Singen – Als Wilhelm Waibel den letzten Satz seiner Erzählung „Warte auf mich, Babuschka“ gelesen hat, herrscht absolute Stille in der Theresienkapelle. Die Zuhörer und Zuhörerinnen haben sich nicht nur in den Bann der traurigen Geschichte ziehen lassen. Auch die Atmosphäre in der Kapelle, die einst von Zwangsarbeitern gebaut worden war, trägt zu dieser Stille bei.

Bilder von Konstantin Bobryshev

Wilhelm Waibel las die Lebensgeschichte einer ukrainischen Zwangsarbeiterin auf Einladung des Fördervereins der Theresienkapelle. Bilder von Konstantin Bobryshev stehen dazu verteilt in der Kapelle. Sie zeigen Menschen, die viel mitgemacht haben. In der Erzählung seien die Namen aber erfunden. „Die Geschichten sind jedoch wahr und stammen aus über 50 Jahren Geschichtsarbeit“, sagt Wilhelm Waibel. Er habe festgestellt, dass klassische Geschichtsbücher oft nicht so berühren. Deshalb habe er diese Erzählung geschrieben, die ersten Passagen davon schon vor gut 20 Jahren.

In seinem Vorwort schreibt Heimatforscher Waibel, dass die Geschichte um die junge Ukrainerin Ludmilla Sementschenko und ihre Familie auch heute spielen könnte, in einem der vielen Krisengebiete auf der Welt, wo Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Und auch heute gebe es immer noch Wölfe und Schafe.

„Wir haben alle den gleichen Gott“

Waibel erzählt die Geschichte aus der Perspektive des Sohns von Ludmilla. Dieser wird mit anderen Kindern und Jugendlichen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mit Eisenbahnwaggons weit weg von zuhause weggebracht und muss Zwangsarbeit leisten. Er versteht die Welt nicht mehr.

Doch seine geliebte Oma Babuschka tröstet ihn vor der Abreise: „Dort, wo Du hingehst, sind die Menschen auch gute Christen. Wir haben alle den gleichen Gott“. Von ihr erhält er ein kleines Säckchen mit ukrainischer Erde, das er hütet wie einen Schatz. Auch ein letztes Stück hartes Brot, das er von seiner Mutter erhalten hat, hebt er bis zur Rückreise auf.

Freunde und Feinde ganz nah zusammen

Während seiner Abwesenheit von zuhause erlebt der Junge auch, dass Freunde und Feinde, also Schafe und Wölfe, oft ganz nah zusammen sind. Da hilft die Rote-Kreuz-Schwester dem jungen Mädchen, das auf der Zugfahrt zur Frau wird oder eine Mitgefangene entbindet ihren Sohn mit der Hilfe eines deutschen Soldaten.

Noch zuhause hat er miterlebt, dass ein Soldat Hilfe leistete, weil sein jüngerer Bruder als Säugling Fieber hatte. Er habe die Not der Familie gespürt, doch „eigentlich war er unser Feind“, dachte der Junge und seine Oma fragte sich, ob denn alle Deutschen wohl so seien.

An einem Birnbaum erhängt

Eine Parallele zur Realität hat Wilhelm Waibel in die Erzählung eingearbeitet. So stirbt Anatoli, der Freund des Ich-Erzählers, erhängt an einem Birnbaum am Alten Postweg. Tatsächlich ist Anfang der 1940er Jahre ein Pole in Watterdingen an einem Birnbaum gehängt worden. Weil er sich in ein Bauernmädchen verliebt hatte, so wie Anatoli es in der Erzählung getan hat.

Schließlich kehrt der Junge nach Kriegsende zu seiner Familie zurück, in freudiger Erwartung, endlich seine Mutter und die geliebte Oma wieder zu sehen. Doch seine Mutter war schon kurz nach seiner Abreise gestorben, erzählt ihm Babuschka. Von ihr stammte die Weisheit „Es gibt überall Wölfe und Schafe“. Dann fragt er sie, warum es mehr Wölfe als Schafe gibt und wie man zum Wolf oder Schaf wird. Doch sie antwortet nicht mehr.

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Zum Abschluss der Lesung erklang in der Kapelle die Aufnahme eines Lieds über den Fluss Dnjepr, der auch durch die Ukraine fließt. Der Chor Kalina aus der ukrainischen Stadt Poltawa hatte das Stück vor 15 Jahren in der Theresienkapelle aufgeführt. Dies war ein Herzenswunsch von Autor Wilhelm Waibel gewesen.