Bald springen sie wieder auf Straßen und Gassen – die Hoorigen Bären, Blätzlehansel, Hexen und Holzergruppen. Die Fünfte Jahreszeit hat begonnen. Konfettikanonen werden herausgeputzt und das Häs hervorgeholt. "Der Weg des Narren ist die Straße", so definierte Roland Schoch, der zu früh verstorbene Präsident des Rielasinger Narrenvereins Burg Rosenegg, die närrische Brauchtumspflege in der Region. Dabei ist es längst nicht mehr so einfach, Elemente der Straßenfasnet unters Volk zu bringen. Während die großen Termine der Saalfasnacht inzwischen ein treues Publikum finden, versperren immer häufiger Behördenauflagen Festumzüge und den trubel auf der Straße. Nicht nur in Villingen werden die Organisatoren immer wieder mit neuen Auflagen des Ordnungsamtes konfrontiert. Auch im Hegau wachsen die Ansprüche an die Veranstalter närrischen Treibens.

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"Es ist in der Tat die überbordende Bürokratie in Verbindung mit enorm hohen Kosten, die den Zünften zu schaffen macht", erklärt Rainer Hespeler als Präsident der großen Narrenvereinigung Hegau-Bodensee (NVHB). Die Vereinigung gibt es seit 60 Jahren und sie legt sich auf spöttische Weise gern mit der Obrigkeit an. Diesmal aber ist es ihr ernst: Die behördlichen Auflagen sind so hoch, dass in etlichen Orten das Ende der Straßenfasnacht droht. "Aufgrund bürokratischer Hürden benötigen Zünfte heute wesentlich mehr Unterstützung von uns als früher", beobachtet der Narrenpräsident. Doch trotz dieser Unterstützung sind die Zünfte nicht mehr bereit, Narrentreffen wie früher zu veranstalten. "Noch vor 15 Jahren hatten wir im Durchschnitt pro Jahr drei bis fünf Bewerber für Narrentage. Heute müssen wir froh sein, wenn wir jedes Jahr noch zwei Gastgeber finden." Dies wirke sich auf die Bereitschaft aus, Verantwortung im Ehrenamt zu übernehmen. Immer mehr Zünfte tun sich schwer, Nachfolger für Vorstandsämter zu finden.

"Aufgrund bürokratischer Hürden benötigen die Zünfte heute wesentlich mehr Unterstützung von uns Verbänden als früher."Rainer Hespeler, Präsident der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee (NVHB)
"Aufgrund bürokratischer Hürden benötigen die Zünfte heute wesentlich mehr Unterstützung von uns Verbänden als früher."Rainer Hespeler, Präsident der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee (NVHB) | Bild: Patrick Seeger

Die Vereinigung blickt in diesem Jahr nicht nur auf ihr 60-jähriges Bestehen, sondern auch auf stets neue Herausforderungen: Dörfliche Zünfte sähen sich als Gastgeber von Narrentagen mit bis zu 30-seitigen Sicherheitskonzepten konfrontiert und allein für den Einsatz von Sicherheitskräften müssten bis zu 15 000 Euro einkalkuliert werden. "Das ist für viele Zünfte kaum noch zu schultern", warnt Hespeler. Hinzu kämen weitere Auflagen hinsichtlich verkehrsrechtlicher Anordnungen, die mit zusätzlichen Kosten verbunden sind. Ralf Bendl, im Landratsamt für die Verkehrssicherheit zuständig, kennt die Probleme. War es vor wenigen Jahren noch üblich, dass die Beschilderung im ehrenamtlichen Einsatz erledigt werden konnte, regele die Straßenverkehrsordnung inzwischen eindeutig, dass dies durch geschulte Fachkräfte gemacht werden müsse. Diese Dienstleistung müsse dann aber in Rechnung gestellt werden.

Die Polizei wird Präsenz zeigen in der Straßenfasnacht: Hier fährt ein Streifenwagen dem Narrenumzug am Fasnachtssonntag in Konstanz voraus.
Die Polizei wird Präsenz zeigen in der Straßenfasnacht: Hier fährt ein Streifenwagen dem Narrenumzug am Fasnachtssonntag in Konstanz voraus. | Bild: Hanser, Oliver

Die Gespräche mit der Politik laufen. Am runden Tisch mit Innenminister Thomas Strobl (CDU) sowie Vertretern von Verkehrs-, Wirtschafts- und Finanzministerium, des Normenkontrollrats sowie des Inspekteurs der Polizei konnten die Probleme der Zünfte besprochen werden. Die Narren klagen, dass geforderte Streckenposten, Vorschriften für Umzugswagen und steigende Bürokratie kaum zu bewerkstelligen seien. Bei zwei Treffen wurden konkrete Maßnahmen vereinbart, um hinsichtlich der Auslegung der Gesetze eine landesweit möglichst einheitliche Anwendung im Sinne der Zünfte zu definieren. Die Möglichkeiten der Unterstützung durch die Feuerwehren ist ebenfalls ein Thema, das mit den Kreisbrandmeistern besprochen werden soll. Feuerwehren dürften zwar nicht verkehrslenkend eingreifen – "aber absichernde Maßnahmen wären sehr wohl möglich", so Hespeler. Weiterhin habe der Innenminister zugesagt, bei kommunalen Spitzenverbänden auf einen guten Geist hinzuwirken. Gleich nach Fasnet soll ein weiteres Treffen stattfinden.

