Jürgen Räther ist es nicht gewohnt, um Hilfe zu bitten. „Ich bin nicht jemand, der auf andere zugeht und etwas haben möchte“, erzählt der Familienvater. „Seit ich 18 bin, habe ich immer gearbeitet.“ Zuletzt war Räther in einem Gerüstbaubetrieb tätig und hat, wie er zurückblickend sagt, gutes Geld verdient.

Während er zur Arbeit ging, kümmerte sich seine Frau Melanie zuhause um die fünf Kinder – besonders um die jüngste Tochter Emma. „Unser kleines Mädchen hat das Down-Syndrom. Sie kam als Frühchen zur Welt und musste schon eine Woche nach der Geburt operiert werden“, erklärt der 55 Jahre alte Singener.

Ein Sommer, der alles änderte

Wir erreichen Jürgen Räther zuhause und das ist kein Zufall. Denn wie er im Laufe des Telefonats berichtet, hat sich das Familienleben der Räthers seit dem Sommer 2018 schlagartig verändert. Alles fing damit an, dass seine Frau über ungewöhnlich starke Bauchschmerzen klagte. Im Juli stellten die Ärzte einen bösartigen Tumor im Bauchraum fest.

Melanie Räther aus Singen ist an Krebs erkrankt. Deshalb kann sich die 44-Jährige nicht mehr alleine um die Pflege ihrer Tochter Emma kümmern.
Melanie Räther aus Singen ist an Krebs erkrankt. Deshalb kann sich die 44-Jährige nicht mehr alleine um die Pflege ihrer Tochter Emma kümmern. | Bild: Privat

„Für uns brach eine Welt zusammen“, sagt Jürgen Räther. Nicht nur weil klar war, dass Melanie Räther eine sehr schwere Zeit bevorsteht, sondern auch weil sie ja für die Pflege der fünf Jahre alten Emma zuständig gewesen war.

Wer kümmert sich jetzt um die Tochter?

Aufgrund der Erkrankung sei die Betreuung nicht mehr in dem Maße möglich gewesen, wie es die Familie gewohnt war. „Die Krankenkasse hat uns dann mitgeteilt, dass es auch rechtlich gar nicht erlaubt ist, dass jemand, der selbst in Pflegestufe Drei ist, für ein Kind mit Pflegestufe Fünf sorgt“, berichtet Räther.

„Wir sollten Emma in ein Behindertenheim geben, dann hätten wir wenigstens diese Last nicht zu tragen“, erinnert er sich an eine Aussage, die seine Frau während einer Reha-Maßnahme zu hören bekam. „Wir werden Emma aber in keinem Fall weggeben“, betont der Vater.

Emma Räther ist als Frühchen zur Welt gekommen. Die Fünfjährige hat das Down-Syndrom und einen Herzfehler.
Emma Räther ist als Frühchen zur Welt gekommen. Die Fünfjährige hat das Down-Syndrom und einen Herzfehler. | Bild: Privat

Abhängig von Hartz 4 und Pflegegeld

Da sich die Familie nicht leisten kann, eine Vollzeitpflegekraft einzustellen, hat Jürgen Räther inzwischen seinen Arbeitsplatz gekündigt, um seine Frau und Tochter zu pflegen. „Jetzt sind wir auf Hartz 4 und Pflegegeld angewiesen“, berichtet er. Keine einfache Situation. Denn auch Luis (7), Finn (10), Tabea (15) und Felix (18) machen sich natürlich Sorgen um ihre Mutter.

Nach der Krebsdiagnose sei Melanie Räther direkt operiert worden, erzählt ihr Mann. Dabei wurden die Gebärmutter, die Eierstöcke, die Eileiter und sechs Lymphknoten entfernt. Darauf folgten eine Chemotherapie und eine Bestrahlung – und im Oktober 2019 die nächste Hiobsbotschaft: Die Ärzte fanden Metastasen in Melanie Räthers Lunge. Diese wurden erneut mit einer Chemotherapie behandelt. Im Februar stellten die Mediziner dann einen weiteren Tumor an der Niere fest.

Wie es jetzt weitergeht

„Noch ist unsicher, ob meine Frau ins Krankenhaus muss oder ob sie im Strahlenzentrum Singen behandelt werden kann.“ Gerade im Augenblick sei Melanie Räther wieder beim Arzt, um alles zu besprechen, berichtet ihr Mann. So viel sei aber jetzt schon klar: „Zunächst stehen acht Wochen Chemotherapie an, danach vier Wochen lang Bestrahlung.“

Melanie Räther aus Singen mit ihrer Tochter Emma.
Melanie Räther aus Singen mit ihrer Tochter Emma. | Bild: Jürgen Räther

Eine zusätzliche Belastung ist im Moment die Gefahr durch das Coronavirus. „Es wäre verheerend, wenn sich Melanie infizieren würde“, weiß Jürgen Räther. „Ihr Immunsystem ist jetzt schon stark geschwächt.“ Deshalb nimmt die ganze Familie Rücksicht. Die Wohnung sei mehr oder weniger abgeriegelt. Und obwohl sie keinen eigenen Garten haben, gehen die Räthers nur selten ins Freie.

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Trotzdem: Kein Selbstmitleid

Während Jürgen Räther all das erzählt, ist kein Selbstmitleid aus seinen Aussagen herauszuhören. „Wir versuchen, das Beste aus der jetzigen Situation zu machen“, sagt er. Noch gehe man sich auch nicht auf die Nerven. „Unsere zwei Größeren, Felix und Tabea, sind in Abschlussklassen. Sie wollen dieses Jahr Abi machen und die Hauptschule abschließen und bereiten sich deshalb auf die Klausuren vor.“ Finn und Luis seien mit Hausaufgaben und spielen beschäftigt. „Nur um Emma müssen wir uns besonders kümmern“, erzählt er.

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Sorgen bereitet Räther die finanzielle Situation der Familie. „Wir müssen uns zum Beispiel einen neuen Herd kaufen.“ Als er noch berufstätig war, wäre eine solche Anschaffung kein Problem gewesen. Heute, wo die Familie ihre Kleider nur noch im Second-Hand-Geschäft kauft, schon eher. In absehbarer Zeit wird auch das Auto nicht mehr fahrtüchtig sein.

Hilfe durch Sonnenherz

Deshalb ist Jürgen Räther dankbar, dass er im Internet auf die Krebshilfe Sonnenherz (siehe unten) aufmerksam wurde. Wie sehr sich deren ehrenamtliche Mitarbeiter für Familien wie seine einsetzen, hat ihn beeindruckt. Und auch wenn der 55-Jährige nicht gerne um Hilfe bittet: „Alleine der Austausch mit dem Gründer, Christian Neumeir, war für mich bereits eine tolle Erfahrung.“