Das Korsett für den Handel wurde gelockert, die Frage nach der Gerechtigkeit aber bleibt. Der Floristik-Unternehmer Jürgen Datz, der Filialen im und außerhalb des Landkreises Konstanz betreibt, brachte dies in einem Brief an Winfried Kretschmann zum Ausdruck. Im Namen der Branche forderte er „unseren Landesvater“ dazu auf, „alle seine Kinder gleich zu behandeln“.

Dabei zeigt er Verständnis dafür, dass zu Krisenbeginn nur die Supermärkte geöffnet blieben, denn sie übernähmen eine systemrelevante Aufgabe. „Aber muss es sein“, so fragt Jürgen Datz, „dass die ohnehin schon überlasteten Mitarbeiter auch noch Blumen oder Elektrogeräte verkaufen?“ Er forderte gleiches Recht für alle, zumal wenn im Handel der Mindestabstand und die Hygienevorschriften sogar besser eingehalten werden könnten als im Gedränge eines Einkaufmarktes.

Für Jürgen Datz und die meisten anderen Unternehmer seiner Branche mag das Problem mit der Freigabe des Warenverkaufs in Geschäften mit einer Fläche bis zu 800 Quadratmetern vorerst gelöst sein, für andere galt dies zunächst nicht. Otto Schweizer zum Beispiel.

Ein Abstand wie beim Drive-in?

Der Betreiber des Singener Sportgeschäfts „Intersport Schweizer„ scheiterte anfänglich beim Versuch der Einrichtung eines Abholservices. Die Ware, so sein Plan, sollte nach erfolgter Vorbestellung durch ein Gitter außerhalb des Geschäfts unter Beachtung aller Vorschriften wie etwa der Abstandsregelung ausgehändigt werden. Das, so argumentierte Otto Schweizer, sei nicht anders als bei einem üblichen McDrive.

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Doch der Geschäftsmann bekam einen ablehnenden Bescheid. Der Unterschied zum McDrive, so teilte ihm die Abteilung für Sicherheit und Ordnung im Singener Rathaus mit, bestehe darin, dass der Außer-Haus-Verkauf von Lebensmitteln ausdrücklich erlaubt sei. Folglich sei „klargestellt, dass andere Außer-Haus-Verkäufe nicht stattfinden dürfen“. Mit Bedauern stellte der zuständige Mitarbeiter des Amts fest, dass es sich mit dem angestrebten Abholservice noch nicht einmal um eine Grauzone handle.

Geschäftsmann fühlt sich diskriminiert

Dahinter steckt eine bürokratische Logik, die Otto Schweizer nicht akzeptieren wollte. Für ihn war entscheidend, dass die Reglementierung der Verlangsamung der Virus-Verbreitung dient, und da dürfe es keine Ungleichbehandlung geben. „Wir tun alles für die Gesundheit“, schrieb er im Mail-Verkehr mit dem Ordnungsamt, deshalb fühlte er sich diskriminiert. Die Schräglage wurde inzwischen auf gerichtlichem Wege auch bundesweit korrigiert – aber was beispielsweise ist mit Fitness-Studios, die über die Möglichkeit zur Wahrung des Abstandsgebots verfügen?

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Dass die Sorgen und Nöte im Corona-Gefolge in die Mikrostruktur der Gesellschaft einwirken, ist den beiden Landtagsabgeordneten des Landkreises Konstanz, Nese Erikli und Dorothea Wehinger (beide von den Grünen), bewusst. „Wir stecken in einem Dilemma“, räumt Nese Erikli ein. Mit der Entscheidung, Supermärkte wegen der Erfordernisse zur Lebensmittelversorgung geöffnet zu lassen, sei klar gewesen, dass auch nicht systemrelevante Waren verkauft würden.

Es sei dabei längst nicht nur um Blumen gegangen, sondern auch um Waren wie Bücher oder Elektroartikel. Für eine Sortimentsbegrenzung beim Verkauf beziehungsweise die Auflage, die entsprechende Regale zu räumen, habe die Zeit gefehlt und überhaupt wären solche Vorgaben kaum umsetzbar.

Gerechtigkeit für alle?

Deshalb rechnet Nese Erikli auch nicht damit, dass beim weiteren Krisenmanagement dem Gerechtigkeitsempfinden in allen Fällen Genüge getan werden kann. „Solche Lücken werden uns auch künftig begleiten“, sagt sie und verhehlt dabei nicht die Überforderung der Politik. Unbürokratisch gewährte Hilfen immerhin seien möglich, auch ein späteres Nachjustieren durch Hilfsfonds will sie nicht ausschließen.

Nese Eriklis Landtagskollegin Dorothea Wehinger kann ebenfalls verstehen, dass die Anordnungen zwecks Eindämmung der Virus-Verbreitung als ungerecht empfunden werden.

Wenn das Gewissen quält

Auf welch verstörende Weise Covid-19 das Gerechtigkeitsempfinden durcheinander bringt, zeigt sich für sie allerdings auch am Beispiel von Axel Mauch: Den Betreiber eines Gartencenters in Hilzingen quälte das Gewissen gerade deshalb, weil er sein Geschäft nicht schließen musste. Zwar bewahrte ihn Letzteres vor dem wirtschaftlichen Absturz, aber wenn ihn in den vergangenen Wochen „Freunde und Bekannte fragten, warum wir noch geöffnet haben oder ob das denn klug sei, kam ich in Erklärungsnöte.“

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Verantwortung und Fürsorge gegenüber Mitarbeitern und Kunden, sagt Dorothea Wehinger, habe ebenfalls etwas mit Gerechtigkeitsempfinden zu tun. „Für viele Unternehmen“, sagt sie zum Verhältnis von Ökonomie und Ethik, „handelt es sich vielfach um eine wirtschaftliche Katastrophe, aber das Leben von Menschen muss über der Wirtschaft stehen.“ Im besten Fall könne Corona am Ende sogar nachhaltig positive Änderungen beim Konsumverhalten bewirken.

Gerechtigkeits-Debatte nur vorgeschoben?

Beruhigend immerhin ist die Gelassenheit im Umgang mit dem Wertekonflikt. SÜDKURIER-Leserin Tina Carls aus Konstanz beispielsweise sieht in der angeblich mangelnden Gerechtigkeit ein Deckmäntelchen zum Zwecke des üblichen Hauen und Stechens im Wettbewerb. Denn gerecht, so argumentiert sie in einer Leserzuschrift, sei es auf dem Markt auch in Vor-Corona-Zeiten nicht zugegangen.

Ironisch verweist sie dabei auf „die durch die Schweizer Kundschaft ,minimal‘ höheren Verkaufspreise in Blumenläden mit Grenzlage“. Tina Carls löste den Konflikt übrigens auf freigebige Weise auf. Sie versprach, einen Blumenstrauß im Discounter zu kaufen und ihn an ihren Nachbarn zu verschenken: „Der hat noch Arbeit, merkt nicht viel von der Krise – und ich gönne ihm das!“