Herr Schultheiss, Sie haben mit Ihrer Band ein neues Album veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Wir hatten im November 2019 in Emmendingen einen Auftritt zusammen mit der international bekannten Jazzsängerin Cécile Verny. Unser Gitarrist Martin Aichele, mit dem ich seit Ende der 70er Jahre in der Band BlossBluez spielt, organisierte auf Anregung unseres Saxophonisten und Flötisten Werner Englert einen Mitschnitt. Dann kam aber der Corona-Lockdown mit den bekannten Folgen. Im Herbst begann Martin dennoch, die Aufnahmen auszuwerten. Dabei war er so angetan von der Qualität, dass er mit einem bekannten Tonmeister, der auch schon mit Till Brönner gearbeitet hat, an die Abmischung ging.

Warum kam es gerade zu der Zusammenarbeit mit Cécile Verny?

Werner Englert ist schon lange fest etabliert in der der Freiburger Jazzszene und in der Gegend ein bekannter Name. Er lebt in Emmendingen und gestaltete dort vor der Corona-Zeit jährlich einen großen musikalischen Abend mit Starbesetzung für den Wohltätigkeitsverein Kiwanis. 2019 entwarf er gemeinsam mit uns einen Abend, der unter dem Motto „Shades of Blues“ stand, und lud dazu die Sängerin Cécile Verny ein.

Was ist musikalisch von der Produktion zu erwarten?

Musikalisch war das Projekt für uns und auch für Cécile eine Herausforderung, denn sie ist von Hause aus Jazz-Sängerin und gastierte auch schon beim Jazzclub Singen. Jazz und Blues sind zwar eng miteinander verwandt, aber es ist doch ein Unterschied, ob man gewohnt ist, ursprünglichen Blues zu spielen, oder ob man sich vom Jazz her dem Blues nähert.

Carlo Schultheiß ist ein leidenschaftlicher Musiker.
Carlo Schultheiß ist ein leidenschaftlicher Musiker. | Bild: Band

Für uns hingegen bestand die Schwierigkeit darin, für das Konzert in kurzer Zeit auch Stücke aus dem Jazz und Soul einzustudieren. Dazu hat Werner eigens für den Abend Arrangements geschrieben. Letztlich hatten wir dann gerade mal eine einzige gemeinsame Probe mit Cécile. Es lag deshalb eine elektrisierende Spannung in der Luft, die sich dann an dem Abend in einer enorm kraftvollen und improvisatorisch hoch interessanten Performance entlud – fernab jeder sterilen Routine.

Wie haben Sie die Künstlerin erlebt?

Ich habe Cécile als eine Top vorbereitete und menschlich sehr umgängliche Künstlerin erlebt, die gewohnt ist, während des Konzerts auch einmal souverän vom Konzept abzuweichen und ganz spontan musikalische Dialoge zu führen. Sie ist eine sensible Künstlerin, technisch sehr versiert und mit einem großen Stimmumfang gesegnet, die sich aber auch als äußerst ausdrucksstarke „Bluesröhre“ präsentieren kann.

Der Bandname BlossBluez ist ein Wortspiel. Bleibt das Konzept bloß Blues?

Der Bandname hat einen ironischen Beiklang, so als würden wir es uns einfach machen, indem wir „bloß“ Blues spielen. In Wahrheit ist es natürlich alles andere als leicht, guten Blues zu machen, denn, obwohl die Grundstruktur überschaubar ist, ist es sehr schwer, seine feinen Nuancen zu erfassen. Und um sie geht es ja letztlich.

Wie viele Menschen sind an so einem CD-Projekt beteiligt?

Nach dem Konzert waren über weite Strecken mit Martin Aichele und Matthias Reusch nur zwei Personen direkt an der musikalischen Produktion beteiligt, und das haben wir akzeptiert, weil es sonst vielleicht zu unnötigen Verzögerungen gekommen wäre. Und man darf nicht das professionelle Designstudio GD90 vergessen, welches das Cover der CD, wie auch das unserer vorherigen CD mit „Guitar Crusher“, visuell hervorragend gestaltete. Und es mussten Fotos gemacht und montiert werden, und auch die Liner Notes mussten geschrieben sein. Hierzu konnten wir band-intern einiges selbst beisteuern.

Und wie hoch ist der zeitliche Aufwand?

Martin hat sicher mehr als 50 Stunden an Arbeit investiert. Es gibt unheimlich viel zu beachten bei so einer Produktion: Auswahl der Stücke, immer wieder Anpassungen im Mix, Auswahl von Bildern, Abstimmungen mit dem Presswerk, und auch die finanzielle Abwicklung muss gewährleistet sein. Und in so einer Band, wie wir es sind, die von Anfang an ein urdemokratisches Selbstverständnis pflegt, gibt es natürlich viele Vorstellungen, die berücksichtigt werden wollen. Nun sind wir alle sehr glücklich über das Ergebnis.

