Bis vor wenigen Jahren bedeutete eine HIV-Diagnose den Tod. Langsam, schleichend, aber sicher starb ein Erkrankter an einer Infektionskrankheit. Denn die Viren greifen das Immunsystem des Körpers an und schwächen es, bis andere Krankheiten ein leichtes Spiel haben. Das ist heute nicht mehr so, mit Medikamenten lässt es sich als HIV-Infizierter recht gut leben. Dennoch machen sich zwei Singener auf, um die Infektionsrate weiter zu senken.

Ziel ihres Vorhabens ist der Senegal, wie sie zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember erklären. Mit einer Infektionsrate von 0,53 Prozent ist das afrikanische Land im Vergleich zu seinen Nachbarn zwar recht erfolgreich in der Aids-Prävention. Dennoch zeige sich im Senegal ein grundsätzliches Problem: „Die klassischen Kondome scheinen zu klein zu sein“, deshalb hätten viele keine Lust mit einem Kondom zu verhüten. Dabei schütze das nicht nur vor Schwangerschaften, sondern neben HIV auch vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten.

In Botswana ist jeder vierte infiziert

Jan Vinzenz Krause erinnert sich mit einem mulmigen Gefühl an einen Besuch in Botswana: Dort ist jeder vierte der 2,2 Millionen Einwohner mit HIV infiziert. Da sei ihm nicht ganz wohl gewesen bei dem Gedanken, dass sein Friseur sich in den Finger schneiden könne. Er weiß um die Übertragbarkeit: Die HI-Viren eines infizierten Menschen können in Form von Körperflüssigkeiten wie Blut oder Sperma über Schleimhäute und offene Wunden in den Körper eines bislang gesunden Menschen gelangen.

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HIV ist laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) aber ein vergleichsweise schwer übertragbares Virus. Krause hat in Afrika erlebt: „Das Thema HIV und Aids hat dort eine viel größere Bedeutung als bei uns.“ So habe ihm ein Supermarkt-Besitzer erzählt, dass jede Woche mindestens einer seiner Mitarbeiter bei einer Beerdigung sei, weil so viele Menschen an Aids sterben.

Im Senegal ist die Rate niedrig. Dennoch kennen viele jemanden, der an Aids gestorben ist.

Die Ursachen für die Verbreitung von HIV und Aids in Afrika seien vielfältig. Jan Vinzenz Krause zählt als Beispiele mangelnde Bildung, Armut, fehlende Aufklärung, Polygamie auf. Der Unternehmer will bei einem Aspekt helfen: „Wenn Kondome nicht passen, macht es keinen Spaß“, sagt er. Deshalb würden viele dann eben keine Kondome nutzen.

Er selbst fand Kondome anfangs störend

In seinen Jugendzeiten hätten Kondome ihn ja selbst gestört. Er habe sich gefragt: Für Schuhe gebe es verschiedenste Größen, warum nicht auch für Kondome? Bei einer Studie vor einigen Jahren mit 10 000 Männern habe das Ergebnis bestätigt: In Asien ist ein Penis im Durchschnitt etwas kleiner, in Afrika größer. Er erinnert sich, wie er vor Jahren in Namibia tankte und den Mitarbeitern einige Kondome schenkte. Als er einige Tage später zurückkehrte, hätten sie sich überschwänglich bedankt.

Kondome aus China passen in Afrika oft nicht

Auch bei anderer Gelegenheit bemerkte er: „Die hatten ein Grinsen im Gesicht, dass ich gemerkt habe – da ist was dran“, sagt Krause über die Notwendigkeit größerer Kondome. Doch viele Kondome für den afrikanischen Markt würden in China produziert und nicht auf die afrikanischen Größen angepasst. Eine der drei Töchter des afrikanischen Nationalhelden Nelson Mandela, Zindzi Mandela, habe ihm schon 2009 gesagt, dass große Kondome einen Markt in Afrika haben werden.

