Wofür steht Singen? Auf jeden Fall für die starke Industrie, worauf das Maggi-Areal mit seinem Turm, den Schornsteinen und den prägnanten gelben Lettern im Hintergrund des Bahnhofs verweisen. Daneben ist sie neben Konstanz die Einkaufsstadt der Region. Singen zeichnet aber auch aus, dass die Stadt stets offen für private und gemeinnützige künstlerisch-kulturelle Initiativen war. Einerseits gibt es finanzielle Unterstützung, andererseits werden geeignete Räumlichkeiten engagierten Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung gestellt, um Projekte zu ermöglichen. Institutionen wie die Gems, die Färbe oder die Teestube wurden so aufgebaut – Orte, die seit Jahrzehnten zentral für die Freizeitgestaltung zahlloser Einwohner sind.

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Die Teestube markiert in diesem Trio allerdings einen Sonderfall. Sie ist trotz der vielen hier stattfindenden Konzerte nicht vorrangig Veranstaltungsort, sondern soll vielmehr drei gleichermaßen wichtige Funktionen erfüllen: Sie stellt ein kulturelles Angebot dar, biete aber auch allen Besuchern einen Freiraum zur persönlichen Entfaltung und diene zudem seit Jahrzehnten als soziale Anlaufstelle für Menschen, die nur wenig, bis keinen Rückhalt mehr in ihrem Umfeld haben oder von den Anforderungen des Alltags überfordert sind.

Auf der Demo, welche für den vergangenen Samstag genehmigt wurde, sollte es allerdings nicht nur um die Zukunft der Teestube gehen: Bei gleißendem Sonnenschein ging es um 14 Uhr los. Auf dem Innenhof des vollgesprayten Hauses, wo sich rund 60 junge und ältere Unterstützer der Teestube – aus Singen, Konstanz oder auch Freiburg kommend – eingefunden hatten, herrschte buntes und reges Treiben. Punk donnerte aus auf einen Bollerwagen montierten Boxen und man unterhielt sich entspannt zu einem Bier oder Eistee von Oettinger.

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Die Polizisten, welche die Demonstration mit drei Streifenwagen begleiten sollten, hatten auch noch Zeit für eine oder zwei Zigaretten, ehe Masken verteilt und fünf große selbstbemalte Transparente auf dem Parkplatz vor dem Eingangstor ausgerollt wurden: „Fight For Your Space!“ konnte man darauf lesen – kämpf für deinen Raum! – „Waldbesetzung, Wagenplätze, Bunte Häuser, Wir Bleiben Alle“ und „Ihr könnt uns nicht vertreiben, denn wir sind ein Teil von euch!“

Die ersten beiden Parolen deuteten bereits an, dass der Abriss der Teestube von den Demonstranten in einen größeren Kontext gestellt und zumindest in Teilen auf Entwicklungen zurückgeführt wird, die nicht auf Singen beschränkt sind. Dennoch war die erste Rede eine sehr persönliche: Ein langjähriges Mitglied des Vereins, inzwischen um die 30, verglich die Teestube mit Pipi Langstrumpf Villa Kunterbunt und verwies auf die Besonderheiten der Teestube, dass es immer etwas Neues zu entdecken gebe, auch wenn es sich nur um eine Kritzelei an der Wand handle, die man noch nicht gesehen habe. Daneben verwies er aber auch schon auf die Vielschichtigkeit der Institution, auf den Umsonst-Laden, auf die selbstgebaute Skater-Ramp in der Scheune, das große Gelände mit seiner Feuerstelle und die Wohngemeinschaften im zweiten Stockwerk – für all das, wofür im von der Stadt angedachten Gebäude in der Bahnhofsstraße kein Platz ist.

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Dann setzte sich der Protestzug in Bewegung, mit dem dröhnenden, boxenbewährten Bollerwagen und unter lauten Sprechchören die Hauptstraße entlang in Richtung Bahnhof. Vor dem Cano zückten die Cafébesucher die Kameras und die zahlreichen Einkaufsbesucher blieben verblüfft stehen, als die Protestierenden auf die Fußgängerzone zusteuerten. Ein ganz schönes Spektakel, dem mit wohlwollender Verwunderung begegnet wurde – eine ähnlich große Demonstration hat Singen schon lange nicht mehr erlebt. Ziel war der Platz vor der Herz-Jesu-Kirche, wo die Banner abgelegt wurden und man sich es auf dem Boden gemütlich machte, um einer weiteren Rede zu lauschen, auch Mitglieder der Singener Politikprominenz hatten sich eingefunden. Es ging nun um den schon angesprochenen größeren Kontext, in welchen der Abriss der Teestube und des ganzen Scheffelquartieres gestellt wird: nämlich in der in ganz Deutschland zu beobachtenden Tendenz der Gentrifizierung. Nicht nur die Teestube, sondern ganz besonders die Sozialwohnungen auf dem Gelände seien hiervon betroffen. Man gehe nicht davon aus, dass in den geplanten Neubauten bezahlbare Wohnungen für jene bereitgestellt würden, welche aktuell im Quartier zuhause sind. Es sei abzusehen, dass die Anwohner vielmehr an den Rand der Stadt gedrängt würden und die Frage zu stellen, ob dies für ein heterogenes Stadtbild wünschenswert und mit den Ansprüchen, für alle Bürger Verantwortung zu tragen, vereinbar sei.

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Weiter ging es, die Freiheitstraße entlang in Richtung Rathaus. Bereits auf dem Rathausplatz eingetroffen, war die Punkband „Knarre“, welche über ein auf der Ladefläche eines alten Feuerwehrwagens positionierten Mischpult abgenommen wurde. Auch ein Stand mit kühlem Getränken und einer Auswahl von Platten (Neil Youngs „Harvest“ und Joe Cocker waren dabei), Kleidern und Büchern aus dem Umsonstladen war schon aufgebaut. Das Konzert der Band, zu welchem Punks auf dem Pflasterstein pogten, wurde von zwei finalen Reden eingerahmt. Hier wurde auf den Punkt gebracht, weshalb der von der Stadt angedachte Neubau in der aktuellen Planung nicht als Ersatz für die Teestube geeignet sei: Zum einen sei da die „Verkleinerung der Gesamtfläche von 900qm auf 400 qm“ zum anderen – und das wiege schwerer – biete der Neubau weder „Wohnmöglichkeiten“ noch einen „selbstgestaltbaren Außenbereich“. Es sei lediglich ein Veranstaltungsraum angedacht, worauf das Konzept der Teestube allerdings nicht zu begrenzen ist. Ohne die Möglichkeit, einen „kleinen Garten, Werkstätten, eine Feuerstelle“ zu errichten, also ohne Raum zur kreativen Selbstentfaltung, könne die Teestube nicht als Lebens- und Freiraum weiter existieren. Man darf gespannt sein, ob die Forderungen der Demonstrierenden Gehör finden.