Es ist kurz nach 14 Uhr und vor der Tafel in Singen sind alle Stühle draußen im Wartebereich voll besetzt. Die Kunden warten darauf, dass ihre Nummer aufgerufen wird und sie im Tafelladen einkaufen dürfen. Es werden wegen des Krieges in der Ukraine immer mehr. Gerade kommt eine Frau mit ihren beiden ukrainischen Schützlingen und fragt, wo sie Lebensmittel bekommen können.

Mehr Kunden, höhere Ausgaben

Der Tafelverein steht wegen den Folgen des Krieges unter Druck. Er unterstützt finanziell und sozial Bedürftige über die Tafelläden und das Restaurant mit gespendeten Lebensmitteln und Essen. „Weniger Lebensmittel, mehr Kunden und höhere Ausgaben“, so fasst Vorsitzender Udo Engelhardt die Herausforderungen zusammen. Stark gestiegene Strom- und Dieselpreise machen dem Verein zu schaffen. Die Lebensmittel, die Supermärkte der Tafel zur Verfügung stellen, müssen von Lastwagen abgeholt, gekühlt und verteilt werden. „Der Diesel schlägt voll zu, die Tafeln überlegen gerade bei jeder Kiste, ob es sich lohnt, sie abzuholen“, berichtet Engelhardt. Doch jede Kiste weniger bedeutet weniger Lebensmittel für immer mehr Kunden.

Gut gefüllte Regale freuen Kunden und Mitarbeiter und sorgen für weniger Spannungen im Laden.
Gut gefüllte Regale freuen Kunden und Mitarbeiter und sorgen für weniger Spannungen im Laden. | Bild: Tesche, Sabine

Die Zahl der Kunden steige gerade sprunghaft an, weil zunehmend Flüchtlinge aus der Ukraine kommen. Engelhardt schätzt, dass es jetzt schon an die 100 Familien sind, die zusätzlich Bedarf haben. Auch für den Mittagstisch gibt es Anfragen. Die Flüchtlinge sind auf Spenden angewiesen, denn die ukrainische Währung sei hier nicht umtauschbar und sie kämen nicht an ihre Konten. Um den Menschen schnell helfen zu können, stellen die Mitarbeiter ihnen eine provisorische Kundenkarte aus. Sonst arbeitet der Verein mit einem digitalen System. Außerdem gibt es ein Infoblatt auf Ukrainisch, das erklärt, was die Tafel ist.

Olga Ulik arbeitet in der Tafel und kann als Russin beim Übersetzen helfen.
Olga Ulik arbeitet in der Tafel und kann als Russin beim Übersetzen helfen. | Bild: Tesche, Sabine

Die russische Mitarbeiterin Olga Usik kann beim Übersetzen helfen und es soll ab dieser Woche ein Mann aus der Ukraine das Team unterstützen. „Die Flüchtlinge aus der Ukraine sind froh, dass wir Lebensmittel haben und nehmen, was sie kriegen“, berichtet Olga Usik. Auch Engelhardt beschreibt die Flüchtlinge als dankbar und zurückhaltend. Seine Beobachtung ist, dass gerade viele der Kinder noch gar nicht realisiert hätten, was passiert ist und wo sie sind.

Tafellotse ab Mai

Um nicht nur den Flüchtlingen Orientierung zu geben, will der Tafelverein ab Mai einen Tafellotsen einstellen, der einen festen Platz neben dem Pavillon bekommt. Er soll das Tafelteam entlasten, das eigentlich keine Zeit hat, Fragen zu beantworten. Er hilft nicht nur bei Fragen rund um die Tafel, sondern soll auch auf andere Hilfsangebote verweisen können und im Idealfall mehrere Sprachen sprechen.

Udo Engelhardt leitet den Tafelverein seit vielen Jahren und ist besorgt, dass der Verein Andrang und Kosten irgendwann nicht mehr ...
Udo Engelhardt leitet den Tafelverein seit vielen Jahren und ist besorgt, dass der Verein Andrang und Kosten irgendwann nicht mehr bewältigen kann. | Bild: Tesche, Sabine

Der dringlichste Wunsch des Vorsitzenden ist es, mehr Lebensmittel zu bekommen. Spenden und ehrenamtliche Helfer würden natürlich auch gebraucht. Aber: „Wenn die Regale voll sind, sind die Kunden zufriedener und auch die Mitarbeiter, weil sie mehr abgeben können.“ Wenn es weniger zu verteilen gebe, bekomme auch der Einzelne weniger und das führe oft zu Diskussionen. Steigende Lebensmittelpreise und Knappheit mancher Lebensmittel durch Hamsterkäufe haben zur Folge, dass die Tafel weniger Waren bekommt. Es hänge vom Filialleiter ab, wie stark der Lebensmittelmarkt die Tafel unterstütze und spende.

Viele Supermärkte spenden

„Wir haben aber Kontakte zu 90 Prozent der Märkte im Kreis“, so Engelhardt. Für die Tafel ist diese Zusammenarbeit essentiell, deshalb verteilten die Fahrer auf ihren Touren zu den Geschäften gerade Infoblätter, die um mehr Unterstützung werben. Der Tafelverein darf nur Spenden annehmen und keine Produkte zukaufen, das stehe so in seiner Satzung, erklärt Engelhardt. Doch angesichts der Knappheit mancher Lebensmittel überdenke der Bundesvorstand diesen Grundsatz.

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Engelhardts Sorge ist, dass die Tafeln den steigenden Kundenzahlen nicht mehr Herr werden. Hohe Energiekosten führten zu mehr finanziell Bedürftigen, nicht nur unmittelbar wegen höheren Kosten für Heizung und Benzin, sondern auch, weil mehr Menschen arbeitslos würden. Deshalb müsse dringend die Grundsicherung angepasst werden. Einmalzahlungen würden auf Dauer nicht helfen. Den Tafeln gehe es darum, die Ernährung und eine möglichst gesunde Ernährung von Bedürftigen zu unterstützen. „Die Tafeln können das irgendwann nicht mehr leisten und dann müssen die Kommunen, das Land und der Bund ran“, so der Vorsitzende.