Bild: Tesche, Sabine

Medikamente made in Germany sollen vor Ort helfen

Nur Kondome zu verteilen, reiche aber nicht. „Man muss ein Bewusstsein dafür schaffen“, sagt Andreas Pfleger. Der Inhaber der Apotheke Sauter hat kürzlich mit Seydou Diallo den Medikamenten-Großhandel Dada Fox gegründet. Diallo ist ein Senegalese, der seit einigen Jahren in Singen lebt. Gemeinsam möchten sie den Senegal mit besserer Medizin versorgen. Apotheken gebe es dort reichlich, er schätzt 2500 allein in der Hauptstadt Dakar mit etwas mehr als einer Million Einwohnern. Doch Senegalesen müssten häufig viel Geld für viele Produkte ausgeben, statt dass es ein wirklich hilfreiches Medikament gebe. Das soll sich ändern. „Made in Germany steht dort für Qualität“, sagt Pfleger. Fester Bestandteil ihrer Zusammenarbeit mit örtlichen Apotheken sind die Mister-Size-Kondome von Jan Vinzenz Krause. Das Messgerät zum Ermitteln der Kondom-Größe ist schon auf Französisch übersetzt.

Aids ist nicht heilbar – aber lässt sich gut in Schach halten

Der Apotheker Andreas Pfleger beobachtet einen zunehmend lockeren Umgang mit Verhütung, auch in Deutschland mit einer Infektionsrate von 0,15 Prozent: „Wir stellen fest, dass viele denken, dass Aids heilbar ist.“ Dabei würden Medikamente inzwischen zwar verhindern, dass Aids ausbricht und ein Infizierter andere mit HIV ansteckt, doch der Betroffene selbst bleibe infiziert. Er habe in Singen einen regelmäßigen Kundenstamm für diese Medikamente. Die Tabletten kosten für drei Monate zwischen 3000 und 5000 Euro. In Afrika könne man aber nicht davon ausgehen, dass Betroffene die Medikamente ebenfalls über eine Krankenkasse bezahlt bekommen.

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Geschlechtskrankheiten auf dem Vormarsch

Bei Verhütung gehe es nicht nur um HIV und Aids: „Andere Krankheiten verbreiten sich wieder mehr“, beobachtet Pfleger mit Sorge. Denn ohne Kondom können sich etwa auch Syphilis oder Chlamydien übertragen. Dabei könnte es so einfach sein, wie die BzgA in einer Kampagne zeigt, deren Plakate auch im Landkreis Konstanz hängen: „Bettgeschichte? Benutzt Kondome.“

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Sozialarbeiterin Evelin Tschan arbeitet für die Aids-Hilfe im Landkreis Konstanz und beobachtet, dass HIV und Aids ihren Schrecken verloren haben. Doch es sei wichtig, von einer Infektion zu erfahren.
Sozialarbeiterin Evelin Tschan arbeitet für die Aids-Hilfe im Landkreis Konstanz und beobachtet, dass HIV und Aids ihren Schrecken verloren haben. Doch es sei wichtig, von einer Infektion zu erfahren. | Bild: Isabelle Arndt

„Es muss niemand mehr an Aids sterben“

Evelin Tschan ist Sozialarbeiterin der Aids-Hilfe im Landkreis Konstanz, die mittwochs von 11 bis 13 Uhr in der Mühlenstraße in Singen eine Beratung anbietet. Sie arbeitet seit 1988 bei dem Verein.

