Rasmus Peters

Wie ein Tier wandert Woyzeck auf allen Vieren. Sogar Schuhe trägt er über seine Hände gestülpt. Um ihn herum ist alles grau. „Es ist alles so still, als wäre die Welt tot“, flüstert Woyzeck einmal. Woyzeck ist Soldat. Nicht aus Überzeugung, aber er bekommt ein Gehalt. Er steigt aus Kleiderbergen. Blutverschmierte Stoffe liegen vor ihm ausgebreitet. Eine Umzäunung umringt ihn und die Kleiderleichen.

Der Zaun verstärkt den Eindruck eines Schlachtfeldes und eines Geheges. Gleichzeitig grenzt er Woyzeck vom Publikum ab, das dadurch in die Position von Begaffern des tragischen Schauspiels gedrängt wird. Plötzlich schrillt der Alarm. Aufgeschreckt wirft sich Woyzeck über den Kleiderhaufen zu Konservendosen und schaufelt hektisch Suppe in seinen Körper. Verschreckt zuckt eine der Schülerinnen in der ersten Reihe zusammen. Aufführungsort des Schauspiels ist die Hohentwiel-Gewerbeschule.

Woyzeck und die Vogelscheuchen-Puppe des Tambourmajors. Hier schwebt er über aller Köpfe wie ein Geist aus der Vergangenheit.
Woyzeck und die Vogelscheuchen-Puppe des Tambourmajors. Hier schwebt er über aller Köpfe wie ein Geist aus der Vergangenheit. | Bild: Rasmus Peters

Die Bühne kommt in die Klasse

Das Kollektiv Theater mobile Spiele verschreibt sich dem Spielen im Klassenzimmer. Mit einem Clou: Die Klasse kommt nicht zur Bühne, sondern die Bühne zur Klasse. Das professionelle Theaterkollektiv aus Karlsruhe orientiert sich bei den Stücken an Pflichtlektüren für das Zentralabitur in Baden-Württemberg, sagt Thorsten Kreilos, Regisseur der Inszenierung. Aktuell im Programm sind „Der Steppenwolf“, „Faust“, eine Collage von Monologen von Frauenfiguren und eben Georg Büchners „Woyzeck“.

Dennoch versteht Kreilos das mobile Theater keinesfalls als „didaktisches Tool“. Doch die Kooperation mit der Berufsschule besteht schon seit Jahren, erzählt Kreilos. Büchner und gerade Woyzeck sei für ihn ein „Herzensanliegen“. Das Werk zeige „Soldaten, die als Kanonenfutter irgendwohin geschickt werden, wo sie nicht wieder rauskommen“, formuliert es Kreilos. „Woyzeck“ entstand vor fast zwei Jahrhunderten. Und die Inszenierung verdeutlicht, dass mit dem Krieg in der Ukraine das Schicksal des Soldaten wieder näher in unsere Gegenwart gerückt ist. So wurde der Stoff aktueller, je älter er wird.

Wie ein Fiebertraum

Das Fragment gebliebene Drama erzählt vom jungen Soldaten Woyzeck, der seinen Sold gänzlich seiner Liebsten und ihrem Kind vermacht. Von einem Tambourmajor wird sie in eine Affäre gezwungen. Diese Untreue führt den traumatisierten Woyzeck zum Mord an Marie. Sämtliche Figuren von Woyzeck über den Hauptmann bis zum Doktor werden dabei von einem einzelnen Schauspieler dargestellt: Rouven Honeff.

Der junge Schauspieler hat die Schauspielschule Mannheim gerade erst absolviert, erzählt er. Jetzt hatte er sechs Tage zum Einstudieren der Rollen. Er musste einspringen, weil ein Kollege krank wurde. Er spricht mit den Figuren als Puppen, vielmehr Vogelscheuchen, die die charakteristische Kleidung des Tambourmajors oder des Doktors tragen.

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So wirkt es, als wären sie alle als Geister der Vergangenheit in Woyzecks Kopf. Auf diese Weise entsteht eine Mélange aus Puppentheater und Schauspiel. Das Stück formuliert das als „doppelte Natur“ aus. Mal ist der Mensch in seinem Umfeld Handelnder, mal nur passiver Empfänger der Umstände.

Woyzeck windet sich um sein Leben, das zu führen ihm Stück für Stück entgleitet. Er wird zunehmend Zuschauer seines eigenen Daseins. Die Puppen, das viele Grau, die vielen Stimmen aus einem Mund – alles wirkt wie ein Fiebertraum. Atemlos wechselt Honeff in den Dialogen zwischen den Figuren. Wobei die abrupten Wechsel das Fragmentarische der Vorlage unterstreichen.

Büchners „Woyzeck“ an der Hohentwiel-Gewerbeschule vor den Schülern der benachbarten Robert-Gerwig-Schule. Vor der ...
Büchners „Woyzeck“ an der Hohentwiel-Gewerbeschule vor den Schülern der benachbarten Robert-Gerwig-Schule. Vor der Unmittelbarkeit der Inszenierung schreckten manche zusammen. | Bild: Rasmus Peters

Woyzeck ist Pflichtlektüre

„Woyzeck“ nehmen sie für die Abitursprüfungen nächstes Jahr durch, erzählt Schüler Aziz Varlikli. Die Verfilmung von Werner Herzog mit Klaus Kinski haben sie auch schon gesehen. Varlikli besucht die zwölfte Klasse der benachbarten Robert-Gerwig-Schule. Dass nur ein Darsteller auf der Bühne steht, scheint die Schüler zu irritieren: „Spielen Sie allein?“ fragt eine Schülerin, bevor es losgeht. „Wie will er das machen?“, tuschelt eine Gruppe Schüler. In einem Nachgespräch hatten die Schüler die Möglichkeit, während der Aufführung entstandene Fragen zu stellen, die ein außer Atem gespielter Rouven Honeff beantwortete. Fragen zum Krieg stellte niemand.

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