„Praxisräume zu vermieten“. Wo ein solches Schild im Fenster hängt, ist es dem Vorgänger nicht gelungen, eine Nachfolge für seine Hausarzt- oder Zahnarztpraxis zu finden. Die meisten jungen Ärzte wollen sich heute nicht mehr mit einem eigenem Kassensitz selbstständig machen, sondern suchen nach Beteiligungen oder Teilzeitstellen.

Das Modell des Landarztes, der rund um die Uhr zu erreichen ist, passt nicht mehr in die Lebensentwürfe der meisten Hochschulabgänger. Sie wollen Familie, Beruf und Freizeit in Einklang bringen und bevorzugen kalkulierbare Arbeitszeiten in einem Krankenhaus oder Entlastung durch Kollegen in einer Gemeinschaftspraxis.

Hier blieb die Suche nach einem Nachfolger erfolglos. Einzelpraxen sind nicht mehr so gefragt.
Hier blieb die Suche nach einem Nachfolger erfolglos. Einzelpraxen sind nicht mehr so gefragt. | Bild: Trautmann, Gudrun

Das hat jedoch zur Folge, dass immer mehr Einzelpraxen auf dem Land aufgegeben werden, weil sich kein Nachfolger findet. Der Prozess wird sich dramatisch beschleunigen, wenn die Landärzte aus den geburtenstarken Jahrgängen in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Im Nordosten Deutschlands sind schon jetzt ganze Landstriche unterversorgt. Menschen haben weite Strecken zum Arzt.

Was können Kommunen gegen den Landärztemangel tun?

Da geht es den kleinen Gemeinden im Hegau vergleichsweise richtig gut. Doch auch hier werden sich in den kommenden Jahren immer mehr Ärzte in die Rente verabschieden. Für viele Menschen ist aber die medizinische Grundversorgung eine wesentliche Voraussetzung, um sich für oder gegen einen Wohnort zu entscheiden.

Doch was kann eine Kommune tun? Drei Beispiele aus Gailingen, Tengen und Steißlingen zeigen, dass Gemeinden mit gezielter Unterstützung und kreativen Modellen Anreize für Ärzte schaffen können.

Modell I: Gemeinde schafft Praxisräume

Als in der Gailinger Hausarztpraxis von Michael Psczolla ein Wasserschaden auftrat, stellte sich für ihn die Frage: aufhören oder weitermachen? Der Landarzt ist im Rentenalter, liebt aber seinen Beruf und seine Patienten. Kurz vor dem Ruhestand noch einmal viel Geld in eine neue Praxis zu stecken, kam für ihn nicht in Frage. Psczolla schlug vor, die gemeindeeigenen Räume der ehemaligen Volksbank in Praxisräume umzuwandeln.

Allerdings, so sein Gedanke, müsste die Gemeinde den Umbau finanzieren. „Bürgermeister Auer war gleich Feuer und Flamme von der Idee“, sagt der Arzt. „Und auch der Gemeinderat billigte das Vorhaben einstimmig.“ Und das, obwohl die Kommune 100.000 Euro in den Umbau der Bank stecken musste. Einen Zuschuss gab es aus dem Programm „Entwicklung ländlicher Raum“.

Bürgermeister Thomas Auer spricht von einer „Win-Win-Situation“. Obwohl Gailingen mit zwei Hausärzten im Vergleich zum Durchschnitt im Landkreis noch als sehr gut dastehe, sei es wichtig, mit dem Umbau der ehemaligen Volksbank diese Situation nachhaltig zu sichern.

Psczolla will in den gemieteten Räumen noch zwei bis vier Jahre weiterarbeiten und sich in der Zwischenzeit um die Praxisnachfolge kümmern. Dabei können die neuen, barrierefreien Räume ein Pluspunkt sein.

Modell II: Mit Hilfe der Genossen

Wer in Tengen lebt, ist weite Wege gewöhnt. Zwar gilt die Stadt am Randen im Volksmund als eine der drei schönsten Städte der Welt; doch was nützt das, wenn man hier krank wird und kein Arzt in der Nähe ist? Dann können 27 Kilometer bis nach Singen ziemlich lang werden.