Die Narrenpolizei alleine reicht längst nicht mehr aus, um für Ordnung im närrischen Trubel zu sorgen.
Die Narrenpolizei alleine reicht längst nicht mehr aus, um für Ordnung im närrischen Trubel zu sorgen. | Bild: Biehler, Matthias

Verkehrsrechtler Adolf Rebler kennt die gesetzlichen Grenzen der Narrenfreiheit. Er hat mehrere Schriften zum Thema veröffentlicht und weiß, dass gerade in der fünften Jahreszeit viele denken, dass alles erlaubt sei. Unfälle bei Umzügen wollen weder Veranstalter, noch Verwaltungen. Damit gerade die organisierte Narretei nicht zum Alptraum werde und am Aschermittwoch der Staatsanwalt vor der Tür stehe, sollten Veranstalter und Teilnehmer Regeln beachten. Dazu zählt die Erlaubnis zur Nutzung der Straße. Dort werden Auflagen und Bedingungen festgesetzt, von der Haftpflichtversicherung bis zur Zahl der Ordner und wer am Ende für die Straßenreinigung verantwortlich ist.

Hexenkessel stehen derzeit, nach einem tragischen Unfall im vergangenen Jahr, besonders im Blickpunkt der Behörden und Umzugsorganisatoren.
Hexenkessel stehen derzeit, nach einem tragischen Unfall im vergangenen Jahr, besonders im Blickpunkt der Behörden und Umzugsorganisatoren. | Bild: Biehler, Matthias

Der Kampf gegen die Bürokratie und das Ringen um die Sicherheit

  1. Schon immer musste sich die Narretei gegen die Obrigkeit wehren. Zum Beispiel als sich der Verband schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte (VSAN) 1924 gegründet hat. In erster Linie, um sich gegen die damals geltenden Fastnachtsverbote zur Wehr zu setzen. "Bei der Gründung der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee 1959 lagen die Beweggründe darin, dass auch die kleineren, vorwiegend dörflichen Zünfte den Wunsch verspürten, sich und ihr Brauchtum über die Ortsgrenzen hinaus zu präsentieren", erinnert Hespeler. Mit heute 120 Mitgliedszünften ist die NVHB nicht nur die drittälteste Vereinigung, sondern auch die Vereinigung mit den meisten Mitgliedszünften in Südwestdeutschland.
  2. In den vergangenen Jahren hat sich die Vereinigung durch eine liberale Politik in der Zusammenarbeit mit den Zünften ausgezeichnet. Der weigehende Verzicht auf Einschränkungen in der Brauchentwicklung habe nicht nur Konfrontationen erspart, sondern ein freundschaftliches Verhältnis zu den Zünften ermöglicht, wie Hespeler betont. Die liberale Haltung hätte der Entwicklung des Brauchtums nicht Weise geschadet. Trotzdem war die Narrenvereinigung Hegau-Bodensee 1997 – nach fast 40 Jahren – erstmals gezwungen, Brauchtums- und vor allem Umzugsrichtlinien zu erlassen. Veränderte Umstände und Anforderung der Behörden hätten die Reglementierung unumgänglich gemacht.
  3. Die Verbände unterstützen und vertreten die Interessen der Zünfte bei straßenverkehrsrechtlichen Anordnungen, Sicherheitskonzepten, Versicherungsangelegenheiten und der Organisation überregionaler Narrentage und sorgen dafür, dass sich die organisierte Fastnacht trotz hohen Freiheitsgrades innerhalb geregelter Bahnen bewegt. Aber auch die Kontaktpflege mit der Politik ist wichtig. 1970 fand erstmals ein Staatsempfang in Stuttgart statt. Auf Einladung der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee kam es im März 1971 zur Gründung der Arbeitsemeinschaft (ARGE) mit der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte, der Vereinigung Oberrheinischer Narrenzünfte und dem Alemannischen Narrenring.
  4. Villingen-Schwenningen scheint eine Vorreiterrolle zu übernehmen – vom Verbot der Böllerschützen bis zu Auflagen für Pferde am Umzug. "Auch Narren wollen sichere Veranstaltungen. Aber das sind genau die Probleme, die wir haben", betont NVHB-Präsident Rainer Hespeler. Der Gesetzgeber habe in den geltenden Gesetzen genügend Interpretationsmöglichkeiten vorgesehen, die Verwaltungsbehörden so auslegen können, dass die nötige Sicherheit gewahrt ist ohne die Veranstaltungen undurchführbar zu machen. Aber genau diese Interpretationsmöglichkeiten werden von den Behörden unterschiedlich ausgenutzt. Mit den meisten Landratsämter funktioniere die Zusammenarbeit – aber eben nicht in allen Fällen.
  5. Das Konstanzer Landratsamt lobt die Zusammenarbeit mit den Narren. "Auch im Amt arbeitet Menschen die gern Fastnacht feiern", so Ralf Bendl als Leiter des Amts für Nahverkehr und Straßen im Landratsamt. Dennoch gebe es Konfliktfelder, die der Gesetzgeber geschaffen habe. Beispielsweise die Auflage, dass die Sonderbeschilderung durch geschultes Personal vorgenommen werden muss. Dies verhindere ehrenamtliches Engagement und verursache zusätzliche Kosten. Ein Augenmerk müsse die Behörde auch auf Fasnetbändel legen. Kontrolliert werde, ob die Konstruktion stabil ist und die Bändel genügend Raum für den alltäglichen Verkehr inklusive großer Lastwagen lassen. Dies werde kontrolliert. (bie)