Derzeit läuft die landesweite Aktionswoche gegen Armut. Vom 16. bis 25. Oktober machen Institutionen im ganzen Land auf die stetig steigende Armut aufmerksam. In diesem Jahr stehen Kinder im Fokus. In Singen machen Mitglieder eines großen Netzwerkes mit einer Plakataktion auf dem Heinrich-Weber-Platz auf die Situation aufmerksam.

2,88 Euro pro Tag für Essen

Es ist definitiv keine Bauchentscheidung für ein Kind, sich mal eben so ein Eis für 3,55 Euro im Hörnchen zu kaufen. Oder 3,50 Euro für einen Orangensaft auszugeben. Zumindest nicht für Kinder aus armen Familien.

So können Kinder bis zum Alter von sechs Jahren, deren Familie von Hartz 4 lebt, nach den aktuellen Sätzen maximal 2,88 Euro pro Tag für Essen ausgeben. Am Heinrich-Weber-Platz ist im Rahmen der Aktionswoche eine Installation am Bauzaun aufgebaut, um auf die zunehmende Kinderarmut aufmerksam zu machen.

Schwere Startchancen

„Arme Kinder – arme Gesellschaft“ – so lautet in diesem Jahr das Motto der Aktionswoche. „Allerdings sind es arme Kinder in einer im Grunde reichen Gesellschaft“, sagte der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt im Kreis Konstanz, Reinhard Zedler zum Start der Aktion auf dem Heinrich-Weber-Platz.

Denn ungefähr 60 Prozent der Kinder kommen nie mit Armut in Kontakt, doch seien 20 Prozent auf Dauer von Armut gefährdet. „Die Armut betrifft nicht nur das Essen, sondern auch die Bildung. Diese Kinder haben besonders schwere Startchancen“, sagt Zedler.

Oft wird die Stadt Mannheim genannt, wenn Zahlen über den Anteil der Kinderarmut beziehungsweise den Anteil an Haushalten, die Hartz IV (also Arbeitslosengeld II nach dem Zweiten Buch des Sozialgesetzbuches SGB II) bekommen) auf den Tisch kommen. Mit 20,4 Prozent liegt die Stadt damit im Land an erster Stelle. Doch auch in Singen ist die Zahl mit 17,9 Prozent sehr hoch, so Udo Engelhardt, Vorsitzender der Singener Tafel. „Im restlichen Landkreis liegt diese Zahl nur bei etwa 9 Prozent“, so Engelhardt.

Vor Ort fehlt das Bewusstsein

Auch Renate Weißhaar, die als Vertreterin der Bürgerstiftung dabei war, ist sich über die Situation im Klaren. „Die Situation ist aber noch nicht im Bewusstsein der Menschen hier vor Ort angekommen“, glaubt sie. Die Bürgerstiftung unterstützt Projekte, die die Widerstandskraft von Kindern aus armen Familien fördern.

Ebenso wie der Verein Kinderchancen, der seit zehn Jahren besteht. Viele Angebote macht auch die Elternschule der Arbeiterwohlfahrt. „Wir können die Resilienz nur durch ein starkes Netzwerk stärken“, ergänzt der Geschäftsführer des Caritasverbands Singen-Hegau, Wolfgang Heintschel.

Lockdown belastet arme Familien

Besonders seit dem Beginn der Corona-Pandemie sei die Schere zwischen Arm und Reich noch mal stärker aufgegangen, ist Heintschel überzeugt. „Kinder aus armen Familien haben noch mehr unter der Situation gelitten“. Während des Lockdowns sei der Kontakt der Familien zu den Tageseinrichtungen oder Schulen verloren gegangen.

Heintschel sieht generell die Gefahr, dass Kinder aus armen Familien auch bei der Digitalisierung nicht mitmachen können. Weil sie nicht die technische Ausstattung haben, die es dazu braucht. „Wenn es einen zweiten Lockdown geben sollte, brauchen wir einen Krisenapparat, damit diese Kinder und Familien nicht allein gelassen werden“, sagt Udo Engelhardt.

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