Renate Meyer war wochenlang auf ihrem Zimmer. Sie konnte nicht spazieren oder einkaufen gehen, sie konnte auch nicht ihre Mahlzeiten zubereiten oder ihre Wäsche waschen. Denn Renate Meyer war in Quarantäne, wie auch ihre anderen Mitbewohner mit Behinderung im Haus Christophorus in Singen. Das Wohnangebot der Caritas war Mitte Februar eines der ersten, in dem sich die britische Mutation des Coronavirus ausbreitete. Weil die Virenlast weiter hoch war, wurde die Quarantäne immer wieder verlängert. Und weil sich auch Betreuer ansteckten, mussten Menschen einspringen, die sich damit für das Risiko und Einschränkungen entschieden.

Zum Ende der Ausnahmesituation blicken Betroffene gemeinsam zurück und schildern, wie sehr sie die Pandemie getroffen hat.

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„Für mich war es ganz schön komisch alleine im Zimmer“, sagt Renate Meyer. Normalerweise lebt sie ziemlich selbstständig, doch während der Quarantäne mussten andere ihr die Lieblingszeitschriften kaufen. Erst nach drei Wochen durfte sie wieder auf die Terrasse, seit einer Woche darf sie sich wieder frei bewegen. Doch die Wochen hatten Folgen: „Wir machen ein Mobilisations-Training, weil die Muskulatur erschlafft ist“, erklärt Martina Kaiser. Sie leitet den Fachbereich Wohnen bei der Caritas Singen-Hegau und hatte die vergangenen Wochen alle Hände voll zu tun, damit die zehn Bewohner des Haus Christophorus betreut waren.

Virus war so ansteckend, dass immer wieder Mitarbeiter erkrankten

„Wir wussten morgens teils nicht, wer abends arbeiten kann.“ Denn trotz höchster Sicherheitsmaßnahmen haben sich auch Mitarbeiter, die für erkrankte Kollegen eingesprungen sind, infiziert.

Erinnern sich an anstrengende Wochen (von links): Fachbereichsleiterin Martina Kaiser, Bewohnerin Renate Meyer mit Betreuer Christoph Wieland, Betreuerin Barbara Suhr sowie Caritas-Vorstand Wolfgang Heintschel im Gespräch mit Redakteurin Isabelle Arndt.
Erinnern sich an anstrengende Wochen (von links): Fachbereichsleiterin Martina Kaiser, Bewohnerin Renate Meyer mit Betreuer Christoph Wieland, Betreuerin Barbara Suhr sowie Caritas-Vorstand Wolfgang Heintschel im Gespräch mit Redakteurin Isabelle Arndt. | Bild: Screenshot

Normalerweise betreuen drei Fachkräfte mit einer Schülerin die Gruppe. In den vergangenen Wochen hat es zwölf Menschen und eine externe Aushilfe gebraucht. „Das große Glück war, dass wir auf Menschen aus dem Bereich Arbeit zurückgreifen konnten, die sich der Gefahr gestellt haben“, sagt Martina Kaiser.

Auch das Haus Klara habe drei Wochen unter Quarantäne gestanden, doch da könne die Dienste unter 47 Mitarbeitern besser verteilen. In der Behinderteneinrichtung Haus Klara hat die Caritas im Herbst schmerzlich den schlimmsten Verlauf von Corona erlebt, zwei Bewohner starben.

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Wer aushalf, musste unter erschwerten Bedingungen arbeiten. Und in Wege-Quarantäne

Barbara Suhr ist eine derer, die dem Haus Christophorus in der Not geholfen hat. „Ich brauchte schon ein bisschen Bedenkzeit“, berichtet sie. Normalerweise arbeitet sie in der Werkstatt für behinderte Menschen St. Pirmin. Sie habe sich einerseits Gedanken um die eigene Gesundheit gemacht, aber auch um die der Bewohner. Was, wenn es ihnen schlechter gehen sollte? Um solche Fragen zu klären, habe es regelmäßige Videoanrufe mit Martina Kaiser gegeben, die zweimal täglich auch die Angehörigen informiert habe.

