeteiligung in Singen, wie sie auch die Gemeindeordnung vorsieht: Bereits 2017 hätte Jugendliche Unterschriften dafür eingereicht, seit 2018 arbeite man gezielt an Beteiligungsverfahren.

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Nun werden die Pläne konkreter: „Ich bin richtig stolz auf die Gruppe, denn sie haben die Corona-Zeit genutzt, um ein Konzept zu entwickeln“, sagte Störk. Sie erklärte dem Gemeinderat die Idee eines Rede-, Antrags- und Anhörungsrecht für Vertreter des Jugendkomitees. „Damit Jugendliche ein Mitspracherecht haben bei Themen, die sie betreffen.“ Das sei besonders für die Ausschüsse für Kultur sowie für Schule und Sport relevant. „Man sieht zum Beispiel am Skateboardpark oder an der Aach-Putzete, dass Jugendliche viele Ideen haben. Aber es braucht einen Weg, diese einzubringen“, sagt die 19-jährige Schülerin Sophia Adam. Laut Fachbereichsleiter Bernd Walz wird ein ständiger Sitz im Ausschuss geprüft, ein Stimmrecht ist laut Oberbürgermeister Bernd Häusler nicht möglich.

Offene Fragen sollen demnächst beantwortet werden

Einige Fragen sind noch offen. Dirk Oehle (Neue Linie) gab beispielsweise zu bedenken, dass auch Jüngere nicht zu kurz kommen sollten. Grundsätzlich befürworteten aber alle das Engagement: „Wir freuen uns auf frischen Wind und unangenehme Fragen“, sagte Gabriele Eckert für die CDU. Offene Fragen sollen in den nächsten Wochen beantwortet werden. Bei welchen Themen die Jugendlichen konkret einbezogen werden sollen, wird sich laut Tizian Mattes zum Beispiel noch entwickeln. „Es ist jedenfalls sehr erfreulich, dass wir unser Projekt so gut rüberbringen konnten und einstimmig Zustimmung erfahren haben.“

Flexibles System statt starres Korsett geplant

Das Jugendkomitee soll allerdings kein zu starres Korsett, sondern ein flexibles System werden, wie Stadtjugendreferentin Jennifer Störk erklärt: Auch daran könne jedermann mitwirken. Und in den Ausschüssen, die es für Themen wie Bildung, Freizeit und Umwelt geben soll, können sich auch Jugendliche einbringen, die nicht gewählt sind. Jennifer Störk wird dann im Hintergrund vermitteln, den Ideen vielleicht auch einen Rahmen geben. „Die Managerin“, sagt Mattes mit einem Augenzwinkern. Der Kontakt mit dem Gemeinderat soll auch über ein Patenmodell entstehen. „Deren Erfahrungen können uns sicher helfen“, sagt Tizian Mattes. Einige Gemeinderäte zeigten sich gegenüber dieser Idee bereits sehr offen. Auch einen Kennenlern-Abend soll es geben.

Nicht jeder, der sich jetzt engagiert, will selbst kandidieren

Noch ist viel zu tun für ein Jugendkomitee. Die Planungsgruppe sieht sich als Geburtshelfer für eine neue Beteiligungsform. Doch nicht jeder von ihnen wird sich später auch um einen festen Platz bewerben: Einige müssen sich nach dem Abitur für ein Studium entscheiden und könnten wegziehen, andere haben im nächsten Jahr wichtige Prüfungen vor sich. Deshalb ist dann einmal mehr auch das Engagement anderer gefragt.

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