Fein säuberlich hat Helmut Wessendorf Fotos und Zeitungsartikel aus seiner Singener Anfangszeit auf dem Tisch für den Pressetermin ausgebreitet. Mit 30 Jahren hatte es ihn 1973 als Karstadt-Filialleiter aus Münster in den Hegau verschlagen. Ziemlich genau zum Wiegenfest. „Das war mein einsamster Geburtstag“, erinnert er sich.

Lebhaft erinnert sich Helmut Wessendorf an seine aktive Zeit als Vorsitzender des Singener Einzelhandelsverbandes. Er hat sich immer für die autofreie Innenstadt eingesetzt. Besonders freut den Privatmann heute, dass die Hegaustraße nach Jahrzehnten auch zur Fußgängerzone umgebaut wurde.
Lebhaft erinnert sich Helmut Wessendorf an seine aktive Zeit als Vorsitzender des Singener Einzelhandelsverbandes. Er hat sich immer für die autofreie Innenstadt eingesetzt. Besonders freut den Privatmann heute, dass die Hegaustraße nach Jahrzehnten auch zur Fußgängerzone umgebaut wurde. | Bild: Trautmann, Gudrun

Aber die Einsamkeit sollte schnell überwunden sein. Schon zur Eröffnung des Warenhauses ließ es der junge Chef krachen und machte mit zahlreichen Aktionen einmal im Monat von sich reden. Immer wieder gelang es ihm, Kundenströme anzulocken. Das wollten die Kollegen im Handel auch erreichen.

Der Schritt von der kleinen zur großen Fußgängerzone

Man muss ein bisschen ausholen, um zu verstehen, wann eigentlich der gedankliche Grundstein für den Umbau der August-Ruf- und der Scheffelstraße zu Fußgängerzonen gelegt wurde. „Eigentlich hatten wir zwischen Karstadt, Café Hanser und dem Bahnhof die erste kleine Fußgängerzone„, sagt Wessendorf. Die Diskussion war entbrannt.

Als glühende Mitstreiter nennt Wessendorf den Apotheker Artur Sauter, Heinz Kornmayer, Heinz Läufer und Georg Oexle. Doch es sollte noch fast ein Jahrzehnt vergehen, bis die August-Ruf-Straße zunächst 1982 provisorisch zur Fußgängerzone umgewidmet und 1985 als völlig umgestaltete Einkaufsstraße eröffnet werden konnte.

Helmut Wessendorf (rechts) hat sich immer für den Ausbau der Fußgängerzonen eingesetzt. 1985 wurde die August-Ruf-Straße fertig. Hier ist er mit dem damaligen Oberbürgermeister Friedhelm Möhrle (links) in der Singener Innenstadt zu sehen.
Helmut Wessendorf (rechts) hat sich immer für den Ausbau der Fußgängerzonen eingesetzt. 1985 wurde die August-Ruf-Straße fertig. Hier ist er mit dem damaligen Oberbürgermeister Friedhelm Möhrle (links) in der Singener Innenstadt zu sehen. | Bild: Privat

Auch in der Scheffelstraße machten sich die Händler um Heinz Läufer und Georg Oexle Gedanken darüber, wie man die Straße den Fußgängern überlassen könnte. Eine eigene Werbegemeinschaft gründete sich. Und im Gemeinderat waren die Fußgängerzonen ein heftig diskutierter Dauerbrenner. So kam es auch in der Scheffelstraße zunächst zu einem Provisorium: Aus dem Gegenverkehr wurde eine Einbahnstraßenregelung.

Diskussionsthema – damals wie heute

„Es brauchte viel Überzeugungskraft“, erinnert sich Helmut Wessendorf. „Gefühlt wurde Tausende Stunden über Parkplätze diskutiert.“ Singen habe sich immer als Autostadt verstanden mit der Folge, dass die Kunden am liebsten direkt vor den Geschäften parken würden. Solche Diskussionen sind zwar seltener geworden; die Parkplatzfrage hat aber immer noch die Qualität, Gemüter zu erhitzen.

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Im Singener Stadtarchiv findet man Briefe des bereits verstorbenen Apothekers Artur Sauter, der sich mithilfe zahlreicher Beweisfotos über chaotische Situationen in der provisorischen Fußgängerzone durch Lieferfahrzeuge beschwert. Man konnte sicher sein, dass das Thema mit Emotionen verbunden war. „Von totaler Ablehnung in den Anfängen bis zur Euphorie gab es alles“, so der ehemalige Einzelhandelsverbandsvorsitzende.

Die Singener Welle

„Das gipfelte schließlich in der sogenannten Singener Welle“. In den 1990er-Jahren kam die Idee auf, die Fußgängerzonen zu überdachen, weil die Kunden bei Regen von Vordach zu Vordach hüpften. Ein Probestück der Welle wurde vor dem Modehaus Heikorn aufgestellt und später vor die Maggi-Kantine gestellt. Die Bürger wollten die Welle nicht.

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Für Wessendorf ist die Straßenführung nach Jahrzehnten jetzt endlich perfekt. „Ich war immer traurig, dass die Hegaustraße nicht als verbindende Fußgängerzone ausgebaut wurde“, sagt er. Über zehn Jahre hat er mit seinen Kollegen und dem Motto „sympathische Hegaustraße verbindet“ für den Lückenschluss gekämpft. Jetzt ist er froh, dass dieser Schritt geschafft ist. „Es hat sich gelohnt zu kämpfen“, freut er sich.

1988 genießen die Singener ihre Fußgängerzone in der August-Ruf-Straße. Ein Päuschen am Hauserbrunnen gehört bei schönem Wetter dazu.
1988 genießen die Singener ihre Fußgängerzone in der August-Ruf-Straße. Ein Päuschen am Hauserbrunnen gehört bei schönem Wetter dazu. | Bild: SK-Archiv

Schon bald nach seiner Ankunft hatte er Singen so schätzen gelernt, dass er eine Karriereversetzung im Karstadtkonzern ausschlug und sich mit eigenen Modegeschäften in der Region selbstständig machte.

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