Frau Moresco, Sie sind...

Nee, nee, nee. Stopp mal. Wir duzen uns. Schließlich duze ich mein Publikum auch.

Also gut, gerne. Patrizia, Du bist auf der Bühne ein unglaubliches Energiebündel. Wobei kannst Du Dich entspannen?

Privat chille ich auch gerne mal. „Chill mal dein Leben“, muss ich mir immer von meinem Patenkind anhören (lacht). Ich bin in der Tat ein Energiebündel, habe unendlich viele Idee und mache auch wirklich eine ganze Menge. Aber es ist nicht so, dass ich denke „Bäm“, jetzt muss was passieren und privat wie eine Bekloppte durch meine Wohnung renne. Ich gönne mir auch Auszeiten, in der Natur, oder in meiner Wohnung. Ich sitze liebend gerne auf meiner Couch, mach es mir kuschelig, höre Musik, lese oder suchte Serien. Außerdem koche ich gerne und genieße es, gemeinsam mit Freunden zu essen. So ein Tournee-Leben ist anstrengend. Daher brauche ich definitiv auch Ruhephasen.

Dazu hattest Du ja während des
Lockdowns genügend Gelegenheit

Das stimmt, ich fand den Lockdown anfangs auch überhaupt nicht schlimm. Aber nach drei Tagen habe ich alles gehabt, was ich von mir ertragen konnte (lacht). Um ehrlich zu sein, für mich persönlich war der erste Lockdown eine wichtige und gute Zeit, da ich schon Ende 2019 kurz vor einem Burnout stand. Ich bin nur immer noch wütend, dass diese ganze Pandemie auf dem Rücken der Kinder und Jugendlichen ausgetragen wurde. Ganz zu schweigen von den Müttern, vor allem den alleinerziehenden. Grauenvoll!

Steckte in dem Lockdown nicht auch die Gefahr, zu sehr Gefallen an dem ruhigen Leben zu finden?

Als im März der erste Lockdown kam, war ich todkrank. Entweder Covid, oder die Influenza meines Lebens. Ich lag sechs Wochen im Bett und hatte endlich mal Zeit mein Leben zu überdenken. Und ich kam zu dem Entschluss, dass ich die Bühne liebe und beruflich genauso weitermachen will! Ich liebe es, Menschen zum Lachen zu bringen. Und das Beste ist, ich werde auch noch dafür bezahlt. Also, was will ich mehr? Gut, manchmal muss man auch Saures schlucken, wie jetzt während der Pandemie, da war es echt schmerzhaft erfahren zu müssen, dass wir Kulturschaffenden für unsere Regierung systemunrelevant sind. Verwunderlich, wenn man bedenkt, dass wir mit Kultur, nach der Autoindustrie, die größten Umsätze machen. Aber gut, sie werden uns nicht klein kriegen und wir freuen uns auch alle wie bekloppt, endlich wieder spielen zu können.

Momentan berichten viele Veranstalter, dass die Leute Kultur wollen, aber der Ticketverkauf noch schleppend läuft.

Ja, es ist leider so, dass es mit den Zuschauerzahlen noch sehr im Argen liegt. Aber wen wundert‘s mit diesem Regularienwirrsinn. Manchmal heißt es 2G, dann 3G, da kann man schon mal durcheinanderkommen. Die meisten haben ja schon mit einem G-Punkt ein Problem. Aber wie gesagt, ich freu mich irrsinnig, wieder spielen zu können und ich trete auch auf, egal wie viele kommen. Wir müssen jetzt einfach zeigen: Wir sind wieder da! Nach 41 Jahre Tournee-Leben kriege ich das auch noch gewuppt.

Ab 1979 warst Du mit der Comedy-Gruppe Scherbentheater in Europa unterwegs, von 1987 bis 1996 dann weltweit als Frontfrau der Gruppe Shy Guys. Seit 2007 machst du Stand Up und trittst nur noch Solo auf. Warum?

Das war damals mit den Shy Guys eine großartige und unvergessliche Zeit, wohl mit die beste und aufregendste meines Lebens. Damals konnte man noch auf der Bühne machen, was man wollte. Da gabs diese Diskussionen noch nicht, was darf Satire was darf sie nicht. Fehler wurden toleriert und vor allem war das Publikum noch nicht so übersättigt, anfangs gab es im TV nur drei Sender. Wir waren anarchisch, laut und einzigartig und haben das Ding weltweit gerockt. 1996 war unsere letzte Tour. Danach sind wir verschiedene Wege gegangen, aber wir sind heute noch alle eng verbunden und befreundet und arbeiten auch noch zum Teil zusammen. Unser damaligen Keyboarder C. Winterhalter, zum Beispiel, produziert und arrangiert alle Songs für meine Soloprogramme und ich schreibe die Texte. Die Entscheidung, alleine auf die Bühne zu gehen, war nicht aus Frust, ich habe das gewollt. Ich bin jetzt autark, das gibt mir Freiheit, die mir plötzlich wichtig wurde.

