Kurz vor Weihnachten 300 Euro, quasi bar auf die Hand, ohne Abzüge für jeden Vollzeitmitarbeiter: Das ist ein Zeichen, mit dem sich der Nestlé-Konzern bei den Beschäftigten der Maggi bedankt. Weil die Lebensmittelindustrie seit dem Beginn der Corona-Pandemie deutlich höhere Anforderungen erfüllen muss, hat sich das Management zu dieser Geste entschlossen. Das kommt im Maggi-Stammwerk in Singen sehr gut an.

Die Teilzeitkraft bekommen einen anteilsmäßigen Bonus

Claudia Sonntag, die in der Technikabteilung als Werkselektrikerin arbeitet, repariert gerade das elektronische Drehkreuz gleich neben der Werkspforte. Wegen der Maske kann man die Freude über die Sonderzahlung nur an den strahlenden Augen ablesen. Aber sie sagt auch ganz offen, was sie von dieser Geste hält: „Ich freue mich sehr darüber.“ Als Teilzeitkraft bekommt sie entsprechend ihrer Wochenarbeitszeit etwas weniger ausbezahlt. Trotzdem sagt sie: „Ich finde das ganz toll.“

Elektrikerin Claudia Sonntag ist hinter der Maske kaum zu erkennen. Sie findet die Sonderzahlung „ganz toll“.
Elektrikerin Claudia Sonntag ist hinter der Maske kaum zu erkennen. Sie findet die Sonderzahlung „ganz toll“. | Bild: Gudrun Trautmamnn

Die Hygiene-Auflagen bedeuten auch mehr Arbeit für den Werksschutz

Sybille Adomeit ist beim Maggi-Werksschutz tätig. Sie findet den Bonus klasse. „Es ist eine Anerkennung für unsere Mehrarbeit“, sagt sie. Am Eingang zum Werksgelände wird bei allen Besuchern die Temperatur gemessen. Es müssen Fragebögen ausgefüllt werden. Das bedeutet für die Beschäftigten seit Beginn der Corona-Pandemie Mehrarbeit.

Der Infektionsschutz bereitet auch Sybille Adomeit vom Werksschutz Zusatzarbeit.
Der Infektionsschutz bereitet auch Sybille Adomeit vom Werksschutz Zusatzarbeit. | Bild: Trautmann, Gudrun

Die Überraschung mit der Sonderzahlung ist gelungen

Michael Fürst schlendert zusammen mit dem Betriebsratsvorsitzenden Alfred Gruber in gelber Sicherheitskleidung und mit Maske über das Firmengelände. Er arbeitet in der Schlosserei. Gefragt, ob er wusste, dass es in diesem Jahr eine Extrazahlung geben werde, schildert er seine Überraschung: „Wir haben alle nichts davon geahnt. Dann kam die Nachricht als E-Mail. Ich dachte: Holla, die Waldfee, 300 Euro netto extra, das ist mal eine Anerkennung für die Arbeit unter erschwerten Bedingungen.“ Und Fürst schwärmt noch weiter: Kostenloses Vesper, Mittag- und Abendessen gibt es je nach Schicht. Und kostenlose Getränke. Da kommen pro Mitarbeiter schnell zehn Euro am Tag dazu. Die Kantine werde rege genutzt.

Der Betriebsratsvorsitzende Alfred Gruber (links) und der Schlosser Michael Fürst laufen in Schutzkleidung über das Werksgelände der Singener Maggi.
Der Betriebsratsvorsitzende Alfred Gruber (links) und der Schlosser Michael Fürst laufen in Schutzkleidung über das Werksgelände der Singener Maggi. | Bild: Trautmann, Gudrun

Firmengründer Julius Maggi verfolgte soziale Ideale

Kann es sein, dass die Maggi zu den Idealen ihres Gründers vor gut 120 Jahren zurückgefunden hat? Julius Maggi hatte für seine Arbeiterinnen und Arbeiter zahlreiche soziale Verbesserungen eingeführt: unter anderem einen werkseigenen Kindergarten und ein betriebseigenes Ferienheim, Regelungen bei Lohnausfall, Arbeiterwohnungen, eine Betriebskrankenkasse und später bezahlten Urlaub. Maggi war als einer der größten Arbeitgeber weit über Singen hinaus bekannt für seine sozialen Bedingungen.

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Interne Konkurrenz verschärfte den Kostendruck im Singener Werk

Unter dem Dach der Nestlé wuchs nicht nur der Konzern, sondern auch die Konkurrenz der einzelnen Betriebszweige untereinander. Das führte zuletzt auch in Singen zu einem enormen Kostendruck. Seit Mitte 2018 geht es am Standort um Einsparungen. Kosten sollen durch Personalabbau gesenkt werden. „Seither haben wir 120 Mitarbeiter weniger im Werk“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Alfred Gruber. Sozialverträglich und durch natürliche Fluktuation seien die Stellen abgebaut worden. Die Belegschaft besteht noch aus 670 Mitarbeiter, von denen sich aber 40 in Altersteilzeit befinden und nicht mehr aktiv im Werk mitarbeiten. So erklärt sich, dass nur 630 Beschäftigte den Sonderbonus erhalten.

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Weil Restaurants geschlossen bleiben, müssen die Menschen zu Hause kochen

Seit Beginn der Pandemie sei die Nachfrage nach Maggi-Produkten um zehn Prozent angestiegen, berichtet Alfred Gruber. „Die Kulinarik boomt, weil die Leute zu Hause mehr kochen“, sagt er. Restaurants sind geschlossen. Für die verkleinerte Maggi-Mannschaft bedeutet das teilweise zusätzliche Schichten an Sonntagen oder veränderte Schichten, weil Gruppen getrennt werden mussten. Im März gab es sogar Hamsterkäufe bei den Ravioli. „Soßen, die früher rückläufig waren, laufen jetzt wieder sehr gut“, weiß Gruber. „Ebenso Suppen und Fixprodukte sowie die Würze.“ Mit weniger Leuten werde erheblich mehr geleistet. „Wir sind extrem produktiv“, sagt der Betriebsratsvorsitzende. Das werde auch in der Unternehmensleitung so gesehen.

Als Vorsitzender des Maggi-Betriebsrats und der NGG Südbaden kennt Alfred Gruber die Herausforderungen für die Beschäftigten in der Pandemie.
Als Vorsitzender des Maggi-Betriebsrats und der NGG Südbaden kennt Alfred Gruber die Herausforderungen für die Beschäftigten in der Pandemie. | Bild: Trautmann, Gudrun

Die Lebensmittelindustrie ist systemrelevant

Als Lebensmittelversorger gehört die Maggi zu den systemrelevanten Unternehmen. Die Beschäftigten können nicht einfach ins Homeoffice gehen, sondern müssen mit Maske zum Teil schwere, körperliche Arbeit leisten. Überall erschweren die verschärften Hygienebestimmungen die Arbeit. Dass das jetzt mit einem Sonderbonus honoriert wird, löst bei den Beschäftigten echte Freude aus. Für den Schlosser Michael Fürst ist aber noch wichtiger, „dass man voll weiterarbeiten kann, während andere in Kurzarbeit sind“. Denn nicht allen Unternehmen im Lebensmittelbereich geht es so gut wie der Maggi. Das hat Alfred Gruber als Vorsitzender der Gewerkschaft NGG, Landesbezirk Südwest, erfahren. Vor allem die Brauereien und Getränkeherstellern klagen über Umsatzeinbrüche, weil die Gastronomie geschlossen bleibt.

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