2020 hätte eigentlich groß gefeiert werden sollen: Die Firma Netzhammer stand im März mitten zu den Vorbereitungen ihres 50-jährigen Jubiläums. Doch dann kam Corona. Die Gastronomie und Hotelerie musste im März pandemie-bedingt Schließen. Ein Schlag auch auf für den regionalen Lieferanten von Hotels und Gastronomen im Singener Industriegebiet. Ein großer Teil der Umsätze blieb aus. „Nach einer guten Sommersaison im vergangenen Jahr leiden auch wir unter dem zweiten Lockdown nun seit November 2020 bereits im sechsten Monat“, sagt Johannes Netzhammer, seit Dezember 2019 als Nachfolger der dritten Generation im Unternehmen. Und dennoch: Mitten im Lockdown und trotz Corona wird Netzhammer seine Logistikfläche um rund 2000 Quadratmeter am Standort in Singen erweitern. Die Bauarbeiten dazu sind schon angelaufen.

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Über die Hälfte der Betriebserweiterung soll als temperierte Bereitstellungszone für Kundenaufträge entstehen, bevor diese auf die Lastwagen verladen werden. „Zehn Dockingstationen für Lastwagen werden hierbei für einen effizienten Ablauf sorgen“, sagt Geschäftsführer Pius Netzhammer. Daneben soll das bestehende Tiefkühlhaus flächenmäßig mehr als verdoppelt werden. Laut Pius Netzhammer habe die Nachfrage nach tiefgekühlten Lebensmitteln stark zugenommen. „Es werden so viele Produkte im Tiefkühlbereich angeboten, das braucht seinen Platz“, sagt er.

Wenn Platz zum Lagern fehlt

Der Betreib in Singen würde deshalb schon länger aus allen Nähten platzen. Mit der Fertigstellung des neuen Lagers sei man leistungsfähiger. „Wir können beim Anbau nur in Etappen vorgehen, denn für den Lieferbereich brauchen wir die Anlieferzone“, so Pius Netzhammer weiter. Der Anbau erfolge dabei im laufenden Betrieb, was die Unterteilung in drei Bauabschnitte erforderlich mache. Der erste Abschnitt sei mit dem Abriss eines Teils des alten Verwaltungstrakts bereits erfolgt.

Bau in drei Abschnitten

Im zweiten Schritt solle dann der Anbau vor die bestehende Leerguthalle, in welche dann temporär die Warenannahme sowie die die Zustellung umziehen werde, erfolgen. Im dritten Abschnitt stehe die Überbauung des aktuellen Innenhofs inklusive Keller an. Und gerade dieser Abschnitt sei laut Pius Netzhammer besonders wichtig, denn durch den Bau eines Kellers werden Flächen geschont. Aber er birgt auch Tücken: „In einem bestehenden Gebäude einen Keller einzubauen, ist sehr arbeitsintensiv.“ Zusätzlich entstehen im Obergeschoss moderne Büros für den Telefonverkauf sowie Umkleiden für die Mitarbeiter.

Mehrere Millionen Euro werden investiert

Wie hoch die Investition sein werde, dazu möchte der Geschäftsführer keine genauen angaben machen. Aber so viel verrät er dann doch: Die Baukosten würden im mittleren, einstelligen Millionenbereich liegen. Bei der Bauzeit rechne er mit etwa zwölf Monaten, sodass eine Fertigstellung im Sommer 2022 angestrebt werde.

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Auch das Thema Nachhaltigkeit spiele bei beim Anbau eine entscheidende Rolle: So sei eine Photovoltaikanlage auf dem Dach sowie eine moderne Kälteanlage für die Kühlräume geplant, deren Abwärme in der kalten Jahreszeit für die Heizung genutzt werden könne. „Durch die Abstimmung der Photovoltaikanlage auf dem Dach mit der Kühlanlage können wir aktuell schon über 70 Prozent des selbst produzierten Stroms direkt selbst verwenden“, ergänzt Johannes Netzhammer. Zudem werde durch die Erweiterung im Untergeschoss die bestehende Fläche im Keller verdoppelt, was in Zukunft einen effizienteren Kommissionierablauf – also die Bereitstellung und der Versand von Waren – verspricht.

Corona stellt Azubis vor Herausforderungen

Bei aller Euphorie angesichts des Bauvorhaben, Corona hat auch den Großhandel hart getroffen. So macht Pius Netzhammer auch deutlich, dass sich der Gastronomiebereich nach Corona verändern werde. Als Beispiel nannte er die Sparte Tagungen. Durch Online-Konferenzen in der Pandemie sehe er eine normale Rückkehr dazu skeptisch. „Das wird so vielleicht nicht mehr stattfinden“, sagt er. Die Bodensee-Region und damit auch Singen und der Hegau werden aber bei Touristen weiterhin hoch im Kurs stehen: „Wir sind davon überzeugt, dass der Tourismus und die Gastronomie durch die Krise kommen wird.“

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Pius Netzhammer kritisiert dabei vor allem die fehlende Perspektive für Restaurants und Hotels. Er hoffe auch ein baldiges Zeichen der Politik auch mit Blick auf eine mögliche Öffnung der Außengastronomie in Baden-Württemberg. Und auch ein anderes Thema spricht Pius Netzhammer an: die Ausbildung. Azubis hätten seiner Einschätzung nach durch die Pandemie ein ganzes Jahr verloren. Gerade im praktischen Bereich: „Ich kann dort zwar das Eindecken immer wieder üben und üben, aber nicht am Gast.“

Alte Weinkisten für ehrwürdiges Gebäude

Wie wichtig der Familie Netzhammer auch das gesellschaftliche Leben in Singen ist, wurde jüngst deutlich: Die Weinhandlung Baumann hat seit Januar alte Weinkisten gegen Spenden an Kunden weitergegeben. Den Erlös hat Ricarda Netzhammer nun an den Vorsitzenden des Fördervereins Freunde der Scheffelhalle, Peter Adrian Gäng, in Form von Weinkisten überreicht.