Wir machen Erzählzeit: Mit diesem Versprechen sind wir vor knapp einer Woche gestartet. Seitdem haben wir Ihnen Bücher und Autoren vorgestellt, die bei den 66 Veranstaltungen des Literaturfestivals „Erzählzeit ohne Grenzen“ im Mittelpunkt gestanden hätten. In unseren Rezensionen und Interviews ging es um Himmel und Hölle. Wir haben über Stan Laurel und Thomas von Aquin geschrieben. Jehovas Zeugen waren genauso Thema wie die Beatles und der VfL Bochum. Aber jetzt haben wir uns einen kurzen Verschnaufer verdient, finde ich.

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So sehr sich die SÜDKURIER-Autoren abrackern: Ersetzen können wir die Großveranstaltung natürlich nicht. Müssen wir auch gar nicht. Denn obwohl die geplanten Lesungen im Hegau, am Hochrhein und in der Schweiz ausfallen müssen: Irgendwie erleben wir dieser Tage ja doch so etwas wie eine grenzenlose Erzählzeit.

Zumindest in meiner Familie lässt es sich keiner nehmen, fröhlich vor sich hin zu fabulieren. Thema ist dabei – Sie haben es geahnt – meistens die Corona-Krise. Alles halb so wild, erzählt der Cousin. Der Malle-Urlaub mit den Handball-Kumpels ist für den Sommer gebucht. Warum sich also Sorgen machen? Statt übertriebener Sicherheitsvorkehrungen braucht es offene Grenzen – möglichst schnell.

Strafe Gottes sorgt für Entschleunigung

Meine Großmutter hat einen pessimistischeren Blick auf die Lage. In ihren Augen ist die Pandemie eine verdiente Strafe – dafür, dass die Menschen nicht mehr in den Gottesdienst gehen. Zugegeben, das ist ziemlich düsterer Erzählstoff. Angenehmer ist es dem Vater zuzuhören. Der freut sich über neue Möglichkeiten der Entschleunigung. Zeit, gemächlich Lesestoff zu wälzen und den Blumen im Garten beim Wachsen zuzuschauen. Wer am Ende recht hat?

Eigentlich die falsche Frage. Denn beim Erzählen geht es um Kreativität. Und zum Glück beweisen die Menschen ausgerechnet in diesen Krisentagen ihre Fantasie.

Weihnachtslieder im März

Radiosender sorgen mitten im März mit Weihnachtsliedern für besinnliche Stimmung. Tech-Hersteller entwickeln Armbänder, die uns per Vibrations­alarm davor schützen, uns ins Gesicht zu fassen. Arbeitskollegen verlagern die Kaffeepausen ins Internet. Freunde verabreden sich zum virtuellen Spiele-Abend. Musiker geben Nachbarschaftskonzerte vom Balkon. Und im Hegau haben wahrscheinlich noch nie so viele Menschen gleichzeitig mit Bärlauch-Pesto-Rezepten experimentiert wie in diesen Tagen.

Bild: SK

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Auch deshalb werden wir in Zukunft von dieser Zeit erzählen.

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Und wer weiß, vielleicht sitzt ja bereits der ein oder andere Autor, der eigentlich für einen Auftritt bei der Erzählzeit 2020 gebucht war, an seinem Schreibtisch und erfindet gerade den Lesestoff, über den wir nächstes Jahr sprechen werden.