Dass die Menschen im Alter von über 80 Jahren durch Corona am stärksten verwundbar sind, hat die Öffentlichkeit nach über einem Jahr Pandemie längst gelernt. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass die Pflegeheime besonderen Gefahren durch SARS-CoV-2 ausgesetzt sind.

Die Häuser im Hegau haben sich darauf eingerichtet und verschärfte Hygieneregeln aufgestellt oder Besuche von außen über längere Zeit vollständig ausgeschlossen. Trotzdem hat es das Virus auch in der Region in verschiedene Häuser geschafft.

Wie viele Menschen tatsächlich in den Heimen an oder mit Corona gestorben sind, bleibt indes unklar.

30 Corona-Tote in einer Einrichtung?

Unterdessen kursieren in der Öffentlichkeit erschreckende Zahlen über eine überdurchschnittliche Sterblichkeit in einzelnen Häusern. Von 30 Todesfällen im Zusammenhang mit Corona alleine in einer Einrichtung ist zum Beispiel die Rede.

Konfrontiert mit solchen Aussagen, wird die Nervosität der Heimleiter selbst am Telefon greifbar. Andere gehen ganz in Deckung oder sind tagelang nicht erreichbar.

Drei, die dennoch reden, sind Dominik Eisermann vom Singener Emil-Sräga-Haus, Thomas Wehrle vom Pflegeheim St. Hildegard in Gottmadingen und Heidrun Gonser vom Servicehaus Sonnenhalde in Singen.

Die Lage sei angespannt und kräftezehrend

„Wir sind alle maximal angespannt“, beschreibt Heidrun Gonser die Situation in ihrem Haus. „Wir hatten Anfang November zwei Bewohner, die von Corona betroffen waren. Wir haben die beiden Bereiche sofort isoliert. Weil es anfangs aber an Schutzkleidung, FFP2-Masken und Schnelltests fehlte, hatten wir keine Möglichkeit die Ausbreitung rechtzeitig aufzufangen.“ Heidrun Gonser ist die Verzweiflung anzumerken.

Im Haus sind Mitarbeiter und Bewohner von den Geschehnissen immer noch traumatisiert. Dabei gibt es mittlerweile zwei gute Nachrichten: „Seit Mitte Dezember sind wir konstant negativ getestet“, sagt die Heimleiterin. „Und bei uns hat am vergangenen Donnerstag die erste Impfung von Bewohnern und Mitarbeitern stattgefunden.“

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Trotz dieser guten Entwicklung liegt Bitterkeit in den Schilderungen der Heimleiterin. Die nach einem Jahr ständig neuen Herausforderungen und Anforderungen zur Umsetzung, die Ernüchterung über die Impfverzögerung und der mit allem verbundene bürokratische Aufwand seien kräftezehrend. „Zum anderen sind wir alle aufgrund des Infektionsgeschehens in unserem Haus in Singen sehr verletzlich und sensibel geworden“, erklärt Heidrun Gonser.

„Es sind auch Menschen verstorben ohne Infektion“

Ja, es habe mehr Todesfällen im Haus gegeben“, räumt die Heimleiterin ein, ohne eine konkrete Zahl zu nennen. Von den Menschen, die in der Akutphase gestorben sind, seien nicht alle an Corona verstorben, sondern teilweise mit Corona oder aufgrund anderer Grunderkrankungen.

„Es sind in der Zeit auch Menschen verstorben ohne Infektion, wie sie immer versterben werden, weil ihre Lebenszeit abgelaufen ist“, sagt Heidrun Gonser. „Wir sind froh um jeden, der die Infektion überstanden hat, und das sind die meisten.“

Auch mehrere Mitarbeiter waren vom Virus betroffen, zwei davon so stark, dass sie intensivpflichtig waren. Was die Impfbereitschaft angeht, so decke sie sich mit dem gesellschaftlichen Durchschnitt. „Aber alle, die positiv waren, wollten sich impfen lassen“, berichtet Heidrun Gonser. „Da besteht eine 100-prozentige Bereitschaft.“

Normale Sterblichkeit im Gottmadinger Pflegeheim

Die Frage nach der sogenannten Übersterblichkeit in den Pflegeheimen löst sofort Zögern aus. So auch bei Thomas Wehrle vom Pflegeheim St. Hildegard in Gottmadingen. Bis zum Jahresende 2020 seien in dem Haus sogar weniger Menschen gestorben als in den Jahren zuvor.

Danach spricht Wehrle von einer normalen Sterblichkeit und ergänzt: „Bei keinem unserer Bewohner könnte man sagen, dass Corona die einzige Todesursache ist.“ 25 Bewohner und etwas unter 20 Mitarbeiter hatten sich mit dem Virus angesteckt. „Wir waren geschockt“, sagt der Heimleiter. Die Patienten sind in Quarantäne.

Aussagen, wonach Bewohner über die Weihnachtstage bei Verwandten gewesen seien, widerspricht Wehrle vehement. „Kein Bewohner war über Weihnachten zu Hause“, sagt er. Mit allen Mitteln habe man Corona aus dem Haus gebracht. „Bis Neujahr waren wir corona-sicher“, sagt Wehrle. In einem sehr ausgeklügelten System mit telefonischer Anmeldung und Zeitplan hätten Angehörige einzelne Bewohner für eine halbe Stunde im Café besuchen können.

Höhere Sterblichkeit in den dunklen Monaten

Übersterblichkeit? „Kann ich nicht bestätigen“, sagt auch Dominik Eisermann vom Emil-Sräga-Haus in Singen.

„In den dunklen Monaten nimmt die Sterblichkeit allgemein zu. Wir hatten sieben Personen, die an Corona erkrankt waren. Seit 25 Tagen sind wir aber corona-frei.“ Dass Bewohner an Corona gestorben sind, könne er nicht bestätigen, weil keine Autopsie durchgeführt wurde.

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Das Emil-Sräga-Haus ist ein Pflegeheim in der Singener Freiburgerstraße. Es galt ein Betretungsverbot, das inzwischen erheblich gelockert wurde. | Bild: Uli Zeller

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