So weit wollen es die Tengener nicht kommen lassen. Zur Zeit versorgen noch eine Gemeinschaftspraxis und ein Zahnarzt die Bürger der Stadt und ihrer acht Ortsteile. Doch wie lange noch? In Baden-Württemberg sind 30 Prozent der niedergelassenen Ärzte älter als 60 Jahre. 180 von 1001 Gemeinden haben keine Hausarztpraxis mehr am Ort.

Da tut sich was: Gleich neben dem Tengener Rathaus soll die neue Ortsmitte entstehen. Die kleine Stadt am Randen hat sich für ein Genossenschaftsmodell entschieden, um die Ärzteversorgung zu sichern. Der Baukran zeugt von den ersten Aktivitäten.
Da tut sich was: Gleich neben dem Tengener Rathaus soll die neue Ortsmitte entstehen. Die kleine Stadt am Randen hat sich für ein Genossenschaftsmodell entschieden, um die Ärzteversorgung zu sichern. Der Baukran zeugt von den ersten Aktivitäten. | Bild: Trautmann, Gudrun

Mit dem jungen Bürgermeister Marian Schreier hat der Gemeinderat unter Bürgerbeteiligung schon manche zukunftsweisende Entscheidung getroffen. Warum nicht auch im Bereich der medizinischen Versorgung? So entstand die Idee, die „Genossenschaft Ärztehaus Tengen„ zu gründen.

Mit Anteilen zu je 500 Euro können sich die Bürger direkt in die Genossenschaft einbringen. „391 stimmberechtigte Genossen haben sich bereits eingeschrieben und 574.500 Euro Kapital zusammengetragen“, berichtet der Aufsichtsratsvorsitzende Werner Schwacha.

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Mit ihrer Genossenschaft hat Tengen weit über Baden-Württemberg hinaus Aufsehen erregt. Als Schwerpunktgemeinde im Entwicklungsprogramm ländlicher Raum (ELR) bekommt es 200.000 Euro Zuschuss für das Ärztehaus.

Am Kastaniengarten neben dem Rathaus wird nun das mit 1,9 Millionen Euro projektierte Ärztehauses gebaut. „Im ersten Quartal 2021 soll das Gebäude bezugsfertig sein“, sagt Schwacha.

Modell III: Bauen mit Investor

Steißlingen hat sich für den Bau eines Gesundheitshauses am Storchenbrunnen entschieden und dazu ein Grundstück in der Dorfmitte zur Verfügung gestellt.

Eigentlich könnte man sagen, dass zwei Hausärzte für den 5000-Einwohner-Ort ausreichen sollten. Doch Bürgermeister Benjamin Mors sieht die Sache anders: Vor einem Jahr „hatten wir noch drei Ärzte, von denen plötzlich einer aufgehört und der andere seine Praxis übergeben hat. Da wurde es etwas knapp.“

Im Ortskern von Steißlingen entsteht das Gesundheitshaus mit mehreren Arztpraxen, Apotheke und Café. Dafür hat die Gemeinde auch ein Grundstück zur Verfügung gestellt.
Im Ortskern von Steißlingen entsteht das Gesundheitshaus mit mehreren Arztpraxen, Apotheke und Café. Dafür hat die Gemeinde auch ein Grundstück zur Verfügung gestellt. | Bild: Trautmann, Gudrun

Um solche Engpässe zu vermeiden, will die Gemeinde vorsorgen. Deshalb sei die Entscheidung, ein Gesundheitshaus im Dorfkern durch den Investor BDS bauen zu lassen, zukunftsweisend, so Mors. Eine Gemeinschaftspraxis, ein Zahnarzt, ein Café, Gewerbeflächen, Wohnungen und eine Tiefgarage entstehen, für rund 6,9 Millionen Euro. „Wir müssen Raum für Entwicklung im Ortskern bieten“, sagt Mors. Bis Anfang 2022 sollen die Räume fertig sein.