Steht die Zeit still, wenn ein Arzt seinem Patienten sagt, dass er an einer tödlichen Krankheit leidet – oder beginnt sie zu rasen? Die aktuelle Komödie des Singener Färbe-Theaters jedenfalls lässt zwei Stunden Schauspiel zu einer rasant kurzweiligen Unterhaltung werden.

Es geht um Liebe und Tod

„Die Zeitsprünge haben mich fasziniert“, sagt der Konstanzer Franziskus Paul, der als Komparse in unterschiedlichen Film- und Fernsehproduktionen selbst schon Schauspielerfahrung gesammelt hat und jetzt als einer der Gewinner einer SÜDKURIER-Verlosung die Generalprobe des Stücks „Willkommen in deinem Leben“ erlebt. Zeitsprünge seien herausfordernd für Schauspieler, sagt er.

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Das Färbe-Ensemble habe dies aber bravourös gemeistert. Daniel Leers, Fionn Stacey, Bianca Waechter und Alexandra Born sowie Elmar F. Kühling, diesmal in Doppelfunktion als Regisseur und Schauspieler, erwecken die Geschichte des mehrfach preisgekrönten amerikanischen Autors Michael McKeever zum Leben – und der startet mitten im Leben.

Mitten in der Wüste Arizonas trifft Leers als todkranker Charlie Cox auf seinen persönlichen Tod Wally, alias Fionn Stacey, der mit kahlrasiertem Schädel und reichlich Schalk im Nacken seiner Profession nachgehen möchte. Ganz egal ob gerade eben noch mitten in der Wüste oder einen Satz später in der Sprechstunde und schließlich in einem heruntergekommenen Motel mitten in Arizona. Doch natürlich kommt, wie immer im Leben, schließlich alles ganz anders.

„Die Inszenierung lebt von einem Bühnenbild voller Bilder“, lautet die Bilanz von Franziskus Paul aus Konstanz.
„Die Inszenierung lebt von einem Bühnenbild voller Bilder“, lautet die Bilanz von Franziskus Paul aus Konstanz. | Bild: Biehler, Matthias

„Bereits bei seiner letzten Regiearbeit im vergangenen Frühjahr präsentierte Kühling mit dem Stück ‚Die Niere‘ anspruchsvolles Boulevardtheater mit nachdenklich machendem thematischem Hintergrund: Damals ging es um die Bereitschaft zur Organspende, diesmal muss sich der Protagonist mit der Diagnose einer tödlich verlaufenden Krankheit auseinandersetzen“, verrät Färbe-Geschäftsführerin Cornelia Hentschel im Vorfeld der Generalprobe den SÜDKURIER-Gewinnern.

Morbider Charme schwarzen Humors

Das Färbe-Ensemble spielt den morbiden Charme schwarzen Humors genüsslich aus. „Trotz der vielen amüsanten Situationen lädt das Stück zum Nachdenken ein“, sagt SÜDKURIER-Gewinnerin Helga Schnitker nach dem Stück, in dem Autor McKeever aus einem Punkt in der Ferne eine fesselnde Geschichte rund um ein Paradies im Nirgendwo konstruiert.

Dabei setzt Kühling von Anfang an auf die Brüche. Lachendes und klatschendes Publikum aus dem Off konterkariert die Ernsthaftigkeit der Situation schon in der Eröffnungsszene. Und bis zum Schluss stellt sich die Frage: Wo beginnt es und wo hört es auf? „Vorbei ist es erst, wenn es vorbei ist“, lautet die Bilanz von Färbe-Chefin Cornelia Hentschel am Rande der Vorstellung.

Paradies oder Fegefeuer?

Dabei ist es nicht zuletzt der todgeweihte Verlagsmitarbeiter und Lektor Charlie Cox, der gar nicht gehen will: „Gute Menschen, die auf sich aufpassen, haben ein langes Leben“, lässt Leers seinen Protagonisten, der eigentlich schon weiß, dass es diese Garantie nicht gibt, sagen und dann kommt es zum Standardkonflikt guter Geschichten: der Tod und die Liebe.

„Da wurde ein schwieriges Thema schön inszeniert“, sagt Helga Schnitker aus Stein am Rhein.
„Da wurde ein schwieriges Thema schön inszeniert“, sagt Helga Schnitker aus Stein am Rhein. | Bild: Biehler, Matthias

„Willkommen in deinem Leben“ spielt in einem heruntergekommenen Motel mitten in der Wüste von Arizona, irgendwo im Nirgendwo, wohin es den Verlagsmitarbeiter Charlie Cox und seinen seltsamen Anhalter namens Wally verschlagen hat. „Aus wenigen Requisiten schaffen die Darsteller mit wenigen Handgriffen immer neue Situationen“, bewundert Paul die Inszenierung.

