„Bis heute ein Mosaiksteinchen der Emanzipation“, findet Isabelle Arndt

Redakteurin Isabelle Arndt ist fasziniert von der Entwicklung der Chippendales, die zu ihren Anfängen in den 70er und 80er Jahren noch ...
Redakteurin Isabelle Arndt ist fasziniert von der Entwicklung der Chippendales, die zu ihren Anfängen in den 70er und 80er Jahren noch für Skandale sorgten. Sie fragt sich: Warum sollen nur Männer etwas zu gucken haben? | Bild: Tesche, Sabine

Man stelle sich vor, da stehen ein paar Frauen auf der Bühne und ziehen sich aus. Wo ist der Skandal? In den 90er Jahren war das sogar eine Fernsehsendung mit hübschen Früchtchen, ausgestrahlt zur besten Sendezeit. Doch wehe, wenn Männer auf der Bühne stehen und Frauen etwas zu sehen haben! Als die Chippendales erstmals auf der Bühne standen, war es tatsächlich ein Skandal.

43 Jahre sind die Chippendales schon alt. Also nicht die einzelnen Darsteller, die am Donnerstag, 3. November, nach Singen in die Stadthalle kommen. Sondern die Showtanz-Gruppe an sich, die seit 1979 auf der Bühne steht – in wechselnder Besetzung, von den Originalen ist in Singen wohl keiner mehr dabei. Schon vor Jahrzehnten war nackte Haut gefragt, allerdings meist von Frauen. Die Chippendales änderten das und boten den Besucherinnen, was sie sonst nicht zu sehen bekamen: tanzende Männer, denen während der Show auf wundersame Weise immer mehr Kleidung abhanden kam. Das fanden einige gar nicht mal so erheiternd. Sei‘s drum, das sorgte für noch mehr Aufmerksamkeit. Der Club in Kalifornien war in den 70er und 80er Jahren so beliebt, dass regelmäßig die Polizei eingreifen musste – wegen Überfüllung, nicht wegen eifersüchtiger (Ehe-) Männer. Es war ein Ort der Befreiung, ein Mosaiksteinchen auf dem Weg der Emanzipation. Und es war eine so spannende Zeit, dass es ab Januar eine Disney-Plus-Serie geben soll mit dem Titel „Welcome to Chippendales“.

Was damals eine Ausnahmeerscheinung war, sorgt auch heute noch für Aufsehen – selbst in einer sexualisierten Welt, in der Jugendlichen mit 12,7 Jahren das erste Mal online Pornos schauen. Das fand eine Studie der Unis Hohenheim und Münster im Jahr 2017 heraus. Beim Chippendales-Besuch im Jahr 2018 kamen zahlreiche Menschen live und in Farbe in die Stadthalle Singen, um die leichtbekleideten Tänzer zu sehen. Die meisten Besucher waren Frauen, die laut damaligem Bericht bis zur Schmerzgrenze kreischten und sich nicht lange bitten ließen, die Männer auch anzufassen. Wer weiß, ob die Männer das in diesem Jahr auf die Spitze treiben wollen, denn da lautet das Motto „Get naughty“, also „Werde unartig“.

Das könnte Sie auch interessieren

Das muss man nicht mögen. Aber man darf es nicht verurteilen. Denn warum sollten nur Männer das Vergnügen haben, das andere Geschlecht mit möglichst viel nackter Haut zu betrachten? Ob es ein Vergnügen ist oder nicht, entscheiden die Betrachter. Ein Faible für platte Stereotype muss man vermutlich haben, wenn die Männer wieder als Cowboys oder Polizisten auf der Bühne stehen. Und eine hohe Schmerztoleranz braucht es sicher, um das Kreischen in der Stadthalle zu ertragen.

Was heute übrigens immer noch nicht für Aufsehen, geschweige denn für einen Skandal sorgt, sind nackte Frauen. Denn die findet man häufig in einer x-beliebigen Werbung, ob für leckere Schnittchen vom Bäcker oder das Aufpolstern der alten Couch.

