Die Spiellaune im Singener Theater „Die Färbe“ ist ungebrochen. Nach der Zwangspause im Frühjahr konnte das Privattheater in der Schlachthausgasse ab Juni mit Lesungen zu Otto Dix wieder Vorstellungen geben: Theater mit kleinem Ensemble vor begrenztem Publikum, unter eiserner Beachtung der Abstands- und Hygieneregeln. „Zu Beginn spürte man die Unsicherheit vor und auf der Bühne, aber sobald das Licht ausging, waren die Umstände für eine Weile wie vergessen,“ erzählt Theaterleiterin Cornelia Hentschel. Dem kann Schauspieler Elmar F. Kühling nur zustimmen.

Hungrig auf Kultur

Gemeinsam mit Veronika Netzhammer, Vorsitzende des Fördervereins der Färbe, sprachen die beiden jüngst mit zwei Landespolitikern über die Kunst in Zeiten von Corona, und wie es trotz aller Unsicherheit weiter gehen soll. „Als der Spielbetrieb im Land langsam wieder anlaufen konnte, waren die Schauspieler auf den Bühnen wieder merklich lustvoll dabei,“ berichtet Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger von ihren Eindrücken. Die Menschen seien nach der Wiedereröffnung geradezu hungrig auf Kultur gewesen.

Beim Besuch in der Singener Färbe geht es um die Herausforderungen durch Corona und Hilfe vom Land (von links): Kreisrätin und Vorsitzende des Fördervereins Veronika Netzhammer, Schauspieler Elmar F. Kühling, Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger, Kunststaatssekretärin Petra Olschowski und die Leiterin des Färbe-Theaters Cornelia Hentschel. Bild: Daniel Volz
Beim Besuch in der Singener Färbe geht es um die Herausforderungen durch Corona und Hilfe vom Land (von links): Kreisrätin und Vorsitzende des Fördervereins Veronika Netzhammer, Schauspieler Elmar F. Kühling, Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger, Kunststaatssekretärin Petra Olschowski und die Leiterin des Färbe-Theaters Cornelia Hentschel. | Bild: Daniel Volz

Gerade in diesen unsteten Zeiten biete der Kulturbetrieb auch unter Abstand Berührungspunkte und Begeisterung, fügt Petra Olschowski hinzu, Kunststaatssekretärin beim Ministerium in Stuttgart. Sie habe viele Rückmeldungen aus dem Südwesten erhalten, dass das Publikum die verschiedenen Angebote trotz Einschränkungen euphorisch und bewegt angenommen habe. „Und das zu ermöglichen, auch in Krisenzeiten, ist eine der Hauptaufgaben der Kulturförderung in Baden-Württemberg“, erklärt sie entschieden in der Färbe-Kneipe.

Haus plant den Spielbetrieb meist kurzfristig

Verschiedene Programme des Ministeriums – geschöpft aus den Corona-Rücklagen des Landes – haben Einrichtungen und Kunstschaffenden über den Sommer geholfen. So konnte vielerorts trotz teils aufwendiger Vorkehrungen zum Gesundheitsschutz ein Corona-fähiges Kulturprogramm angeboten werden. Diese Hilfen hätten aber längst nicht alle erreicht, dessen sei man sich bewusst, geben die Vertreter der Politik zu bedenken. Die Singener Färbe zum Beispiel sei nicht in den Genuss spezieller Corona-Zuwendungen gekommen, merkt Hentschel dazu an. Dies sei zum Glück aber auch noch nicht notwendig, das Haus sei vor der Krise gut aufgestellt gewesen und plane den Spielbetrieb meist kurzfristig. Unbürokratische Hilfen, wie das Kurzarbeitergeld, seien dennoch eine große Stütze, bedankt sich Cornelia Hentschel bei den Besuchern aus Stuttgart.

Wie soll es weitergehen?

Man sei noch nicht über den Berg, da ist sich die Runde in der Färbe einig. Die Kulturszene in Baden-Württemberg sei zwar bis zum Jahreswechsel gut aufgestellt, sollte 2021 aber keine Entspannung eintreten, werde es schwierig. Man hofft auf eine Normalisierung bis zum Sommer, wenn bis dahin zum Beispiel ein Impfstoff verfügbar wäre. Bis dahin heißt es aber, sich mit der Situation zu arrangieren und nach Lösungen zu suchen, sowohl vor Ort wie auch in Stuttgart. Während des frühen und milden Sommers konnte an der frischen Luft gespielt werden, in der kalten Jahreszeit kann die Färbe unter anderem die geräumige Basilika als weitere Spielstätte nutzen. Man tausche sich mit anderen Kultureinrichtungen in Singen und Umgebung aus, und gehe mit Inszenierungen wie dem Klassenzimmerstück „Die Eisbärin“ neue Wege, erzählt Hentschel.

Das Ministerium arbeitet derweil an der Fortsetzung der Corona-Hilfstöpfe für den Kulturbetrieb, vorerst bis zum Mai 2021. An Beispielen wie dem Baden-Badener Festspielhaus, das sich hauptsächlich über seine Besucher finanziert, sehe man wie eng genäht das Ganze sei, so Olschowski. Darum sei es auch wichtig, sich frühzeitig beim Ministerium zu melden, wenn es Probleme gebe. Gegenwärtig könne man nicht alle Notlagen vorhersehen, weswegen das Ministerium unbedingt auf entsprechende Rückmeldungen angewiesen sei, erklärte die Staatssekretärin weiter. Die Kulturförderung in Baden-Württemberg werde aber auf jeden Fall beibehalten und wenn möglich ausgebaut. Ergänzt werden soll diese weiterhin durch projektbezogene Förderungen. Bei den Gastgebern der Färbe kam diese Aussage gut an.

Konsequente Förderung des Landes

Kunst- und Kultureinrichtungen in Baden-Württemberg haben bundesweit einen ausgezeichneten Ruf, dazu trägt auch die konsequente Förderung des Landes bei. Bei den Hamburger Theatertagen sind regelmäßig mehrere Ensembles aus dem Südwesten vertreten, die Singener Färbe wurde dort 2017 mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Veronika Netzhammer bemerkt dazu, vor 30 Jahren seien es gerade mal 14 geförderte Einrichtungen in Baden-Württemberg gewesen, heute hingegen deutlich über 50. Der Zuwachs sei ein gutes Zeugnis der Leistungsfähigkeit des Kulturetats. „Bestehendes erhalten und Neues ermöglichen,“ fasst Petra Olschowski zusammen.

Die Theatertage in Hamburg inspirieren die Macher der Färbe, den Blick in die Zukunft schweifen zu lassen. Es wäre toll, wieder die baden-württembergischen Kleintheatertage im Hegau auszurichten, so wie es Jürgen Popig Ende der 80er-Jahre als damaliger Dramaturg in Singen schon einmal ermöglicht hatte, überlegt Elmar F. Kühling gegen Ende des Treffens laut. Dazu könne man mit den Ortsteilen und Einrichtungen wie etwa der Gems zusammenarbeiten und ein vielseitiges Programm auf die Beine stellen. Das Theater im Hegau kann also weitergehen.

 

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