Steuerrecht könnte langweilig klingen, wie ein notwendiges Übel. Doch das ist nicht so, wenn man Bernhard Hertrich zuhört. Er ist seit über 40 Jahren Steuerexperte und jongliert dabei nicht nur mit Zahlen, wie er erklärt. „Wir haben mit der gesamten Bandbreite des Lebens zu tun“, sagt er anlässlich des Endes seiner Berufszeit. Denn zum neuen Jahr gibt er die Singener Steuerkanzlei in die Hände seines Neffen Raphael Hertrich. Dabei habe er bis zuletzt geliebt, was er tue. Denn in täglichen Gesprächen bekomme man als Steuerrechtler ein ziemlich umfassendes Bild von der Welt. Dabei sei es nicht immer harmonisch: „Im Finanzbereich muss man auch mal unangenehme Dinge sagen.“ Aber es sei immer spannend und lehrreich gewesen.

Mit Mutter Elfriede fing vor 76 Jahren alles an.
Mit Mutter Elfriede fing vor 76 Jahren alles an. | Bild: Steuerkanzlei Hertrich

Die Anfänge des Familienbetriebs sind ungewöhnlich, besonders vor 76 Jahren: Nicht der Vater war der Chef, sondern die Mutter, wie Hertrich vergnügt erzählt. Mutter Elfriede habe eine Ausbildung in einem Steuerbüro absolviert und dort während des Kriegs alleine gearbeitet, da alle Männer eingezogen wurden. Also machte sie sich danach selbstständig. Mit einer Schreibmaschine und einem Schreibtisch im Elternhaus an der Theodor-Hanloser-Straße in Singen fing alles an.

Mutter legte den Grundstein

Nachdem die Akten und Mitarbeiter immer mehr Platz brauchten, zog die Kanzlei im Jahr 2000 in die Julius-Bührer-Straße 2. „Ich war einer der ersten Käufer“, erinnert sich Hertrich. Damals seien einige noch skeptisch gewesen, doch inzwischen habe sich der Standort bestens etabliert.

Der Stammsitz der Kanzlei war in der Theodor-Hahnloser-Straße in Singen. Seit einigen Jahren ist das Team in der Julius-Bührer-Straße zu finden.
Der Stammsitz der Kanzlei war in der Theodor-Hahnloser-Straße in Singen. Seit einigen Jahren ist das Team in der Julius-Bührer-Straße zu finden. | Bild: Steuerkanzlei Hertrich

Hauptberuflich nach Bonn? Lieber nicht

Dabei habe er nicht damit gerechnet, die Kanzlei mal zu übernehmen. Er sei das jüngste von fünf Kindern, erklärt er, eigentlich wären andere an der Reihe gewesen. Bernhard Hertrich machte in seiner Jugend politisch von sich reden: „Wir wollten eine neue Union machen“, erklärt der Steuerjurist. Deshalb habe er sich im Alter von 16 Jahren mit anderen zusammen getan, und sei erst stellvertretender Landesvorsitzender der Schülerunion und später der RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) gewesen. Man habe ihn angeboten, in Bonn hauptamtlich für den RCDS zu arbeiten. Aber Hertrich entschied sich dagegen: „Ich wollte nie von der Politik beruflich abhängig sein“, erklärt er.

Stattdessen brachte er sich ehrenamtlich ein: 23 Jahre lang war er Gemeinderat in Hilzingen, davon 17 Jahre auch Bürgermeister-Stellvertreter.

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Er wollte mit Entscheidungsträgern auf Augenhöhe sprechen

Wer Steuerberater werden möchte, könne sich dem Beruf entweder juristisch oder betriebswirtschaftlich nähern, erklärt Hertrich. Er habe den Weg des Juristen eingeschlagen und könne so mit Entscheidungsträgern auf Augenhöhe kommunizieren. „Steuerrecht ist auch eine Frage der Gerechtigkeit“, sagt der Anwalt. Anders als etwa im Strafrecht sei es im Steuerrecht aber eindeutiger: „Zahlen sprechen eine klare Sprache“, sagt Hertrich.

Dennoch sei seine Arbeit sehr lebensnah gewesen – vom Landwirt im Hegau, der mit einer Betriebsprüfung zu kämpfen hatte, bis zum kleinen Konzern. Auch Grenzgänger hätten ihn und die inzwischen 20 Mitarbeiter häufig um Hilfe gefragt.

Zuletzt habe die Corona-Pandemie für eine große Herausforderung gesorgt. Die Staatshilfen hätten jedoch 80 Prozent der Betroffenen sehr geholfen – und gezeigt, dass Verwaltung auch schnell reagieren kann.

Das hektischste Recht von allen

Flexibilität sei auch von Steuerexperten gefragt. „Das Steuerrecht ist ein ganz hektisches Recht, wenn nicht das hektischste von allen“, sagt Bernhard Hertrich. Ständig ändere sich etwas, häufig gebe es komplexe Ausnahmeregelungen. Schon seine Mutter sei jedes Jahr auf Fortbildungen gegangen, das sei auch heute noch nötig.

Einiges habe sich in den vergangenen Jahrzehnten aber verändert. Früher habe man alles per Hand geschrieben mit Durchschlagpapier. Belege für die Steuerangelegenheiten der vergangenen Jahrzehnte finden sich bis heute im hauseigenen Mandantenarchiv. „Finanzielles Gedächtnis“ nennt Bernhard Hertrich das mit gewissem Stolz. „Wir begleiten viele Mandanten ein Leben lang.“

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Bleiben soll die Familie als Inhaber: „Die Oma hätte eine riesen Freude, wenn sie mitbekommen würde, dass jetzt der Enkel die Kanzlei in dritter Generation übernimmt.“, sagt der scheidende Inhaber. Sein Neffe Raphael Hertrich ist Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, zuletzt arbeitete er für eine große Unternehmensberatung. Seit Januar 2021 ist er zurück in Singen und übernimmt nach und nach die Geschäfte. Er teilt die Ansicht seines Onkels: „Das Persönliche ist in unserem Job ganz wichtig.“

Auch nach dem offiziellen Ruhestand ab Neujahr 2022 wird der ältere Hertrich dem jüngeren noch zur Seite stehen, wie er versichert. „Ab 2. Januar bin ich nur noch die Aushilfe in diesem Haus.“

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