Spätestens die US-amerikanische Künstlerin Dita Von Teese hat Burlesque salonfähig und bekannt gemacht.
Spätestens die US-amerikanische Künstlerin Dita Von Teese hat Burlesque salonfähig und bekannt gemacht. | Bild: Claudio Onorati

„Ist das nicht auch bei Männern plumper Sexismus?“, fragt Laura Marinovic

Redakteurin Laura Marinovic verurteilt niemanden, der sich die Chippendales ansieht. Doch sie findet fragwürdig, wie Männer dabei zu ...
Redakteurin Laura Marinovic verurteilt niemanden, der sich die Chippendales ansieht. Doch sie findet fragwürdig, wie Männer dabei zu Sexobjekten gemacht werden – zumal man erotische Darbietungen auch zur Genüge online findet. | Bild: Jarausch, Gerald

Sicher, (halb-) nackte Frauen gibt es in unserer Gesellschaft zuhauf, egal, ob in der Werbung, auf Kalendern oder in Fernseh-Sendungen. Und sicher sollte es nicht nur der Männerwelt erlaubt sein, das andere Geschlecht möglichst freizügig und in lasziven Posen auf einer Bühne zu betrachten. Wo wäre da die Gleichberechtigung? Es drängt sich aber doch die Frage auf, ob eine Striptease-Show grundsätzlich noch in die heutige Zeit passt – völlig egal, wer sich im Scheinwerferlicht entkleidet.

Das Thema Sexismus wird spätestens seit der „Me Too“-Debatte viel diskutiert. Frauen kämpfen zu Recht darum, nicht nur auf ihr Äußeres reduziert und nicht von der Männerwelt als Sexobjekt gesehen zu werden. Genau um das Äußere geht es aber bei den Chippendales – um stählerne Bauchmuskeln und viel gebräunte Haut. Als Frau sage ich: Natürlich ist das ein schöner Anblick. Aber bedient das nicht auch einfach plump den vielfach angeprangerten Sexismus? Sicher, auf der Internetseite der Stadthalle Singen wird neben der Erotik auch der Humor der Herren beworben. Außerdem sollen sie ihre Fans mit Live-Gesang und Live-Darbietung an Klavier und Gitarre beeindrucken. Solange die nicht in Unterwäsche präsentiert werden, scheint das erst einmal weniger mit dem Äußeren zu tun zu haben. Beworben werden aber auch die „durchtrainierten Traummänner“, die „nahezu alle Fantasien zu bedienen, von sanft und gefühlvoll über lustig und locker bis dominant und leidenschaftlich“.

Das könnte Sie auch interessieren

Natürlich darf niemand verurteilt werden, den das überzeugt und der seinen Weg in die Singener Stadthalle findet, um sich dort von viel nackter Haut beeindrucken zu lassen. Schließlich präsentieren sich die Chippendales dort freiwillig und entscheiden ganz bewusst, was das Publikum zu sehen bekommt. Und jeder kann auch selbst entscheiden, ob eine solche Show gefällt oder nicht. Trotzdem scheinen Sexismus-Debatte und tanzende Männer, die sich vor Frauen entblößen, irgendwie nur schwer in die gleiche Zeit zu passen. Denn Gleichberechtigung gilt eben für alle Geschlechter.

Ein junger Mann hält ein Smartphone, auf dem ein erotisches Foto einer jungen erwachsenen Frau zu sehen ist. Glaubt man den Trendreports ...
Ein junger Mann hält ein Smartphone, auf dem ein erotisches Foto einer jungen erwachsenen Frau zu sehen ist. Glaubt man den Trendreports von Anbietern, ist der Erotikmarkt im Wandel: Frauen spielten eine immer größere Rolle, vor allem als Kundinnen. | Bild: Julian Stratenschulte

Übrigens könnte es auch das Internet den Chippendales schwer machen. Denn heutzutage ist es zumindest hierzulande auch eigentlich einfach nicht mehr nötig, sich mit hunderten Besuchern in einen Saal zu setzen und dort Männern oder Frauen beim erotischen Tanzen zuzusehen, um sich an der Ästhetik schöner Körper zu erfreuen. Im Internet gibt es zahlreiche Seiten, in denen sich verschiedenste Menschen in möglichst wenig Kleidung präsentieren. Wenn eine andere Art der Unterhaltung gewünscht ist, ist das World Wide Web auch noch voll von Pornoseiten aller Art. Und das ganz ohne lautes Kreischen, fremde Nebensitzer und Eintrittsgelder.

Das könnte Sie auch interessieren