Gegner von Corona-Maßnahmen waren am Montagabend auch im Hegau zu einem sogenannten Spaziergang unterwegs. Veranstaltungen fanden statt in Singen und in Engen, Listen mit Treffpunkten und Uhrzeiten kursierten seit einigen Tagen in sozialen Netzwerken, vor allem im Messenger-Dienst Telegram. Laut offiziellen Schätzungen der Polizei waren 120 bis 140 Personen in Singen und in der Spitze 70 Personen in Engen dabei. Beide Veranstaltungen seien friedlich verlaufen, sagt Polizeisprecher Dieter Popp.

Ohne Aggressionen lief es allerdings zumindest in Engen nicht ab. Zielscheibe war die Fotografin des SÜDKURIER. Mehrere Frauen bedrängten die Mitarbeiterin, es wurden Drohungen ausgesprochen. Auch der durch Pegida bekannt gewordene und auch von den Nationalsozialisten gebrauchte Begriff „Lügenpresse“ fiel bei der Auseinandersetzung. Polizeisprecher Popp bestätigt, dass die Stimmung in Engen auch nach Wahrnehmung der Beamten angespannter gewesen sei als in Singen.

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Die Menschen, die sich vor dem Rathaus in Engen getroffen haben, kennen sich vielfach, teilweise tragen sie Masken. Abstände werden nicht immer eingehalten. Auf dem Weg durch die Altstadt begleitet ein Polizeiwagen den Zug. Eine Frauenstimme beginnt nach der Melodie des Liedes „Der Hahn ist tot“ zu singen: „Das Maß ist voll, ich bin ein freier Mensch, kokodi kokoda.“ Viele stimmen mit ein.

Mögliche Impfpflicht treibt die Menschen auf die Straße

Es gibt bei den Veranstaltungen auch Menschen, mit denen man ins Gespräch kommen kann. Einen Namen nennt indes keiner der Gesprächspartner – zu der Minderheitenmeinung steht offenbar niemand namentlich. Eine Frau in Engen erzählt, warum sie dabei ist. Mit Querdenkern habe sie nichts gemein, sie sei gegen die Impfpflicht, erzählt sie. Nicht einmal als Kind sei sie geimpft worden, und auch später nicht. Und jetzt solle sie sich mit 69 Jahren das erste Mal impfen lassen? Das wolle sie nicht hinnehmen. Sie betont, dass sie nicht gegen die 2G-Regeln sei. Und fügt hinzu: „Wenn man sich nicht impfen lassen will, muss man sich eben auch entsprechend verhalten.“

Auch in der Engener Altstadt fand sich eine Menschengruppe zu einem Rundgang zusammen.
Auch in der Engener Altstadt fand sich eine Menschengruppe zu einem Rundgang zusammen. | Bild: ros

Auch in Singen sagt eine Frau, sie wolle ein Zeichen gegen eine mögliche Impfpflicht setzen. Vor allem Kinder hätten durch die Lockdowns schon sehr gelitten, sagt die Frau, die nach eigenen Angaben Kinder im Alter von elf bis 19 Jahren hat und aus dem Hegau kommt. Da gehe es nicht, ungeimpfte Kinder beispielsweise auch noch aus dem Vereinsleben auszuschließen. Stattdessen stehe sie voll dahinter, Kinder regelmäßig zu testen. Außerdem sagt sie rundheraus, dass sie kein Vertrauen in die Impfstoffe habe. Ein Mann aus Hilzingen sagt, eine Impfpflicht gehe einfach nicht. Die Impfstoffe hätten nur eine Notzulassung. Und im Zusammenhang mit Corona sei zu viel gelogen oder nicht öffentlich gemacht worden.

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Und wie soll man dann mit Corona umgehen? Die Frau sagt, man müsse lernen, mit der Krankheit zu leben, und dass es eben Leute dahinraffen werde. Der Mann sagt, man müsse die Sache laufen lassen, dann werde die Krankheit ausgestanden. Wobei man schwache Leute schützen müsse. Dass auch er selbst eines qualvollen Todes sterben könnte, davor habe er aber durchaus auch Angst, sagt er noch.

Auch der Ex-OB-Kandidat Helmut Happe ist in Singen unterwegs

Ein Mann, der in Singen dabei war, ist allerdings bekannt: Helmut Happe, der im Sommer bei der Oberbürgermeisterwahl gegen Amtsinhaber Bernd Häusler angetreten war. Er sei nur zufällig da und würde sich darüber wundern, dass so viele Menschen in der Stadt unterwegs sind, sagt er – offenbar in der Erwartung, das Gegenüber würde diese Geschichte ernst nehmen.

Die Polizei begleitete den sogenannten Montagsspaziergang in der Singener Innenstadt.
Die Polizei begleitete den sogenannten Montagsspaziergang in der Singener Innenstadt. | Bild: Freißmann, Stephan

Die Veranstaltungen sind ebenso anonym organisiert, wie es die meisten Gesprächspartner bleiben wollen. Verantwortliche hätten sich an beiden Orten nicht zu erkennen gegeben, sagt Polizeisprecher Popp. Und auch die Listen mit Treffpunkten und Uhrzeiten, die im Dienst Telegram kursieren, sind nicht mit Namen gezeichnet und stammen von keinem persönlichen Konto.

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Die Stadt Singen hat die Veranstaltung unter anderem deswegen per Allgemeinverfügung verboten (siehe Text unten). Da man sich vorher verabredet habe, handele es sich in Wirklichkeit um eine Demonstration, sagt Oberbürgermeister Bernd Häusler. Die hätte angemeldet werden müssen. Und die wäre, ähnlich wie zuvor mehrere Schilderwachen von Corona-Maßnahmen-Kritikern, auch zugelassen worden, sagt Häusler – allerdings mit Auflagen für einen reibungslosen Ablauf, etwa Abstands- und Maskenpflichten zum Schutz vor Corona-Ansteckungen, eine ausreichende Anzahl an Ordnern und einem vorher abgesprochenen Weg. Ohne die Anmeldung gebe es keinen Verantwortlichen, der dafür einsteht, so Häusler. Glücklicherweise dürfe man in Deutschland abweichende Meinungen kundtun, sagt der Rathauschef, doch zu dem Recht gehören eben auch Pflichten. Hinter der Allgemeinverfügung der Stadt stand allerdings auch die Sorge, dass es, ähnlich wie zuvor in Reutlingen, nicht bei einem friedlichen Zug bleiben könnte.