Was macht man, wenn zu Silvester die große Sause Corona-bedingt wieder einmal abgesagt ist? Wenn Hygienevorschriften den Ball zum Jahreswechsel unmöglich machen und ein Verkaufsverbot gar das Feuerwerk um Mitternacht verhindert. „Silvester in der Färbe gehört für mich dazu“, erklärt der Hilzinger Andreas Schmid, der das Neue Jahr mit vielen weiteren Gästen und reichlich Sicherheitsabstand in der Basilika des Färbetheaters erlebte, wo mit einer Doppelvorstellung des aktuellen Stücks Cyrano de Bergerac ein unterhaltsames Schauspiel die letzten Stunden des zu Ende gehenden Jahres verkürzte.

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Was für ein Theater zum Jahresabschluss: Im Spiel verschwimmt die Grenze zwischen Publikum und Protagonisten und manchmal wird der Zuschauer zum Angesprochenen. Dabei spannt Regisseur Andreas von Studnitz in der Singener Fassung des Theaterklassikers den Bogen in dieser Nacht zwischen den Jahren vom Gestern zum Heute, taucht die Szenerie in Blaulicht und lässt musikalisch den Police-Hit „Roxanne“ aus dem Rotlichtmilieu gekonnt verfremden. Das Ensemble um Hauptdarsteller Alexander Klages ist gerade noch in der verlustreichen Schlacht um Arras und vermisst fast gleichzeitig das Handy. Kein Wunder, dass der Garten Eden so verloren gehen musste.

Das Färbe-Ensemble Elmar F. Kühling, Reyniel Ostermann, Milena Weber, Daniel Leers, Cornelia Hentschel, Alexander Klages zum ...
Das Färbe-Ensemble Elmar F. Kühling, Reyniel Ostermann, Milena Weber, Daniel Leers, Cornelia Hentschel, Alexander Klages zum Jahreswechsel (v.l.). | Bild: Biehler, Matthias

Eine hoffnungsvolle Botschaft für 2022 stecke aber dennoch in Rostands Stück: „Dranbleiben“, erklärt Theaterleiterin Cornelia Hentschel im knallroten Direktoren-Livree. Denn Dranbleiben sei auch die Losung des Jahres 2021 gewesen. Ein halbes Jahr habe man im Lockdown verharren müssen, die zweite Jahreshälfte nur vor behördlich reduziertem Publikum auftreten können. Dennoch, so Hentschel, sei es eine Riesenfreude zu spielen, nachdem vor einem Jahr das Silvester-Theater ganz abgesagt werden musste, auch wenn das maskierte Publikum noch immer gewöhnungsbedürftig sei.

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Auch für Dagmar Bigerl, die mit ihrem Mann Hans zur Silvestervorführung kam, gab es eine Botschaft für das Neue Jahr: „Das Stück macht doch deutlich, dass man seine Gefühle nicht verstecken sollte und sie bewusster artikulieren muss“, zieht sie ihr Fazit fast als Vorsatz. Hans Bigerl ist fasziniert von der Textsicherheit des Ensembles. Dass dies vor allem von der gemeinsamen Freude am Spiel herrühre, verrät Schauspieler Elmar F. Kühlung, der kurz vor Mitternacht das Publikum mit einem Glas Sekt in der Hand fragt: „Wer hat meinen Texthänger bemerkt?“ – am Ende waren es wohl nur die direkt Beteiligten.

Auch Andreas Schmid hat einen schönen Färbe-Abend erlebt und hat doch auch noch Wünsche: „Was ich mir fürs Neue Jahr erhoffe? Dass der Originalschauplatz des Färbetheaters wieder mehr Bedeutung gewinnt“.

„Was ich mir fürs Neue Jahr erhoffe? Dass der Originalschauplatz des Färbetheaters wieder mehr Bedeutung gewinnt“.Andreas ...
„Was ich mir fürs Neue Jahr erhoffe? Dass der Originalschauplatz des Färbetheaters wieder mehr Bedeutung gewinnt“.Andreas Schmid, Hilzingen | Bild: Ingeborg Meier

Theaterleiterin Cornelia Hentschel scheint den Wunsch gekannt zu haben. Mit den Gastspielen von Volker Panisch, der mit den Werken der Mann-Brüder Thomas und Heinrich am 7. und 8. Januar im Kneipentheater gastiert, und Ralf Beckord, der seine Inszenierung des Küsters-Stücks Reichsbürger zwischen dem 14. und 22. Januar fünf Mal präsentiert, wird die Färbe erneut zum Schauspielort. Überdies, so Hentschel, hätten gerade die Proben für das nächste Stück des Ensembles unter der Regie von Elmar F. Kühlung begonnen. „Die Niere“ soll es heißen und einmal mehr reichlich Unterhaltung im Kneipentheater bieten.