Sagen Sie mal Herr Elster, dem Singener Publikum waren Sie als Slam-Moderator unter dem Namen „Hanz“ bekannt. Nun treten Sie mit ihrem bürgerlichen Namen Johannes Elster auf. Warum?

Das ist ganz einfach, ich habe im vorletzten Jahr geheiratet und mir endlich mal einen Nachnamen zugelegt. Das Slammen mache ich seit zwölf Jahren. Angefangen habe ich als Lehramtsstudent. Ich wollte nicht mit meinem vollen Namen auftreten, damit mich die Schüler nicht googeln können. Hanz war ohnehin mein Spitzname, also habe ich den als Künstlernamen gewählt. Mittlerweile trete ich kaum noch als Slammer auf, sondern als Coach, Veranstalter und Moderator. Wenn ich mich mit „Hanz“ vorstelle, dann wirkt das, als ob ich gleich das Du anbiete. Das passt für mich einfach nicht mehr.

Für diejenigen, die mit „Poetry Slam„ nichts anfangen können: was ist das?

In wenigen Worten: Ein Autoren/innen-Wettstreit. Menschen gehen auf die Bühne und präsentieren in einem Zeitlimit von sechs Minuten selbstgeschriebene Text jeglicher Couleur. Das Publikum entscheidet durch Applaus oder zufällig ausgewählter Jury, wer ins Finale einzieht und letztendlich den Wettstreit gewinnt.

Bei diesem Wettstreit spielen ja nicht nur die Texte eine Rolle, sondern auch die Vortragsweise, also Sprache und Duktus. Welche Regeln gibt es dafür?

Es gibt keine Regeln, aber die Vortragsweise ist ein elementarer Bestandteil, da das Publikum jeden Beitrag bewertet. Ich würde es sogar so einschätzen, dass für diese Bewertung zu 70 Prozent die Performance und nur zu 30 Prozent der Text relevant sind. So können durchaus mittelmäßige Texte gewinnen, wenn sie entsprechend vorgetragen werden. Wenn sich jemand mit seiner Stimme und mit seinem Körper auskennt und beides sinnvoll einsetzen kann, ist das von Vorteil, denn die Grundidee des Poetry Slam ist es, den Texten auf der Bühne Leben einzuhauchen.

Manche Slammer veröffentlichen ihre Texte auch als Buch. Ich habe festgestellt, dass diese dann manchmal gar nicht mehr so lustig sind.

Stimmt, werden aber durchaus wieder lustig, wenn man den Slammer kennt. Dann liest man nämlich die Bücher so, dass man automatisch den Duktus des Autors im Ohr hat. Letztlich sind es aber Bühnentexte und da gehören sie auch primär hin.

Beim Poetry Slam herrscht meist eine äußerst gelöste Stimmung. Mal ehrlich, wie viel Prozent der Künstler trinken sich vor ihrem Auftritt Mut an?

Das ist echt unterschiedlich. Manche trinken nichts, manche vorher ein oder zwei Bier. Wer professionell auf die Bühne geht, der „schießt“ sich nicht ab. Das ist eher ein adäquates Mittel für diejenigen, die über die „offene Liste“ spontan auf die Bühne gehen, die sich ausprobieren wollen.

Sie standen als Slammer erstmalig 2008 auf der Bühne. Gab es einen Moment, in dem es „Klick“ gemacht hat und Sie haben gesagt: Das will ich machen?

Mein Bruder hat mich Ende 2007 mit zu einem Poetry Slam nach Stuttgart geschleppt – für mich war das Neuland und ich fand das ansprechend. Mein Bruder meinte schließlich: „Ich will Dich auch da oben stehen sehen.“ Dann habe ich angefangen meine ersten Texte zu schreiben.

Mittlerweile sind Sie vorwiegend als Veranstalter und Organisator aktiv und treten als Moderator verschiedener Veranstaltungen und als Coach auf. Warum?

Ich habe an etwa 500 Slams teilgenommen, habe irgendwie alles gesehen und erlebt. Seit 2009 organisiere und moderiere ich parallel zum Slammen Veranstaltungen. Die Bühne „taugt mir“ durchaus, nur hat sich der Schwerpunkt verlagert. Außerdem wäre es schwierig, nur vom Slammen zu leben.

Sie sind viel unterwegs, wobei können Sie entspannen?

Tatsächlich bei meinem Job. Als Selbständiger definiere ich mich über meine Arbeit und wenn ein Abend auf der Bühne gut läuft, bin ich entspannt. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und dann verpasst, mir ein neues Hobby zu suchen. Insofern waren die letzten Monate ohne Arbeit nicht einfach.

Wie haben Sie die Corona-Pause verbracht?

Primär zu Hause. Ich war mit meiner Frau in Japan im Urlaub, als der Lockdown kam. Wieder zu Hause angekommen, war es dann schon seltsam, von einem auf den anderen Tag nicht mehr auf der Bühne zu stehen.

Am 25. Juli wird es einen „Poetry Slam Spezial“ im Open Air Sommer der Singener Gems geben. Was erwartet das Publikum da?

Da wir den Slam wegen der Corona-Abstandsregeln nicht wie gewohnt mit vielen verschiedenen Künstlern machen können, werde ich als Moderator nur mit zwei großartigen Slammern, nämlich mit Jan Cönig und Marius Loy auf der Bühne stehen.

Es gibt Prosa, Lyrik und Stand Up, ein bisschen ein Best Of unseres Schaffens der letzten Jahre. Das wird dann für mich der erste Auftritt seit Anfang März sein und ich freue mich tatsächlich wahnsinnig darauf. Das bedeutet für uns Künstler wieder ein Stück Normalität.

Fragen: Nicola M. Westphal