"Die Geschichte ist nichts als die Biografie großer Männer" – unter diesem Zitat des Historikers Thomas Carlyle steht das geplante Projekt von Benjamin von Berg, Referendar am Friedrich-Wöhler-Gymnasium. Zu Beginn der Unterrichtsstunde lässt er seine Ethikschüler der zehnten Klasse berühmte Personen der Geschichte auf Kärtchen schreiben. Männer auf grüne, Frauen auf gelbe Karten. Durch das Ergebnis wird klar: Männer spielen in der Geschichte wohl eine weitaus größere Rolle als Frauen, denn die grünen Karten überwiegen ganz klar.

Auch der zweite Schritt der Unterrichtsstunde bestätigt das. In diesem sollen die Schüler, in Gruppen aufgeteilt, jeweils 30 Seiten ihres Geschichtsbuchs geschlechterorientiert analysieren. Das Ergebnis ist eindeutig: Auf 126 Seiten finden die Schüler nur drei Frauen und selbst diese werden hauptsächlich in Verbindung mit Männern vorgestellt. Die Schüler führen das darauf zurück, dass die Rechte der Frauen in diesen Zeiträumen kaum ausgereift waren. Das habe sich wohl auch in die Literatur übertragen. Andere Schüler weisen daraufhin, dass es trotz der verhältnismäßig starken Verbesserung auch heute noch Ungleichheiten zwischen Frau und Mann gibt.

Allgemein fällt den Schülern auf, dass in ihrem Geschichtsbuch Männer meistens in Regierungspositionen dargestellt werden, Frauen dagegen hauptsächlich als Ehefrauen, Partner oder als Schwache beziehungsweise Verfolgte vorkommen. Nur ganz wenige Frauen der Geschichte werden aufgrund ihrer Leistungen erwähnt. Eine Schülerin merkt daraufhin an, dass auch heute die meisten Führungspositionen von Männern besetzt sind, Angela Merkel sei dabei schon eine Ausnahme. Eine andere Schülerin spricht an, dass gerade deshalb ein Vorbild für Mädchen fehle.

Basierend auf dieser Tatsache, möchte Benjamin von Berg, dass seine Schüler nach bedeutenden Frauen recherchieren, die in der Geschichte vernachlässigt werden. Dazu sollen sie sich eine Frau aussuchen und ein Infoplakat zu ihr gestalten. Die Frau, die sie vorstellen möchten, dürfen sie sich selbstständig aussuchen. Die Plakate werden dann anlässlich zum Weltfrauentag am 8. März in der Schule ausgehangen. So sollen auch noch andere Schüler und Besucher zum Nachdenken bewegt werden. Eine Schülerin betont, sie fände das Thema gut und wichtig, da für sie die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann auch heute noch ein Thema ist. Ein weiterer Schüler sagt aus, dass Ethik für ihn im Allgemeinen ein Fach ist, das zum Nachdenken anregt, das sei eine gute Abwechslung zwischen dem sonst "zähen Schulstoff".

Auf die Frage wie ihm die Idee für das Projekt gekommen ist, antwortet von Berg: "Die gesellchaftliche Position der Frau ist für mich immer noch ein Thema." Als Beispiel dafür nennt er eine Studie aus 2017, die besage, dass Frauen in Deutschland für die gleiche Arbeit immer noch 21 Prozent weniger Gehalt bekommen. "Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau hängt leider auch noch im Jahre 2018 hinterher, das kommt auch durch die Geschichte zum Ausdruck", so von Berg. Deshalb möchte der Ethik- und Gemeinschaftskundelehrer eine Veränderung in der Denkweise der Schüler bewirken. Sein Wunsch ist es, die Schüler über den Unterricht hinaus zu erreichen und sie auch noch nach der Schule zum Nachdenken zu bewegen. Er führt dieses Projekt mit einer neunten und einer zehnten Klasse durch, Unterschiede fallen ihm bisher nur kleine auf: "Die zehnte Klasse sieht das Thema schon etwas differenzierter und konnte zumindest schon ein paar mehr berühmte Frauen aus dem Geschichtsunterricht nennen, aber auch die Schüler der neunten Klasse erkennt die Problematik und sind engagiert", erklärte von Berg. Es ist das einzige Projekt zum Weltfrauentag am Gymnasium, von Berg hofft jedoch, dass sich ein solches Projekt leicht reproduzieren lässt und somit vielleicht jedes Jahr eines dieser Art stattfinden könnte. Der Weltfrauentag soll somit nicht nur als weiterer Tag wahrgenommen werden, sondern Frauen in den Mittelpunkt stellen und die Gleichberechtigung antreiben.

Vor über 100 Jahren...

...entstand der internationale Weltfrauentag als eine Initiative sozialistischer Organisationen zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Während des NS-Zeit wurde der Tag als sozialistischer Feiertag verboten. Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) wandelte den Frauentag 1950 in ein staatlich angeordnetes Feierritual, die Interessen der Frauen wurden dabei den politischen Zielen der DDR untergeordnet. Seit 1980 hat der Tag in ganz Westeuropa wieder stark an Bedeutung gewonnen. Dieses Jahr feiern Frauen zusätzlich zum Weltfrauentag das 100-jährige Bestehen des Frauenwahlrechts in Deutschland. (mha)