Manche Dinge passen so gut zueinander wie sprichwörtlich die Faust aufs Auge. Beim Thema Nachhaltigkeit und einem Pflegeheim ist das auf den ersten Blick nicht so. Schließlich braucht es da viele Einweg-Artikel, um ältere Menschen im Alltag zu begleiten. Inkontinenz-Produkte nennt Matthias Frank als Beispiel. Er leitet das Michael-Herler-Heim in der Masurenstraße in Singen. Solche Produkte sind laut seiner Aussage schwer zu vermeiden, aber auch nicht der entscheidende Punkt, um den ökologischen Fußabdruck zu verbessern. Genau das hat er sich für die Einrichtung mit 85 Plätzen vorgenommen – als einzige Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Landkreis und womöglich als Vorbild für andere Unternehmen. Denn jeder könne etwas für mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz tun, wie Klimaschutzmanagerin Johanna Volz von der Stadt Singen bestärkt.

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Es sind die kleinen Dinge, die Stück für Stück zu mehr Klimaschutz beitragen sollen. Die Umstellung auf LED-Lampen zum Beispiel, dass Mitarbeiter mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen oder dass Lebensmittel regional gekauft werden. Diese Schritte hat Matthias Frank mit seinem Team schon in die Wege geleitet, auch der Stromanbieter liefert bereits Öko-Strom. Der nächste große Schritt nach einer Mitarbeiter-Befragung ist die Ermittlung des ökologischen Fußabdrucks. Dabei wird gerechnet, welche Ressourcen ein einzelner Mensch verbraucht – ob CO2, Wasser, Abfälle oder Energie. „Das ist schon aufwändig. Da schaut man dann: Wie sieht es mit nachhaltigen Reinigungsmitteln aus, wie viel Fleisch wird gegessen, wie kommen Mitarbeiter hierher“, nennt Frank nur einige Beispiele. Externe Berater sollen dabei helfen und nehmen dafür die Zahlen von 2019, um das Ergebnis nicht mit Auswirkungen der Corona-Pandemie zu verfälschen. In drei Jahren soll dann geschaut werden, wie sich der Fußabdruck verbessert hat.

Wer lange lebt, will Nachhaltigkeit

„Das große Potenzial liegt bei Ernährung und Energie“, wie Matthias Frank festgestellt hat. Dabei sind es nicht die Reste, die nach einem Essen übrig bleiben. Denn weil die Hausgemeinschaften selbst kochen, bleibe fast nichts übrig. Überdacht werden soll, was auf den Teller kommt. Rindfleisch bedeute beispielsweise einen hohen Wasserverbrauch. Bedeutet das, dass Bewohner künftig kein Fleisch mehr essen dürfen? Nein, beschwichtigt Matthias Frank. Er wolle auch nicht einfach etwas bestimmen, sondern einen Prozess gestalten. „Die älteren Leute müssen auch mitgehen können“, sagt er. Da stoße er bei seinen Bewohnern aber auf Interesse: „Wer 90 oder 100 Jahre gelebt hat, weiß, wie sich langfristig Dinge zum Guten und Schlechten verändern. Viele Bewohnerinnen und Bewohner sind Groß- oder Urgroßeltern. Sie wollen, dass auch deren Kinder in einer lebenswerten Umwelt groß werden“, sagt der Heimleiter.

Matthias Frank leitet das Awo-Seniorenzentrum Michael-Herler-Heim in der Singener Masurenstraße. Er sagt: „Wer 90 oder 100 Jahre gelebt hat, weiß, wie sich langfristig Dinge zum Guten und Schlechten verändern. Viele Bewohnerinnen und Bewohner sind Groß- oder Urgroßeltern. Sie wollen, dass auch deren Kinder in einer lebenswerten Umwelt groß werden.“
Matthias Frank leitet das Awo-Seniorenzentrum Michael-Herler-Heim in der Singener Masurenstraße. Er sagt: „Wer 90 oder 100 Jahre gelebt hat, weiß, wie sich langfristig Dinge zum Guten und Schlechten verändern. Viele Bewohnerinnen und Bewohner sind Groß- oder Urgroßeltern. Sie wollen, dass auch deren Kinder in einer lebenswerten Umwelt groß werden.“ | Bild: Arndt, Isabelle

Johanna Volz wünscht sich mehr solches Engagement. Die Stadt sei bereits im Austausch mit den großen hiesigen Unternehmen, um diese auf dem Weg zu begleiten, wie die Klimaschutzmanagerin erklärt. Für die Zukunft sei auch ein runder Tisch für kleine und mittelgroße Unternehmen geplant, wo Verantwortliche sich austauschen können. Aber: „Es gilt vor allem, die Mitarbeitenden mitzunehmen und sie für das Thema zu sensibilisieren und zu begeistern“, so Volz. Klimaschutz habe Vorteile für Unternehmen: „Im Regelfall spart das Unternehmen schon mittelfristig Kosten, sei es aufgrund niedrigerer Verbräuche, eines geringeren Müllaufkommens oder gesunder, ausgeglichener Mitarbeitender. Zudem macht es sich fit für die Zukunft.“ Sie stellt fest, dass jedes Unternehmen eine Menge für Klimaschutz und Nachhaltigkeit tun könne: Der einfachste Schritt sei die Umstellung des Stromvertrages auf Ökostrom. Für alles Weitere lohnt es sich, strukturierter vorzugehen und ähnlich wie das Michael-Herler-Heim gezielt Verbräuche zu analysieren sowie Mitarbeiter zu befragen.

Ein Vorbild für andere Unternehmen

Die Klimaschutzmanagerin ist dabei pragmatisch: Jedes Unternehmen begehe irgendwo Klimasünden, die durch seinen Wirtschaftsschwerpunkt entstehen. „Der Fokus sollte darauf liegen, im Rahmen der Möglichkeiten nachhaltig zu agieren“, sagt Volz. Sie nennt als Beispiel ein insektenfreundliches Gelände, eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach oder eine Küche für Mitarbeiter, damit diese Takeaway-Verpackungen einsparen können. Der Aufwand komme ganz auf die Ambitionen an: „Für die einen ist es vielleicht schon ein großer Schritt, auf Recyclingpapier umzustellen, beidseitig zu drucken und den Papierhandtuchverbrauch in den Toiletten einzudämmen. Andere schaffen überdachte Fahrradstellplätze für die Belegschaft, bezuschussen ÖPNV-Ticket, Jobbike oder das Fitnessstudio und bieten in der Betriebskantine mehr regionales und saisonales Essen an“, sagt Volz. Das Michael-Herler-Heim der AWO habe eine sehr umfassende Herangehensweise gewählt, die sie gerne begleite. Erkenntnisse aus diesem Prozess könnten auch als Vorbild für andere Seniorenzentren dienen.

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Die nächsten Maßnahmen im Michael-Herler-Heim stehen schon fest: Im Herbst wird eine Photovoltaikanlage einen Teil des nötigen Stroms auf dem eigenen Dach produzieren. Viele weitere Einzelmaßnahmen in Haus und Garten sowie im Pflegeprozess sollen letztlich zu einer erheblichen Verkleinerung des ökologischen Fußabdrucks beitragen. Gefördert wird das lokale Handeln vom AWO-Bundesverband in Verbindung mit der Nationalen Klimaschutz-Initiative, die das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit eingerichtet hat.