Wie hat sich Ihre Arbeit im vergangenen Jahr verändert?

Hans-Michael Jung: Die bedeutendste Auswirkung war wohl die Tatsache, dass wir das Beratungsangebot vom persönlichen Gespräch auf telefonische Beratung und Videoberatung erweitert haben. Für die Videoberatung nutzen wir seit dem Herbst 2020 eine von der Erzdiözese Freiburg zur Verfügung gestellte, gesicherte Plattform. Eine weitere einschneidende Veränderung war die Anpassung von neuen Hygienekonzepten. Mittlerweile ist Hygiene bei uns ein sehr hohes Gut geworden und wird von allen sehr ernst genommen.

Gab es im Jahr 2020 mehr Anfragen für Beratungen?

Hans-Michael Jung: 2020 gab es etwas weniger Beratungen als im Jahr davor. Wir hatten in allen drei Beratungsstellen gut 1000 Klienten, für die wir 5126 Beratungsstunden angeboten haben. Im Jahr 2019 waren es 5426 Stunden und 1076 Klienten. Im Frühjahr 2020 und seit November mussten wir die Präsenzberatung ja drastisch reduzieren. So fanden 2020 fast ein Viertel aller Beratungen am Telefon oder per Video statt. Nur von Mai bis Oktober 2020 fanden hauptsächlich Präsenzgespräche statt. Im Sommer 2020 waren wir sehr gut ausgelastet.

Susanne Strobel-Seiler: Wir glauben, dass manche ihre Termine lieber verschoben haben, weil sie persönliche Beratungsgespräche bevorzugen. Einige Kollegen bieten persönliche Gespräche weiterhin an, wenn eine FFP-2-Maske getragen wird. Wir machen bei den Präsenzterminen auch Pausen, um den Raum entsprechend lüften zu können. Mittlerweile habe ich aber auch Klienten, die lieber per Video oder telefonisch beraten werden möchten. Nebenbei spart diese Form der Beratung ja auch die Anfahrtszeit. Und man kann die Abstände zwischen den Gesprächen bei Bedarf auch verringern. Normal sind Beratungsgespräche alle drei Wochen üblich.

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Gab es bei den Beratungen andere Themen, die wegen der Pandemie in den Vordergrund traten?

Hans-Michael Jung: Die Themen haben sich inhaltlich eigentlich kaum verändert. Wer schon vor der Pandemie Probleme in der Partnerschaft hatte, dem ging es unter Lockdown-Bedingungen meist nicht besser. Mehrbelastung durch Homeschooling, Homeoffice, weniger soziale Kontakte, mehr Enge im häuslichen Miteinander und wirtschaftliche Einbußen haben bei den Menschen allerdings zu einem höheren Stressempfinden geführt. Bei manchen Paaren rückten aber bestimmte Streitthemen eher in den Hintergrund, weil sie nun mehr zusammenhalten mussten, um die anstehenden Belastungen zu meistern.

Susanne Strobel-Seiler: Ich bin immer wieder beeindruckt, was unsere Klienten zusätzlich zu ihren sonstigen Belastungen durch die Pandemie aushalten müssen und wie sie die Krise bewältigen. Sie nutzen die Gespräche mit den Beratern, um ihre Sorgen abladen zu können und um Lösungsschritte zu finden und zu gehen. Doch generell muss man sagen, dass bei Menschen, die schon vor der Pandemie sehr belastet waren, nun die Sorgen und Nöte noch stärker ausgeprägt sind.

Gab es mehr Fälle, in denen auch häusliche Gewalt oder mehr Depressionen und Ängste zu Tage traten?

Hans-Michael Jung: Zu Beginn der Pandemie wurden Ängste oder Depressionen nach unseren Erfahrungen nicht stärker thematisiert. Mit der Dauer der Pandemie rücken diese Themen aber nun doch etwas mehr in den Vordergrund. Von mehr häuslicher Gewalt haben wir an unseren Stellen im vergangenen Jahr keine Kenntnisse bekommen. Was uns positiv aufgefallen ist, dass viele Klienten die Advents- und Weihnachtszeit wegen des Lockdowns deutlich entspannter erlebt haben, weil Verpflichtungen wie Verwandtenbesuche nicht möglich waren. Weil vieles in der Pandemie nicht mehr wie gewohnt stattfinden konnte, haben sich manche Klienten auch auf Neues eingelassen oder Altes wiederentdeckt, zum Beispiel wieder mit dem Meditieren begonnen, mehr Sport getrieben oder mehr Wert auf eine bewusstere Ernährung gelegt.

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Sind die neuen Beratungsformen eine Option für die Arbeit nach der Pandemie?

Hans-Michael Jung: Nach den Erfahrungen in den letzten Monaten würde ich sagen, ja. Auch wenn ich denke, dass neun von zehn Klienten nach der Pandemie lieber ein persönliches Gespräch führen wollen. Die Erzdiözese möchte die neue Form des so genannten „Blended Counseling“ in ihren Beratungsstellen installieren. Damit ist diese Mischung aus Präsenzberatung, Video- und Telefonberatung gemeint. Dies muss natürlich auf die Bedürfnisse der Klienten abgestimmt sein. Ich war anfangs schon skeptisch, ebenso viele Klienten, aber nach den ersten Erfahrungen war die Reaktion doch recht positiv. Für die Zukunft bleibt für mich allerdings die persönliche Beratung vor Ort die bevorzugte Beratungsform.

Susanne Strobel-Seiler: Ich mache inzwischen hauptsächlich Telefon- oder Videoberatung und die Klienten schätzen diese neue Form besonders dann, wenn sie eine relativ weite Anfahrtszeit haben. Ich vermute, dass sich manche Menschen in ihrer häuslichen Umgebung mehr für ein Gespräch öffnen können als es in einer anderen Umgebung wie zum Beispiel in der Beratungsstelle der Fall ist.

Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf die Zusammenarbeit des Teams?

Hans-Michael Jung: Wir mussten natürlich die Anzahl der Personen in den Beratungsstellen reduzieren. Deshalb ist abwechselnd etwa die Hälfte der Mitarbeiter im Home-Office und führt die Video- oder Telefonberatung von dort aus durch. Unsere Teamsitzungen finden zurzeit über Videokonferenzen statt.

Susanne Strobel-Seiler: Ich kann mir gut vorstellen, dass wir Teamsitzungen auch zukünftig ab und zu online durchführen werden. Auch hier sparen wir ja Zeit für die Anfahrt. Allerdings freuen wir uns alle schon darauf, uns nach der Pandemie auch wieder persönlich treffen zu können.

Fragen: Susanne Gehrmann-Röhm