Herr Ebrahimi, Sie kommen ursprünglich aus dem Iran, mussten aber, als Sie 13 Jahre alt waren, nach Deutschland flüchten. Was waren die Gründe dafür?

Niemand aus meiner Familie ist mit der politischen Situation dort zufrieden. Bereits für einen meiner Onkel hat das den Tod bedeutet. Mein Vater war mit mir zusammen auf einer Demonstration gegen das iranische Regime, als wir plötzlich verhaftet wurden. Mein Vater konnte noch flüchten, aber ich wurde festgenommen. Im Iran herrscht eine Diktatur, wenn du etwas gegen die Regierung sagst oder machst, musst du ins Gefängnis und sie wollen dich töten. Weil meine Familie belegen konnte, dass wir ein Haus haben, wurde ich freigelassen. Danach gehörte das Haus dem Staat, aber ich habe das nutzen können, um alleine zu flüchten.

Wie ist diese Flucht verlaufen?

Ich musste zuerst nach Teheran, der Hauptstadt des Iran. Meine Tante wohnt dort. Bei ihr bin ich zunächst geblieben. Dann haben wir eine Möglichkeit gefunden, ein Visum zu erlangen. Damit konnte ich mit dem Flugzeug nach Deutschland kommen. Ich bin in Frankfurt gelandet. In Gießen wohnt eine andere Tante von mir. Sie hat mich abgeholt. Jetzt gerade wohne ich bei meinem Onkel. Er ist der Bruder meiner Mutter.

Wieso sind Sie gerade hier gelandet?

Weil ich hier Familienangehörige habe. Mein Onkel lebt schon lange mit seiner Familie in Singen.

Sie sind in Kashmar aufgewachsen und dort bis zur 7. Klasse in die Schule gegangen. Wie haben Sie sich im Hegau einleben können?

Ich konnte weder Deutsch noch Englisch, als ich hergekommen bin. Dann musste ich beides lernen. Freunde von meinem Onkel haben mir beim Lernen geholfen. Glücklicherweise hatte er auch Freunde, die früher Deutsch unterrichtet haben. Am Anfang haben sie kein Wort von mir verstanden. Außerdem bin ich in der Zeppelin-Realschule in eine Vorbereitungsklasse gegangen.

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Wie geht es Ihrer Familie im Iran?

Ich rede nicht sehr oft mit meiner Familie, daher weiß ich nicht so genau, wie es ihnen geht. Zuletzt habe ich vor vier Monaten mit meiner Mutter telefoniert. Es ging ihnen ganz gut. Ich weiß nicht, ob sie nach Deutschland kommen könnten. Wo mein Vater ist, habe ich keine Ahnung. Seit meiner Verhaftung weiß ich nichts mehr von ihm.

Das war vermutlich alles eine große Umstellung für Sie. Was war der größte Unterschied zu Ihrer Heimat Iran?

Das Verhältnis zwischen den Menschen ist ganz anders, also zum Beispiel zu meinen Lehrern. Es ist hier ein bisschen freundlicher. In Iran konnte man von seinem Lehrer geschlagen werden. Hier musst du keine Angst hast. Mein Lieblingsfach in der Schule ist Mathe.

Was gefällt Ihnen hier sonst noch gut?

Es gefällt mir, wie die Region hier aussieht. Alles ist grün. Der Schwarzwald hat mir auch gut gefallen.

Für die Schule mussten Sie ein Berufspraktikum machen. Sie haben sich entschieden, dieses bei einem Singener Künstler zu machen. Wie kam es dazu?

Harald F. Müller war der Lehrer meiner Cousine. Sie arbeitet mittlerweile im Rathaus. Dadurch kannte ich ihn schon und ich wollte gerne ein Praktikum bei einem Künstler oder einem Maler machen, da ich auch selber zeichne. Auch mein Vater hat im Iran Kunst studiert. Aus diesen Gründen habe ich Herrn Müller gefragt. Bereits letztes Jahr wollte ich das machen, leider ging es da noch nicht. Stattdessen habe ich es dann bei meinem Onkel gemacht. Er hat eine Teppichklinik in Singen. Da durfte ich mit zu den Kunden gehen, Fotos von den Teppichen machen oder bei der Reparatur helfen.

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Was waren Ihre Erfahrungen während des Praktikums im Atelier?

Mir hat alles gefallen. Die Halle ist toll, so groß. Ich habe nie gedacht, dass es mir so viel Spaß macht, mit Farben zu arbeiten. Ich wusste zuvor nicht, was Pigmente und Sax sind. Jetzt weiß ich sogar, wie man sie anmischt. Außerdem durfte ich beispielsweise auch Instagram-Posts für Harald F. Müller machen.

Woher kommt ihr Interesse an Kunst?

Die Gedanken, die hinter einem Kunstwerk stehen, interessieren mich. Ich möchte für mich klären, was der Künstler sich dabei gedacht hat.

Sie sind nun schon seit vier Jahren hier. Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?

Ich möchte jetzt gerade mehr Kunst in meiner Freizeit machen können, damit ich dazulernen kann. Vielleicht möchte ich später sogar auch etwas in diese Richtung machen. Nach meinem Realschulabschluss würde ich gerne in das berufliche oder technische Gymnasium gehen. Ein Wunsch von mir wäre es, aus Singen weg und stattdessen in eine größere Stadt zu ziehen. Meine Heimatstadt Kashmar war nämlich auch keine große Stadt.