Was wird bleiben vom stationären Handel in den Innenstädten, wenn die Pandemie überwunden ist? Diese Frage stellen sich nicht nur die Inhaber von Geschäften; diese Frage stellen sich langsam auch die Bewohner Singens. Der zweite Lockdown zur Corona-Bekämpfung hat die Unternehmer noch härter getroffen als der erste im Frühjahr 2020. Das wichtige Weihnachtsgeschäft konnte nicht stattfinden. Wohl dem, der Rücklagen hat. Aber auch die sind langsam aufgezehrt. Zwar engagieren sich viele örtliche Händler auch im Online-Handel. Ihre eigentliche Kompetenz liegt aber im Kundenkontakt und der Beratung. Doch gerade das geht im Kampf gegen das Virus nicht.

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Ein Strohhalm namens Click and Collect

Seit 11. Januar ist es zumindest wieder möglich, Waren online oder telefonisch zu bestellen und in den Geschäften direkt abzuholen. Click and Collect heißt der Strohhalm. Die Betreiber sind froh darüber, auch wenn damit nur ein Bruchteil des üblichen Umsatzes erzielt werden kann. Aber die Händler können wenigstens verhindern, dass ihre Kunden endgültig zu den großen Online-Riesen abwandern. Ein Rundgang durch die Innenstadt zeigt, dass immer mehr Händler diese Möglichkeit nutzen. Sie zeigen Präsenz und geraten nicht Vergessenheit.

Christoph Greuter (links) ist froh, dass die Kunden ihre bestellten Bücher jetzt wieder direkt an der Ladentür abholen können. Das erspart ihm den mühsamen Versand.
Christoph Greuter (links) ist froh, dass die Kunden ihre bestellten Bücher jetzt wieder direkt an der Ladentür abholen können. Das erspart ihm den mühsamen Versand. | Bild: Trautmann, Gudrun

Greuter will mit den Kunden in Kontakt bleiben

„In Singen beteiligen sich einige Händler an ‚click and collect‘“, weiß Christoph Greuter, Chef von Buch Greuter. „Das ist für uns einfacher als der Online-Versand, den wir auch betreiben. Wenn die Kunden ihre Bücher abholen, können wir Kontakt halten und ersparen uns den Versand.“ Es sei deutlich spürbar, dass weniger Menschen in der Stadt unterwegs sind, sagt Greuter. Das schlägt sich im Umsatz nieder. Einige Kollegen hätten sich deshalb gegen einen Notbetrieb entschieden und die Mitarbeiter zu 100 Prozent in Kurzarbeit geschickt. Während Christoph Greuter das erzählt, betrachtet eine Kundin am Abholschalter ein paar bestellte Bücher und wählt dann eines aus. So erspart auch sie sich den Gang zur Post für die Rücksendung.

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Otto Schweizer weiß, was er an den Stammkunden hat

Beim Nachbarn Otto Schweizer ist gerade Karl-Heinz Nonnenmacher an die improvisierte Theken-Barriere getreten. Er holt zwei große Kartons ab. Nonnenmacher ist Stammkunde in dem Sportgeschäft. Einer von vielen, denen Otto Schweizer mehr als dankbar ist. Er wird emotional, wenn er von deren Treue erzählt. Zwar verkauft er als Mitglied der Intersportgruppe auch Ware im Internet. Seine Kernkompetenz sieht er aber in der persönlichen Beratung. „Was uns auszeichnet, können wir derzeit nicht leben“, sagt er. „Es ist nicht nachvollziehbar, dass wir trotz ausgefeilter Hygienekonzepte unseren Kunden nicht helfen dürfen.“ Als Wintersportspezialist kommt er im Vergleich zu anderen Kollegen noch verhältnismäßig glimpflich durch die Krise. „Aber es ist schon schwierig, zum Beispiel die Passform von Langlaufschuhen am Telefon zu erklären“, schildert er. Jammern will er trotzdem nicht. Er ist froh, dass er jetzt wenigstens Waren an der Ladentür übergeben kann.

