Annika Posella aus Singen war kurz davor, eine Präzedenzklage einzureichen. Denn dass ihre gesamte Familie in Quarantäne sollte, konnte sie nicht nachvollziehen: Ein Kind in der Kita ihres Sohnes könnte mit der britischen Mutation des Coronavirus infiziert sein, hieß es. Sonntag vor einer Woche kam die Quarantäne-Verordnung des Gesundheitsamtes, derzufolge auch die Eltern zuhause bleiben müssen. „Da war das betroffene Kind noch nicht einmal getestet“, kritisiert Posella. Sie findet die Vorgehensweise unverhältnismäßig. 16 Familien seien in der entsprechenden Kitagruppe, sie alle hätten als Kontaktperson einer Kontaktperson in Quarantäne gehen müssen.

Zwischenzeitlich gibt es zwar zwei gute Nachrichten, doch es bleibt die Frage: Wie geht das Gesundheitsamt in solchen Fällen vor? Das erklärt Pressesprecherin Marlene Pellhammer auf SÜDKURIER-Anfrage.

Bei der britischen Mutation gelten andere Regeln

Tatsächlich werden Fälle unterschiedlich gehandhabt: Wenn jemand mit dem Coronavirus infiziert ist, muss er für zehn Tage in Quarantäne. Anders ist es bei der britischen Virusmutation, die als ansteckender gilt. „Bei Fällen mit der Virus-Variante ordnet das Gesundheitsamt Konstanz aktuell 14 Tage Isolation an“, erklärt Pellhammer. Wer ein negatives Testergebnis vorlegt, kann die Isolation schon nach zehn Tagen beenden.

Aber: „Die Kontaktpersonen 1 gehen immer 14 Tage in Quarantäne, eine Verkürzung ist nicht möglich.“ So gebe es das Robert-Koch-Institut vor, weil die Inkubationszeit bis zu 14 Tage dauern könne. Stand Montag waren in Singen 291 Menschen in Quarantäne und 136 in Isolation.

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Ein erhöhtes Infektionsgeschehen in Kitas und Schulen beobachten aber weder Gesundheitsamt noch Singens Bürgermeisterin Ute Seifried. „Wir haben aber den Eindruck, dass sich mit der Mutation auch mehr Kinder und Jugendliche anstecken.“ Deshalb habe die Stadt eine Schnelltest-Strategie an Schulen entwickelt.

Betroffener Mutter fehlte die Verhältnismäßigkeit

Annika Posella fehlte eine ausreichende Begründung, daher fragte sie immer wieder bei den Behörden nach. „Ich verstehe, dass man handeln muss, aber es muss verhältnismäßig sein. Man kann nicht ganze Familien einfach einsperren.“ Mit dieser Ansicht war sie nicht allein: Zwischenzeitlich hat der Verwaltungsgerichtshof des Landes einem Eilantrag gegen die Quarantänepflicht für die Kontaktperson der Kontaktperson stattgegeben. Das heißt, dass seit vergangener Woche in ihrem Fall nur noch ihr Kind, nicht aber auch die Eltern in Quarantäne müssten.

Doch auch das war nicht mehr nötig: Das betroffene Kind sei negativ getestet worden, damit war die Quarantäne für alle Familien der Kitagruppe nach drei Tagen vorbei. „Ich war so froh“, sagt Annika Posella. Denn sie könne zwar selbstständig von zuhause aus arbeiten, bei ihrem Mann sei das aber nicht so einfach. „Wenn da zwei Wochen fehlen, könnte das existenzgefährdend sein.“

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