Wo wurden die Aufnahmen gemacht?

Wir haben Glück, dass Martin gemeinsam mit Matthias Reusch an der Hochschule Furtwangen lehrt. Reusch, der dort eine Professur für Audiodesign und -produktion bekleidet, ist ein namhafter Toningenieur, der uns in seinem privaten Studio in Tübingen einen meisterhaften Sound gemixt hat. Martin hat dabei als „Executive Producer“ gewirkt, aber wir hatten natürlich alle Anteil am Endergebnis.

Wie war die Produktion unter Corona-Bedingungen, gab es da besondere Herausforderungen?

Martin konnte, anders als bei der Produktion von „Guitar Crusher meets BlossBluez“ nicht mit Matthias Reusch gemeinsam am Mischpult sitzen. So hat Matthias in enger Abstimmung mit Martin die Stücke einzeln in mehreren Schleifen immer bis zu einem gewissen Punkt abgemischt und dann als Dateien wieder an Martin verschickt. Der hat dann in Abstimmung mit uns wieder Korrekturen angeregt und das Tonstudio hat dann schließlich das Mastering gemacht – das war doch ein sehr aufwändiger Prozess.

Gibt es schon nächste Projekte?

Corona hat uns einen mächtigen Strich durch die Rechnung gemacht: Es waren für 2020 einige Auftritte geplant. Beispielsweise hätten wir wieder auf dem Hohentwiel gespielt, aber traurigerweise ist das Burgfest ja nun schon wiederholt abgesagt worden.

Wir sind aber zuversichtlich, dass wir im Herbst aus dieser Lähmung erwachen und es dann wieder mit Auftritten weitergeht. Immerhin hatten wir jetzt viel Zeit, an eigenen Stücken zu arbeiten, was ich für mich eigentlich fortwährend tue. So viel sei verraten: Ein Corona-Blues wird ganz bestimmt dabei sein.

Wie kommen Ihre Fans an die CD?

Die CD lässt sich direkt über unsere Homepage oder unsere Facebook-Seite bestellen.

Hoffen Sie, das Projekt auch mal live vorstellen zu können?

Ja, unbedingt! Es waren schon gemeinsame Auftritte mit Cécile Verny fest geplant. Ich bin zuversichtlich, dass man uns, sobald wieder Konzerte möglich sein werden, auch gemeinsam mit ihr erleben kann.

Woher kommt Ihre Leidenschaft für den Blues?

Sie reicht zurück bis in meine Kindheit. Es waren diese musikverrückten 70er, die mich in dieser Hinsicht geprägt haben. Viele berühmte, weiße Bands hatten sich damals dem Blues verschrieben. Aber ich interessierte mich schon bald auch und gerade für den originalen afro-amerikanischen Blues. Er sprach mich wegen seiner emotionalen Vielgestaltigkeit an und auch wegen seiner kantigen Persönlichkeiten, die nie schulmäßigen Musikunterricht hatten, und von denen jede dennoch oder vielleicht gerade deshalb einen ganz eigenen Stil entwickelte. Und mir imponiert noch immer, dass der Blues die Augen nicht vor den unbequemen Seiten der Wirklichkeit verschließt.

Wie gelingt es Ihnen, Ihre vielen Interessen mit dem Beruf als Lehrer unter einen Hut zu bringen?

Ich wollte nie einen Beruf ergreifen, der für mich nur ein Job ist, den man herunterreißt. Meine Interessen bilden weitgehend eine Einheit. So kann sich das Unterrichten oder Lehren in den besten Momenten – was die Intensität der Kommunikation betrifft – wie ein Konzert anfühlen. Auf der anderen Seite reflektiere ich meine musikalischen Interessen auch gerne mit dem Blick des Philosophen und Philosophielehrers, der ich bin.

Wer meint, Blues sei Hochleistungssport, hat ihn gründlich missverstanden. Er ist vor allem etwas sehr Persönliches und Tröstliches, für das sich diejenigen, die sich auf ihn verstehen, auch gerne zwischendurch Zeit nehmen. Blues vor Publikum zu spielen ist großartig, aber der Blues ist nicht darauf angewiesen. Er ist in der Lage, sich selbst zu genügen – so wie die Philosophie.

Und es ist ja auch so, dass der Blues, wenn man die grundlegenden Fertigkeiten beherrscht, eine Musik ist, die einem hilft, seinen emotionalen Haushalt in Ordnung zu halten.