Jugendliche in Deutschland sehen dem politischen Geschehen ihres Landes nicht mehr nur zu. Das wurde nicht zuletzt durch die Jugend-Klimabewegung Fridays for Future klar. Doch nicht nur im Bereich Klimaschutz haben Erst- und Zweitwähler eine laute Stimme. Wir haben Erstwähler gefragt, was sie in der Landespolitik derzeit vermissen und Landtagskandidaten mit den Antworten konfrontiert.

Amina Trautmann, Svenja Hoffmann und Jakob Denzel dürfen zum ersten Mal bei einer Landtagswahl wählen. Für sie ist Politik aber nicht erst mit der Wahl relevant geworden. „Unsere Generation bestimmt die Zukunft. Wir Jungen sollten uns jetzt darum kümmern und nicht immer nur die Alten entscheiden lassen“, meint Hoffmann. Für Jakob Denzel ist das politische Engagement ein selbstverständlicher Beitrag zum demokratischen Zusammenleben. Amina Trautmann ist aktiv bei Fridays for Future in Singen.

Grundsätzlich haben alle drei den Eindruck, dass die Interessen der Erst- und Zweitwähler zu selten umgesetzt werden. „Mittlerweile wirbt fast jede Partei damit, an Jugendliche anzuknüpfen. Doch Taten folgen selten“, meint Denzel.

„Es geht um viel mehr als Laptops oder Tablets in Schulen. Der gesamte Aufbau des Bildungswesens, von kleineren Schulklassen bis hin zu neuen Schulsystemen, sollte überdacht werden.“ Jakob Denzel, Erstwähler
„Es geht um viel mehr als Laptops oder Tablets in Schulen. Der gesamte Aufbau des Bildungswesens, von kleineren Schulklassen bis hin zu neuen Schulsystemen, sollte überdacht werden.“ Jakob Denzel, Erstwähler | Bild: privat

Dorothea Wehinger, Landtagskandidatin der Grünen im Wahlkreis Singen/Stockach, gibt zu: „Junge kommen in der Politik noch immer zu selten vor.“ Doch das scheitere nicht zuletzt daran, dass deren Interessen – abseits vom Klimaschutz – zu wenig an Politiker herangetragen würden.

Wehinger, Hans-Peter Storz (SPD) und Tobias Herrmann (CDU) versuchten im Wahlkampf gezielt, in Online-Veranstaltungen mit Erst- und Zweitwählern ins Gespräch zu kommen. „Die Pandemie-Lage erschwert den Austausch gerade mit Wählern der jüngeren Generation. Doch wir geben unser Bestes“, so Storz. Der Landtagskandidat der FDP, Markus Bumiller, setzt darauf, dass Jugendliche sich selbst bei ihm melden. Das sei authentischer.

Was wohl die meisten Erst- und Zweitwähler bewegt: die Klimapolitik. „Es darf nicht sein, dass die Politik Klimaziele vernachlässigt und damit unsere Zukunft gefährdet“, sagt Trautmann. Sie vermisse vor allem das Engagement der Grünen in der derzeitigen Schwarz-Grünen Landesregierung. Vieles sei nur „Larifari-Politik“, die die Klimaziele nicht beachte.

Eine Frage der Kommunikation?

Dorothea Wehinger bedauert, dass Jugendliche nicht sehen würden, was die Grünen auf Landesebene für den Klimaschutz erreicht hätten. Sie spricht unter anderem den Einsatz für Windkraft und Wärmeschutz an, die eingeführte Photovoltaik-Pflicht und den Ausbau von Fuß- und Radwegen. Einig sind sich Grüne, SPD, CDU und FDP in dem Punkt, dass mehr für das Erreichen der Klimaziele getan werden sollte. „Für mich ist ein Technologie-offenes Denken, das über Windkraft und Elektroautos hinausgeht, besonders wichtig“, sagt Markus Bumiller.

Für innovativere Schulen

Ein weiterer Bereich, der für viele Erstwähler relevant ist, ist das Bildungswesen. Vor allem im Bezug auf die Digitalisierung und Online-Lehre steht das Thema derzeit zwar im politischen Fokus, jedoch reicht das vielen Jugendlichen nicht. „Es geht um viel mehr als Laptops oder Tablets in Schulen. Der gesamte Aufbau des Bildungswesens, von kleineren Schulklassen bis hin zu neuen Schulsystemen, sollte überdacht werden“, sagt Erstwähler Jakob Denzel.

Landtagskandidat Storz meint, dass Innovationen im Schulsystem vor allem daran scheiterten, dass es zu wenig Lehrkräfte und Fortbildungsmöglichkeiten gebe. Doch auch dieses Problem möchte jeder der gesprochenen Landtagskandidaten angehen.

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CDU und FDP orientieren sich dabei vor allem am traditionellen dreigliedrigen Schulsystem, das aber durchlässig und auf jeden Schüler anpassbar sein solle. „Eine individuelle Förderung jedes Schülers ist Ziel unserer Bildungspolitik“, so CDU-Kandidat Herrmann.

„Ich wohne in einem kleinen Dorf hinter Tengen, muss zwei Stunden auf den nächsten Bus warten und am Wochenende sogar erst anrufen, damit einer erscheint. Sowas darf es nicht mehr geben“, sagt die 17-Jährige Svenja Hoffmann. Viele Jugendliche, die im ländlichen Raum wohnen und kein Auto haben, leiden unter den noch immer schlecht ausgebauten Bus- und Bahnlinien.

Storz sieht Schweiz als Vorbild beim ÖPNV

Zu Zeiten außerhalb des Schul- und Berufsverkehrs von einem Ort zum anderen zu kommen, wird zu einer Herausforderung. „Wir müssen in Zukunft Zuschüsse fördern, die eine höhere Taktung der Busse und Züge ermöglichen“, sagt SPD-Politiker Hans-Peter Storz. Die Schweiz sei hierfür ein Vorbild, da dort auch im ländlichen Bereich regelmäßig Busse fahren und so der öffentliche Nahverkehr eher genutzt wird.

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Dorothea Wehinger glaubt jedoch, dass es derzeit am Bedarf mangelt: „Werden Bus und Bahn auf dem Land selten genutzt, ist es schwierig, mehr davon verfügbar zu machen.“

Warum muss man über Gleichberechtigung überhaupt noch nachdenken?

Alle drei Erstwähler finden, dass Feminismus und Gleichberichtigungsdebatten im Landtag zu kurz kommen. Dabei sei es für junge Generationen nicht zu begreifen, wieso Frauen einen deutlich geringeren Anteil in Führungspositionen ausmachen und in gleichen Berufen weniger verdienen.

„Unser Ziel ist: die Hälfte der Macht der Frauen“, sagt Wehinger. Dabei sei eine Frauenquote in Betrieben elementar. Auch CDU-Politiker Tobias Herrmann sieht die Emanzipation als dringende Aufgabe. Markus Bumiller setzt sie weit oben auf die Agenda, ist aber gegen eine gefestigte Frauenquote: Beim Job „sollte nach Qualität eingestellt werden.“

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