Werner Jäger dekoriert seine Schaufenster im Bettenhaus Diehl ständig um. Was die Kunden dort sehen, können sie telefonisch bestellen und an der Ladentür abholen. Jäger liefert auch Ware aus seinem großen Sortiment direkt nach Hause.
Werner Jäger dekoriert seine Schaufenster im Bettenhaus Diehl ständig um. Was die Kunden dort sehen, können sie telefonisch bestellen und an der Ladentür abholen. Jäger liefert auch Ware aus seinem großen Sortiment direkt nach Hause. | Bild: Trautmann, Gudrun

Das Schaufenster als lokale Plattform bei Betten Diehl

Werner Jäger ist keiner, der sich mit Klagen aufhält. Er ist froh über seine treue Stammkundschaft. Der Online-Handel mache im Bettenhaus nur einen geringen Anteil aus, weil die Kunden die Ware fühlen und die Originalfarben sehen wollen. Deshalb ist das Ladentürgeschäft für Jäger ein Lichtblick. „Eine Matratze online zu kaufen, ist schwierig“, sagt Jäger. „Wir beraten zur Zeit sehr viel am Telefon. Die Kunden holen ihre Bestellung auf Klopfzeichen an der Tür ab oder wir bringen sie zu ihnen.“ Ware für eine halbe Million Euro lagert derzeit im Bettenhaus Diehl. 5000 Artikel hat Jäger bei der Inventur gezählt. Die großen Schaufenster in der Scheffelstraße sind seine lokale Plattform.

Im Schuhhaus können die Kunden bestellte Schuhe abholen. Inhaber Falk Wöhrle fährt aber auch auf Wunsch Schuhe zur Kundschaft.
Im Schuhhaus können die Kunden bestellte Schuhe abholen. Inhaber Falk Wöhrle fährt aber auch auf Wunsch Schuhe zur Kundschaft. | Bild: Trautmann, Gudrun

Wöhrle liefert Schuhe zur Auswahl nach Hause

Im Schuhgeschäft von Falk Wöhrle sind die Regale mit Winterschuhen auch noch recht gut gefüllt. Hochwertige Schuhe telefonisch oder online zu kaufen, bei denen es auch auf Bequemlichkeit ankommt, ist nicht leicht. „40 Prozent der online bestellten Schuhe kommen wieder zurück“, berichtet der Inhaber. Falk Wöhrle hat sich entschieden, Schuhe mit Umtauschmöglichkeit direkt zu den Kunden in Singen und Umgebung zu bringen. So kann der Kunde in Ruhe zu Hause anprobieren.

Anna Frauenfelder verkauft die Winterware von Marc O‘Polo in ihrer Filiale im Cano unter dem Motto: See and Collect, also anschauen und kaufen.
Anna Frauenfelder verkauft die Winterware von Marc O‘Polo in ihrer Filiale im Cano unter dem Motto: See and Collect, also anschauen und kaufen. | Bild: Trautmann, Gudrun

Durchs Schaufenster einkaufen bei Marc O‘Polo

Anna Frauenfelder hatte ihren Marc O‘Polo-Laden als Franchise-Nehmerin im neuen Cano gerade mal sechs Tage geöffnet, als der Lockdown kam und die Lichter ausgingen. Die gesamte Winterware hängt noch da. Seit Mittwoch ist der Laden wieder beleuchtet und Anna Frauenfelder wünscht sich, dass ihr andere folgen. Ein breiter Tisch versperrt den Eingang, aber Kunden können sich Teile aus dem Sortiment reichen lassen und diese sogar kurz anprobieren. See and Collect heißt ihr System. So hofft sie, dass sie doch noch einiges zum halben Preis verkaufen kann.

Jonas Beck ruft die Kunden von Foto Wöhrstein an, wenn die bestellte Ware im neuen Laden im Cano angekommen ist. Dort können sie die Bestellung dann in Empfang nehmen.
Jonas Beck ruft die Kunden von Foto Wöhrstein an, wenn die bestellte Ware im neuen Laden im Cano angekommen ist. Dort können sie die Bestellung dann in Empfang nehmen. | Bild: Trautmann, Gudrun

Abholservice bei Wöhrstein sehr gefragt

Bei Foto Wöhrstein im Cano-Untergeschoss ist Passbildstudio auch im Lockdown in Betrieb. Ein beratendes Verkaufsgespräch darf der Händler nicht führen. Aber der Bestell- und Abholservice wird von der Kundschaft rege in Anspruch genommen.

Städte werben für lokalen Einkauf

Auf einer Liste führt Singen aktiv unter der Rubrik „Singen total lokal“ die Läden auf, die sich am Click-and-Collect-System beteiligen. Mittlerweile sind aber etliche dazugekommen, das wird beim Gang durch die Innenstadt sichtbar. Und jeden Tag werden es. mehr. Auch Karstadt probiert das Bestell- und Abholsystem seit zwei Tagen aus. Die Stadt Engen hat bereits im Dezember eine Internetseite zusammengestellt, auf der Betriebe mit einem Abhol- oder Lieferservice vermerkt sind. Wirtschaftsförderer Peter Freisleben hat Gastronomie, Lebensmittelhandel und Dienstleister aufgeführt.

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