Was für eine Vorstellung: Singener Kinder ziehen ins Königreich ein. Genauer gesagt in einen ehemaligen „Königreichssaal„. Als die Stadt im Juli 2019 durch einstimmigen Gemeinderatsbeschluss das Gebäude der Jehovas Zeugen mit deren Versammlungsraum, dem sogenanntenKönigreichssaal, in der Berliner Straße 15 für 475.000 Euro plus Nebenkosten erwarb, gab es noch keine konkrete Vorstellung von der künftigen Nutzung.

Aber manchmal ist es weise, wenn eine Kommune von ihrem Vorkaufsrecht, dem sogenannten Heimfall, Gebrauch macht. Denn jetzt könnte sich für die ehemalige Kirche schon recht bald eine neue Nutzung ergeben.

Gebäude muss erst untersucht werden

Wie von der Verwaltung zu erfahren ist, haben zwar einige Religionsgemeinschaften an dem 1628 Quadratmeter großen Grundstück mit Gebäude Interesse gezeigt; doch die Stadt will das Gebäude voraussichtlich selber nutzen: als zweigruppigen Kindergarten mit Erweiterungsmöglichkeit.

Voraussetzung ist jedoch, wie Bürgermeisterin Ute Seifried vor dem Sozialausschuss betonte, dass das Gelände nicht zu stark durch industrielle Altlasten verseucht ist. Denn dann würde sich einerseits die Sanierung zu lange hinziehen und die Kosten für die Umgestaltung der verdichteten Außenanlage explodieren. Beides kann sich die Stadt nicht leisten. Erstens, weil die Corona-Pandemie die Gewerbesteuereinnahmen drastisch einbrechen ließ und zweitens, weil die Stadt einen akuten Bedarf an neuen Kindergartenplätzen hat.

Deutlich günstiger als Neubau

Während der Neubau eines Raumes für eine Kindergartengruppe in Baden-Württemberg mit rund 800.000 Euro veranschlagt wird, könne die ehemalige Kirche für 450.000 Euro in eine Kita mit zwei Gruppen umgebaut werden, schätzt die Bürgermeisterin grob nach ersten Begehungen mit dem städtischen Gebäudemanagement. Die genauen Berechnungen sind noch nicht abgeschlossen. Mit einem Container könnte man auf dem Gelände Platz für eine weitere Gruppe schaffen.

Die Fachabteilung Kindertageseinrichtungen hatte sich zusammen mit dem städtischen Gebäudemanagement auf die Suche nach Gebäuden gemacht, in denen schnell und kostengünstig Kinderbetreuungsplätze geschaffen werden könnten. Voraussetzungen, die der Königreichssaal zu bieten hatte. Besonders akut ist der Bedarf an Plätzen für Kinder ab drei Jahren bis zum Schuleintritt. Hier gibt es bereits Wartelisten.

„Ein enormer Befreiungsschlag“

Die Mitglieder des Jugend- und Sozialausschusses hatten nun in ihrer ersten Sitzung unter Pandemie-Bedingungen zu entscheiden, ob sie sich im Grundsatz eine Kita mit zwei Gruppen in der ehemaligen Kirche vorstellen könnten. Ute Seifried ermunterte die Räte mit den Worten: „Das wäre ein enormer Befreiungsschlag.“

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Doch Isabelle Büren-Brauch (Grüne) wollte zuerst die Bestätigung, dass dadurch nicht andere, dringend benötigte Kita-Plätze wegfallen. Diese Sorge konnte die Bürgermeisterin ihr nehmen: „Es geht nicht um Nordstadt gegen Südstadt. Wir brauchen beide Einrichtungen. Wir haben viele Kinder und müssen viele Plätze schaffen.“ Das sieht Regina Brütsch (SPD) genauso. „Ich bin ein Fan von improvisierten Einrichtungen“, sagt sie. „Sie bieten schnelle, individuelle Lösungen. Und die brauchen wir für die Kinder im Alter von über drei Jahren.“

Nun ist der Gemeinderat an der Reihe

Besonders profitieren Kinder aus Flüchtlingsfamilien von der Betreuung in den Kindertageseinrichtungen. Unter den Zugezogenen seien auch viele Kinder im Vorschulalter. Für sie ist der Besuch einer Kita umso wichtiger, um beim Wechsel in die Grundschule den Anschluss zu schaffen. Deshalb bekräftigt Ute Seifried das Ziel, möglichst viele Drei- bis Sechsjährige in die Kita zu bekommen. „Das ist uns schon recht gut gelungen“, sagt sie.

Bestätigung bekommt sie aus den Reihen der zahlreich vertretenen Kita-Leiterinnen von Susanne Sargk. „Sie müssen dem Umbau der Kirche zur Kita zustimmen“, appelliert sie. „Das ist eine Gelegenheit, das Feuer zeitnah zu löschen.“ Für Jürgen Schröder (CDU) ist die Sache klar: „Die CDU unterstützt den Grundsatzbeschluss.“ Der einstimmige Beschluss ist eine gute Entscheidungsgrundlage für den Gemeinderat, der das Projekt vorantreiben muss.