Ein Bewohner ist immer noch auf der Intensivstation

Einen sehr ernsten Verlauf gab es: Einer der Bewohner wird seit zwei Wochen auf der Intensivstation behandelt. „Hier machen wir uns noch große Sorgen“, sagt Caritas-Vorstand Wolfgang Heintschel. Viele Menschen mit Behinderung hätten Vorerkrankungen. Wenn sie sich mit Corona infizieren, verläuft die Erkrankung erfahrungsgemäß häufiger schwer. „Teilweise ist es für sie auch schwerer zu verstehen, warum sie zuhause bleiben müssen. Das muss man auch mental verkraften.“

Heintschel zeigt sich dankbar für das Engagement seiner Mitarbeiter: „Das ist eine Leistung, die kann man als Arbeitgeber nicht verlangen. Da können wir nicht genug für danken.“ Denn wer wie Barbara Suhr aushalf, musste sich in Wege-Quarantäne begeben: Im Privatleben isolierte sie sich von ihrem Partner.

Ein Alltag mit FFP3-Maske – selbst beim Nachtdienst

Auch die Arbeit war nur erschwert möglich: Zutritt war nur mit einem negativen Schnelltest und komplettem Schutzanzug einschließlich FFP3-Maske erlaubt. „Da kommt man schon außer Puste“, sagt Barbara Suhr. Zudem wurde die Aufgabenliste länger. Weil die Bewohner auf ihren Zimmern bleiben mussten, waren die Betreuer alleine für Reinigungsarbeiten und Wäsche waschen zuständig. Dazu kam die Versorgung der Bewohner: Mahlzeiten vorbereiten und bringen, dreimal täglich die Temperatur messen und die jeweiligen Medikamente bringen. „Da hat man gemerkt, wie viel die Klienten sonst selbst machen.“

Christoph Wieland war selbst erkrankt. Ein Schock

Andere Mitarbeiter konnten nicht helfen, weil sie selbst in Quarantäne waren wie Christoph Wieland. „Erstmal war es ein Schock“, als er von seiner Erkrankung erfahren habe. Von einem Tag auf den anderen sei es ihm so schlecht gegangen, dass er nur mit Unterstützung zum Arzt konnte. Die ersten drei Tage sei er sehr krank gewesen. Währenddessen habe er auch überlegt, wie es wohl den anderen gehe: Haus Christophorus sei kein normaler Arbeitsplatz, sondern wie eine Familie. Nebenwirkungen merke er weiterhin, er sei schnell aus der Puste.

Fachbereichsleiterin Martina Kaiser schildert, welche Sorgen manche Mitarbeiter hatten: Was, wenn Langzeitfolgen bleiben? „Wir hatten natürlich auch Sorge nicht nur um die erkrankten Bewohner, sondern auch um die Kollegen“, sagt Wolfgang Heintschel. Denn es habe auch schwere Verläufe gegeben, wo die Familien involviert waren. Bei Christoph Wieland hat sich beispielsweise seine Frau angesteckt, eine der Töchter mutmaßlich auch. „Diese Angst hat uns alle geschlaucht“, sagt Heintschel. Er sei froh, dass sich nicht noch mehr Menschen angesteckt haben – trotz aller Vorsichtsmaßnahmen sei das Virus unberechenbar.

Es bleiben eine bittere Erfahrung, Hoffnung und viel Lob

Am Ende bleibt eine bittere Erfahrung – und Zuversicht: „Wir haben die große Hoffnung, dass wir nicht nochmal so eine Situation erleben. Nicht in dem Ausmaß. Wir halten Impfen für einen wichtigen Weg aus der Krise“, sagt Heintschel. Außerdem bleibt viel Lob für die Mitarbeiter und Bewohner. „Auch unsere Bewohner haben das toll bewältigt“, sagt Martina Kaiser. Renate Meyer reckt einen Daumen hoch. Ab dem heutigen Montag, 29. März, können die Bewohner wieder in der Werkstatt St. Pirmin arbeiten. Ein weiterer Schritt in Richtung Normalität.

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