In den zehn Jahre dazwischen hast Du fast ausschließlich als Schauspielerin und Regisseurin gearbeitet. Nun sieht man Dich nicht mehr im TV. Warum?

Ganz einfach, ich bin zum einen zu viel auf Tour und zum anderen ist es in meinem Alter schwierig, gute Rollen zu kriegen. Das ist ein Thema, worum es auch in meinem neuen Programm geht, Altersdiskriminierung. Ab 40 wird Frau kaum noch gesehen, aber es gibt uns und wir sind in meinem Alter, also mit 64, nicht mehr die Frauen im beigen Popelinemäntelchen mit Dutt und Dackel an der Seite. Ok, ich bin nicht die typische 64-Jährige, aber in Realita sind da draußen viele großartige Frauen unterwegs und nicht nur die Krankenschwester, Tatort-Kommissarin oder die frustrierte, verlassene Ehefrau. Das Problem ist, es werden leider immer noch viel zu wenig Frauenrollen geschrieben und schon gar nicht für die ältere Generation. Und wenn es eine tolle Rolle für eine 50- bis Mitte-60-Jährige gibt, wird die meist mit einer der üblichen Verdächtigen besetzt. Aber ich würde liebend gerne wieder drehen. Vielleicht geschieht ein Wunder, Miss Marple wurde auch erst mit 70 entdeckt.

Das könnte Sie auch interessieren

Deine feine Beobachtungsgabe liefert Dir wahrscheinlich die Themen für Dein Programm. Oft verwandelst Du dabei Tragik in Komik – und es wird sogar saukomisch. Verarbeitest Du damit Dinge, die Dich nerven?

Klar, ich spar mir auf diese Weise den Therapeuten. Ich werde meinen Frust auf der Bühne los und mein Publikum geht mit meinen Sorgen nach Hause (lacht). Ich bin immer auf Aufnahme, ob auf der Straße, im Taxi, in der U-Bahn oder im Supermarkt. Ich sauge alles auf und verarbeite es, und was ich erzählenswert finde und Themen die mir wichtig sind, stecke ich dann in meine Programme. Das Tolle ist, man kann mit Comedy auch Trauriges wie Rassismus, Rechtsruck, oder die Trolle, die in den Sozialen Medien alles mit ihren dummen Hasskommentaren zumüllen, auf lustigste Weise entlarven und damit auch ein wenig für Aufklärung sorgen, oder zumindest Denkanstöße geben. Aber in erster Linie liebe ich es, grenzenlos komisch zu sein und Menschen zum Lachen zu bringen. Was mich von den meisten Stand-Up-Comediennes unterscheidet, ist mein südländisches Temperament, da ich sehr körperlich agiere, einzelne Figuren schauspielerisch darstelle und meine Mimik Bände spricht.

Bei Deinem letzten Auftritt in Singen gab es im Publikum einen Frauenüberschuss. Ich hatte aber den Eindruck, dass sich die Männer nicht weniger amüsierten. Kommen eher Frauen zu Deinen Auftritten?

Nein! Normalerweise gar nicht, im Gegenteil, es kommen oft auch viele Männer alleine zur Aufführung. Bei mir ist das Publikum komplett gemischt, auch vom Alter her, von 30 bis Silberlocke.

Du hast es schon gesagt und ich empfand es bei Deinem Auftritt auch so: Du wirkst alterslos, bis thematisch nah an den jungen Leuten.

Ja, vor allem kann ich das Gejammer über die jungen Leute nicht verstehen. Ich finde es mehr als bewundernswert, was die heutzutage auf die Beine stellen, mit welchen Inhalten und welcher Eloquenz sie auftreten, siehe Fridays for Future, das ist unglaublich. Wir haben früher auch wie bekloppt demonstriert, irgendwann wusste ich schon gar nicht mehr gegen was, aber dann sind wir wieder an den Baggersee gefahren, haben ein Tütchen gedreht und gut war‘s. Ich bewundere die jüngeren Generationen, im Stand Up sind meine Favorites alle jünger als ich. Und ich möchte wissen, was sie denken, was sie bewegt. Ich schätze mich glücklich, viele junge Freundinnen zu haben, meine Techniker sind alle zwischen 20 und 30 Jahre alt. Für mich ist der Generationenaustausch mehr als wichtig. Ich kann von Jüngeren eine Menge lernen und umgekehrt. Letztens hatte eine junge Veranstalterin, 29, mir zurückgemeldet, dass sie sich bei meinem Bühnenprogramm angesprochen und verstanden fühlt, dass mein Humor auch den der jungen Generation trifft. Das empfand ich als ein unglaublich großes Kompliment.

Fragen: Nicola M. Westphal