Knapp vier Jahre nach der Beauftragung liegt dem Gemeinderat Singen jetzt ein Gutachten für ein an den Erfordernissen des Klimaschutzes orientierten Mobilitätskonzeptes vor. Die ersten Reaktionen der Stadträte dazu fallen zwiespältig aus. Das Ergebnis der Analyse, wonach Singen beim Ist-Zustand sowie bei den Potenzialen im Vergleich zu anderen Städten und Gemeinden im Land und Bund gar nicht schlecht abschneidet, kam naturgemäß gut an; andererseits hätten sich manche Stadträte mehr Tempo bei der Vorlage des Gutachtens sowie visionäre Vorschläge zwecks Neuausrichtung des Mobilitätsverhaltens gewünscht.

Aus den Daten des Gutachtens geht hervor, dass die Nutzung von Autos, Motorrädern und sonstigen motorisierten Fahrzeuge des Individualverkehrs in Singen ziemlich genau dem landes- beziehungsweise bundesweiten Schnitt entspricht (57 Prozent, siehe Grafik). Das dürfte der gefühlten Einschätzung vieler Menschen widersprechen, die Singen als Beispiel einer typischen Autostadt empfinden. Noch unerwarteter aber ist der Anteil des Radverkehrs in der Stadt. Für gut jede fünfte der für das Mobilitätskonzept relevanten Bewegungen (21 Prozent) wird das Fahrrad genutzt, was deutlich über den Werten in Bund und Land mit Anteilen von 11 beziehungsweise 10 Prozent liegt.

Konstanz als Vorreiterstadt

Nach Einschätzung der Gutachter lassen sich die hohen Anteile des nicht motorisierten Verkehrs in Singen möglicherweise auf die Siedlungsstruktur mit kurzen Wegen zwischen den Wohngebieten und den Zielorten wie der Innenstadt oder etwa den Einkaufs- und Arbeitsstätten erklären. Der respektable Platz beim landes- und bundesweiten Vergleich in Bezug auf den klimafreundlichen Mobilitätsindex ändert freilich nichts am Abstand zu Vorreiterstädten wie Freiburg oder Konstanz. Aus der Grafik geht beispielsweise hervor, dass in Freiburg nur etwas mehr als ein Fünftel des relevanten Mobilitätsverhaltens auf den motorisierten Individualverkehr zurückzuführen ist. Und auch in Konstanz wird deutlich mehr zu Fuß gegangen, mit Rad oder Bus gefahren.

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Doch der Vergleich hinkt, wie Sebastian Hofherr als Referent des beauftragten Gutachter-Unternehmens „R+T Verkehrsplanung GmbH“ zu verdeutlichen versuchte. Unter Abzug des Bonus-Effekts in Uni-Städten ist man seiner Beurteilung zufolge unterm Hohentwiel in Sachen klimafreundlicher Mobilität schon ganz gut unterwegs.

Wo liegen die Potenziale?

Dennoch sieht der Gutachter Potenziale – teils im Detail, teils bei der Wegestruktur. So sei zur Förderung des Radverkehrs die Ost-West-Achse ausbaufähig, beim im Großen und Ganzen guten Gehwegenetz wird Bedarf im Bereich der Barrierefreiheit gesehen und beim ebenfalls gut aufgestellten Angebot des Stadtbusverkehrs lässt sich in Sachen Pünktlichkeit hie und da noch etwas verbessern. Chancen für die Gestaltung einer klimafreundlichen Mobilität werden ferner beim Car-Sharing gesehen. Nach Angaben des Darmstädter Unternehmens gibt es Belege, dass die gemeinschaftliche Nutzung von Autos auch außerhalb von Großstädten funktionieren kann.

Dessen ungeachtet hinterließen die in der Summe positive Bilanz des Ist-Zustandes sowie die Vorschläge für einen Wandel in Richtung zu einer klimaschonenden Mobilitätsstruktur im Gemeinderat einigen Zweifel. Für Eberhard Röhm von den Grünen vollzieht sich der Klimawandel schneller als gedacht, weshalb er sich eine flottere Vorlage des Konzepts gewünscht hätte. Gleichzeitig fragt er sich, um die Vorschläge für die Ziele ausreichen.

„Als jemand, der selbst viel mit dem Fahrrad viel in der Stadt unterwegs ist, finde ich das alles nicht so toll.“Hans-Peter Storz, SPD
„Als jemand, der selbst viel mit dem Fahrrad viel in der Stadt unterwegs ist, finde ich das alles nicht so toll.“Hans-Peter Storz, SPD | Bild: SK

Ähnlich fiel das Urteil von SPD-Stadtrat Hans-Peter Storz aus. „Als jemand, der selbst viel durch die Stadt radelt, finde ich das alles nicht so toll wie in der Darstellung“, sagte er, wobei er den Fokus auf den seiner Ansicht nach mangelnden Respekt der Autofahrer gegenüber den Radlern legte. Er brachte für die weitere Ausarbeitung des Mobilitätskonzepts und die im Herbst geplante Klausurtagung des Gemeinderats unter anderem klar gekennzeichnete Radfahrspuren in die Diskussion.

„Fußgänger, Radler, Busse, Autos – es ist immer irgendwie das Gleiche. Gibt es nicht auch etwas Visionäres?“Volkmar Schmitt-Förster, FW-Stadtrat
„Fußgänger, Radler, Busse, Autos – es ist immer irgendwie das Gleiche. Gibt es nicht auch etwas Visionäres?“Volkmar Schmitt-Förster, FW-Stadtrat | Bild: SK

Für Volkmar Schmitt-Förster von den Freien Wählern reicht das alles nicht. Er erkennt in dem Konzept nur das hinlänglich bekannte Nebeneinander von Fußgängern, Radlern, Bussen und Automobilen, das lediglich in Richtung einer Neugewichtung verschoben werden solle – stattdessen wünscht er sich Visionen zur Zukunftsmobilität. Das wiederum war für Marion Czajor von der Neuen Linie das Stichwort für das Recycling einer vor vielen Jahren diskutierten Idee: Eine Seilbahn auf den Hohentwiel könnte den Individualverkehr auf den Singener Hausberg reduzieren.

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