Niemals hätte ich gedacht, dass offene Grenzen etwas sein werden, was ich einmal vermissen werde. Der Weg von Jestetten nach Singen gehörte zu meinem Alltag. 30 Minuten lang dauerte die Strecke mit dem Zug, einmal musste umgestiegen werden in Schaffhausen, in der Schweiz. Dass ich mich täglich über Ländergrenzen hinweg bewege, fiel mir schon gar nicht mehr auf. Mit den weltweiten Grenzschließungen, die die Corona-Pandemie hervorgerufen hat, änderte sich diese Selbstverständlichkeit schlagartig.

Anina Kemmerling: Durch die Folgen von Corona änderte sich der Blick der SÜDKURIER-Mitarbeiterin auf ihren Heimatort.
Anina Kemmerling: Durch die Folgen von Corona änderte sich der Blick der SÜDKURIER-Mitarbeiterin auf ihren Heimatort. | Bild: Lucht, Torsten

Das 5000 Einwohner Dorf Jestetten, in dem ich wohne, wird von uns Einheimischen liebevoll „Zipfel“ genannt, da es Richtung Süden, Westen und Osten von der Schweiz ummantelt wird. Von der Grenzlage profitierte vor allen der örtliche Einzelhandel, für ein vergleichsweise kleines Dorf war der Einkaufstourismus groß. Es verging kein Samstag, an dem die Supermarkt-Parkplätze nicht alle besetzt waren – und das mehrheitlich von Schweizer Einkäufern.

Erst Hamsterkäufe, dann das große Nichts

Als die Grenzen zu schließen drohten, herrschte in Jestetten ein Zustand, der vergleichbar mit einer Großstadt war: meterlange Schlangen zur Kasse, leer geräumte Regale, kein Klopapier. Jetzt nach der Grenzschließung, ist es in Jestetten ungewohnt ruhig. Geschäfte, die sonst bis 21 Uhr geöffnet waren, schließen bereits um 17 Uhr. Kleinere Läden bangen vielleicht sogar um ihre Existenz. Der Schweizer Einkaufstourismus im deutschen Dorf fehlt.

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Aufatmen ließ viele Jestetter, dass seit etwa zwei Wochen wieder ein Zug am Bahnhof hält – mit Beginn der Corona-Krise war die Haltstelle Jestetten komplett aus dem Fahrplan der Schweizer Bundesbahn herausgefallen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Singen zu kommen, war nicht mehr möglich. Man sah die Züge nur noch in hohem Tempo durch den Bahnhof fahren. Besonders für Schüler und Berufspendler war das eine schwierige Umstellung.

Wer über die kleine historische Brücke von Jestetten nach Rheinau wollte, konnte in den vergangenen Monaten nicht einmal zu Fuß auf die andere Rheinseite gelangen.
Wer über die kleine historische Brücke von Jestetten nach Rheinau wollte, konnte in den vergangenen Monaten nicht einmal zu Fuß auf die andere Rheinseite gelangen. | Bild: Edinger, Gerald

Als Nicht-Pendler die Grenze mit dem Auto zu überqueren, ist jedoch immer noch nicht möglich. Vor einigen Tagen wagte ich einen Selbstversuch und sagte dem Zöllner, der mich an der Grenze nach meinem Weg fragte, ich wolle nur nach Singen durchfahren. „Für Transit nach Deutschland sind die Grenzen erst ab dem 15. Juni geöffnet“, lautete die Antwort des Zöllners. Ich musste wenden und nach Jestetten zurückfahren.

Vor knapp drei Monaten wurden an deutschen Außengrenzen aufgrund der sich ausbreitenden Corona-Pandemie verstärkte Einreisekontrollen veranlasst. Die strengen Kontrollen zu Beginn der Krise erlaubten es weder Privatpersonen noch Berufspendlern und Schülern, die Grenze zu überqueren. Am 1. April lockerten sich die Bedingungen für Grenzgänger, die aus beruflichen Zwecken in die Schweiz einreisen und für Schüler. Seit dem 16. Mai ist die gegenseitige Einreise für Privatpersonen, zum Besuch von Lebenspartnern oder Verwandten und Familienfeiern wieder erlaubt. Zudem werden die Kontrollen an der Deutsch-Schweizer Grenze nur noch stichprobenartig vorgenommen.

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