  • Sind Aids und HIV heute noch so präsent? „Das Thema ist schon lange in der zweiten oder dritten Reihe“, sagt Evelin Tschan, denn es habe das Schreckensszenario von früheren Zeiten verloren: „Es muss niemand mehr an Aids sterben in Deutschland.“ Laut Robert-Koch-Institut sind seit Beginn der Epidemie in den 80er-Jahren geschätzt 29 200 Menschen in Deutschland an Aids gestorben. 2018 haben sich geschätzt 2400 Menschen neu infiziert, das sind 100 weniger als 2017. Insgesamt liege die Zahl der Infizierten bis Ende 2018 bei 87 900.
  • Warum ist Aids nicht mehr tödlich? Medikamente können die Virusbelastung so weit senken, dass der HI-Virus nicht mehr nachweisbar ist. Wer hochansteckend ist, trägt laut Tschan pro Kubikmilliliter Blut etwa eine Million Viren in sich. Mit entsprechender Therapie könne diese Zahl auf unter 20 sinken. „Wichtig ist, dass man weiß, dass man HIV-positiv ist“, sagt die Sozialarbeiterin. Daher habe die Aids-Hilfe als neuen Schwerpunkt die Prävention und HIV-Tests.
  • Was unterscheidet Aids und HIV? HIV ist ein Virus, der zur Erkrankung und Schwächung des Abwehrsystems führt. Von Aids spricht man erst, wenn nach einer HIV-Infektion typische Krankheiten auftreten. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nennt als Beispiel schwere Infektionskrankheiten. Laut Evelin Tschan betrifft Aids nicht nur Homosexuelle oder Drogenabhängige, wie manche denken. Auch ältere Menschen in heterosexuellen Beziehungen haben sich angesteckt. Sie erklärt: „Nicht jeder Sex führt zur Ansteckung.“ Doch in den ersten drei Monaten nach einer Infektion sei das Risiko am größten.
  • Wie funktionieren die Tests? Mit dem Gesundheitsamt Konstanz bietet die Aids-Hilfe seit Januar kostenlose Beratung und Tests im Facharztzentrum Konstanz an. Seitdem lassen sich wesentlich mehr Menschen testen, laut Tschan waren es dieses Jahr rund 500. Jeden ersten und dritten Montag können Menschen sich zwischen 16.30 und 19 Uhr anonym testen lassen. Mit einer Blutprobe und einem Abstrich werden auch andere sexuell übertragbare Krankheiten (Syphilis, Chlamydien/Gonorrhö, Hepatitis B und C) festgestellt. Nach einer möglichen Ansteckung müssen mindestens sechs Wochen vergehen, damit die HI-Viren nachweisbar sind. Eine Woche später erfahren die Betroffenen das Ergebnis.
  • Und wenn ich nicht nach Konstanz fahren möchte? Außerdem gibt es in der Aids-Hilfe in Konstanz und in der Singener Außenstelle einen kostenlosen HIV-Selbsttest. Dafür braucht es nur einen Blutstropfen, doch die Viren sind erst zwölf Wochen nach einer möglichen Infektion nachweisbar. Der Selbsttest ist auch zuhause möglich und kostet etwa 20 Euro. Nach 15 Minuten gibt es ein Ergebnis, ein positives Ergebnis muss aber mit einem Labortest bestätigt werden.
  • Und wenn der Test positiv ausfällt? Dann werden die Virusbelastung im Blut und der Zustand des Immunsystems überprüft. Mit einer Therapie könne ein Betroffener aber ein ganz normales Leben führen. Die größte Angst sei, negative Konsequenzen am Arbeitsplatz zu erleben, schildert Tschan. Doch es gebe keine Einschränkungen, selbst in Gesundheitsberufen nicht. Es sei ohnehin jeder Arzt, jeder Krankenpfleger angehalten, sich vor Infektionen zu schützen – und Hepatitis C sei viel weiter verbreitet. „Da müssen wir am meisten Präventions- und Aufklärungsarbeit leisten.“
  • Warum sind Tests auf andere Krankheiten so wichtig? Bei Safer Sex gehe es nicht nur um HIV, betont Evelin Tschan: „Viele andere sexuell übertragbare Krankheiten sind auf dem Vormarsch.“ So sagte Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, in einem Interview vor zwei Jahren. „Etwa zehn Prozent aller sexuell aktiven Jugendlichen und Erwachsenen stecken sich irgendwann in ihrem Leben mit Chlamydien an.“ Und damit droht Frauen die Unfruchtbarkeit. Deshalb wolle die Aids-Hilfe allgemein ein Bewusstsein für sexuelle Gesundheit schaffen. (isa)