Darin will der sterbenskranke Charlie ein Buch über sein zu Ende gehendes Leben schreiben, während sein persönlicher Tod Wally anderes im Sinn hat. Dessen Job lautet, Charlie zeitnah ins Jenseits zu befördern. Doch Charlie mag nicht mitspielen, überwindet den Verlust der Lebenslust und verliebt sich in die Motel-Besitzerin und attraktive Witwe Nell – gespielt von Bianca Waechter. Die wiederum wird von ihrem Nachbarn Travis, den Regisseur Elmar F. Kühling darstellt, eifersüchtig bewacht.

Färbe-Schauspieler Fionn Stacey hat sich für die Rolle des Wally Tod extra den Kopf kahl geschoren.
Färbe-Schauspieler Fionn Stacey hat sich für die Rolle des Wally Tod extra den Kopf kahl geschoren. | Bild: Christel Rossner

Und genau da kommt der Standard-Konflikt: Macht Liebe blind? Blind ist jedenfalls die große Liebe, die Alexandra Born als Kiki und Wallys rosaroter Alptraum im knallig roten Kleid darstellt. Sie sieht zwar nicht, hat aber den Durchblick. Der Tod und die Liebe ringen um Charlie Cox – ein Kampf mit offenem Ausgang. Denn was macht das Leben aus?

„Der Tod hat mich besonders beeindruckt“, so Thomas Pflüger aus Basadingen.
„Der Tod hat mich besonders beeindruckt“, so Thomas Pflüger aus Basadingen. | Bild: Biehler, Matthias

Im Stück entwickelt sich aus den ernsten Themen Leben, Liebe und Tod mit großer Leichtigkeit eine Komödie. „McKeevers Stück ist ein gelungener Appell, sein Leben zu leben, das Dasein auszukosten, romantisch und voll skurrilem Humor, ein modernes Märchen, dessen Dialoge genauso staubtrocken sind wie der Sand in der Wüste Arizonas“, so Hentschel. Warum die Zimmer im Motel gerade auf die Nummern 181 bis 184 lauten bleibt ebenso im Dunkeln, wie die Rolle des einen, der gar nicht da ist und doch als Einziger sterben muss – Nellys Schwiegervater, der zunächst immerzu klingelnd nervt, um schließlich in einer Urne seinen Auftritt zu haben.

Ensemble überzeugt musikalisch

„Der Tod hat mich besonders beeindruckt“, lobt Thomas Pflüger aus Basadingen die schauspielerischen Leistungen des Färbe-Neulings Fionn Stacey. Und Helga Schnitker, die aus Stein am Rhein zur Generalprobe nach singen kam, bilanziert Folgendes: „Da wurde ein schwieriges Thema schön inszeniert.“

Das Duett nach Marylin Monroes Klassiker Fluss ohne Wiederkehr von Bianca Waechter und Daniel Leers wird mit Fionn Stracey (oben) ...
Das Duett nach Marylin Monroes Klassiker Fluss ohne Wiederkehr von Bianca Waechter und Daniel Leers wird mit Fionn Stracey (oben) unversehens zum Trio. | Bild: Eric Bührer

Klamauk wechselt mit Romantik, Musik folgt auf Dramatik – und was ganz schön kitschig startet bekommt zusehends Tiefgang. „Bedauerlich war vor allem, dass man in der Generalprobe nicht klatschen darf. Das bringe Unglück, hat es zur Begrüßung geheißen“, bilanziert Helga Schnitker einen Wermutstropfen, als es zum Schluss eben doch vorbei ist.

Begeisterung endet ohne Applaus

Aber auch wenn es der Anfang vom Ende ist, bleibt es am Ende ein Beginn und der „River of no return“, der Fluss ohne Wiederkehr windet sich weiter mitten durch die Wüste – zumindest noch bis zum 21. Januar. So lange läuft das Färbe-Schauspiel in „unserem eigenen kleinen Fegefeuer“, wie der todbringende Wally seinem Opfer Charlie erklärt. Doch Fegefeuer ist nichts für frisch Verliebte und so bleibt letztlich nur die Urne mit den Überresten des ungeliebten Familienmitglieds auf der Bank im Motel mitten im Nirgendwo zurück.

Und schon am Freitagabend, 9. Dezember, beginnt das Schauspiel von vorne – und das Publikum darf dann sogar applaudieren.