Geronimo musste vor der Polizei fliehen. Vor dem Parkhauswächter im Singener Karstadt-Gebäude. Vor keifenden älteren Damen und, ja, einmal sogar vor seinem eigenen Lehrer. Warum? Weil Geronimo auf einem Skateboard unterwegs war.

Zunächst geächtet

„Gerade in der Singener Innenstadt war das gar nicht gerne gesehen“, sagt der junge Mann mit den langen blonden Haaren. Das Rattern der Rollen beim Überqueren des Asphalts, das Ächzen der Achsen, wenn er – damals noch Teenager – versuchte, mit dem Board durch die Luft zu springen: Viele empfanden das als Ruhestörung. Besonders groß war die Empörung, wenn Geronimo mit seinem Board über Treppen, Geländer oder Parkbänke glitt. „Sachbeschädigung, hieß es dann.“

Zum Teil könne er das mittlerweile nachvollziehen, meint Geronimo. Heute ist er 20 Jahre alt und trägt einen Vollbart. Dass er entspannt auf seine Vergangenheit zurückblicken kann, hängt damit zusammen, dass sich sein Sport vom Nischen-Dasein früherer Tage befreit hat. Skaten ist populär geworden, auch im Hegau.

Innerhalb der Singener Skate-Familie kommt ihm die Rolle des großen Bruders zu: Geronimo (vorne) freut sich, dass sich auch Jüngere für den seinen Lieblingssport begeistern: Elija, Chantal, Justin und Kevin (von links).
Innerhalb der Singener Skate-Familie kommt ihm die Rolle des großen Bruders zu: Geronimo (vorne) freut sich, dass sich auch Jüngere für seinen Lieblingssport begeistern: Elija, Chantal, Justin und Kevin (von links). | Bild: Tesche, Sabine

Offensichtlich wird das an dem Skatepark, den die Stadt vor etwa fünf Jahren in der Nähe des Friedrich-Wöhler-Gymnasiums errichtet hat. „Der wird sogar nachts noch von Straßenlaternen beleuchtet“, freut sich der junge Mann.

Anziehungspunkt für alle

Als wir ihn auf dem weitläufigen Gelände treffen, sind neben Skatern auch Kinder und Jugendliche auf Cityrollern zwischen den Rampen unterwegs. Die meisten dürften zwischen zwölf und 25 Jahre alt sein, unter ihnen einige Mädchen. „Das wäre früher noch undenkbar gewesen“, erzählt Geronimo und lächelt.

Der Singener freut sich, dass sich der Skatepark zu einem echten Treffpunkt entwickelt hat. „Jeder ist hier willkommen. Geschlecht, Alter oder Herkunft: Das alles spielt keine Rolle.“

Bild: Tesche, Sabine

Aber auch wenn ihn viele Skaterkumpels, die er im Laufe der Jahre in Deutschland und der Schweiz kennengelernt hat, um diese harmonische Spielwiese beneiden: So ganz verabschieden will sich Geronimo von den Abenteuern seiner Skate-Anfänge und den damit verbundenen Gefahren dann doch noch nicht.

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Sein Nachname zum Beispiel sollte besser nicht nicht in der Zeitung auftauchen. „Das könnte Probleme geben“, gibt er sich geheimnisvoll. Weitere Anzeichen dafür, dass Geronimo das Bild vom scheinbar gesetzlosen Skater hochhält, hängen in etwa vier Metern Höhe über der Anlage: Ausgelatschte Sneakers, die der 20-Jährige an den Schnürsenkeln zusammengebunden und in eine Baumkrone am Parkeingang befördert hat.

Wenn Skater Spuren hinterlassen: Diese zerschlissenen Schuhe zeugen davon, wie strapaziös der Sport sein kann.
Wenn Skater Spuren hinterlassen: Diese zerschlissenen Schuhe zeugen davon, wie strapaziös der Sport sein kann. | Bild: Tesche, Sabine

Die Schuhe im Baum seien ein Trend, der aus Amerika nach Deutschland gewandert sei, erzählt Geronimo. Im Gegensatz zu den Bewohnern der US-Ghettos geht es ihm aber nicht darum, einen Drogenumschlagplatz zu markieren. Vielmehr sind es wertvolle Erinnerungen, die er mit dem ramponierten Schuhwerk verknüpft: „Ich weiß noch genau, wann ich in den letzten Jahren welche Schuhe getragen habe – und welche Tricks ich damals ausprobiert habe.“

Inspiration aus Amerika

Auch an die Anfänge seiner Skaterzeit denkt er gerne zurück. „Ich hab‘ damals verschiedene Videos des Rappers Tyler, the Creator gesehen, in denen er auf dem Skateboard unterwegs war. Das sah einfach cool aus.“ So cool, dass Geronimo seine Mutter schließlich überredete, ihm auch so ein Rollenbrett zu kaufen.

„Wir haben den Verkäufer im Sportgeschäft gefragt, wie man skaten überhaupt lernen kann“, berichtet Geronimo. „Er meinte nur: ‚Einfach drauf und ausprobieren.‘“ Gesagt getan.

Video: Privat

Glücklicherweise lernte der damals 13-Jährige auf den Straßen schnell Gleichgesinnte kennen. „Wir waren ständig zusammen unterwegs und haben uns gegenseitig Tricks beigebracht.“ Er kenne inzwischen wohl jede Treppenstufe in Singen, scherzt Geronimo. Hindernisse zu überspringen, habe ihm gerade anfangs am meisten Spaß gemacht.

Video: Privat

Heute fühlt sich der 20-Jährige aber auch in den Skateparks heimisch, die sich im Laufe der Jahre in der Region ausgebreitet haben. An der Singener Anlage schätzt er die ungewöhnliche dreieckige Form: „Im Gegensatz zu anderen Parks musst du nie anhalten, du kannst immer weiter fahren.“

Das Risiko rollt mit

Ein Blick über das Gelände zeigt aber auch: Schutzausrüstung ist in der Singener Skate-Szene eher unpopulär. Ein weiterer Hinweis auf die anarchische Vergangenheit des Sports? Zumindest bei Geronimo trifft das zu. Dass er für mehr Bewegungsfreiheit einen Preis zahlt, ist ihm bewusst. „Ich hatte schon einige Verletzungen“, gibt er unumwunden zu. „Alleine zwei Gehirnerschütterungen, aber auch Knochenbrüche und Bänderverletzungen.“

Wuchtiger Aufprall: Das Verletzungsrisiko ist beim Skaten nicht zu unterschätzen. Geronimo hat sich bereits Bänderverletzungen und Gehirnerschütterungen zugezogen.
Wuchtiger Aufprall: Das Verletzungsrisiko ist beim Skaten nicht zu unterschätzen. Geronimo hat sich bereits Bänderverletzungen und Gehirnerschütterungen zugezogen. | Bild: Privat

Ob mit oder ohne Krücken, spätestens nach einer Woche Pause sei er jedes Mal wieder aufs Brett gestiegen. Davon will sich der Skate-Veteran auch in Zukunft nicht abhalten lassen. Selbst wenn die Kids, die heute neben ihm die Rampen herunterstürzen, sich dann vielleicht bereits einer neuen Trendsportart zugewendet haben.