Wer denkt, dass Wolfgang Gedeon unter dem Druck der Vorwürfe aus den eigenen Reihen der AfD-Landtagsfraktion zusammenbrechen würde, der sieht sich getäuscht. Seit Tagen steht der Abgeordnete aus dem Hegau im Kreuzfeuer der Kritik. Dem Wahl-Rielasinger werden Antisemitismus und die Verharmlosung der Nazi-Verbrechen in seinen Büchern vorgeworfen. Dem Vernehmen nach wurde im Stuttgarter Landtag selten so erbittert gestritten, wie in den vergangenen Tagen. Während Gedeon von den eigenen Parteikollegen mit einem Parteiausschlussverfahren konfrontiert wird, richtete er jetzt in der Singener Hadwigstraße 22 sein Wahlkreisbüro ein.

Am Freitag waren die neuen Räume in dem Altbau jedoch eher eine Randnotiz. Gedeon wollte die AfD-Mitglieder seines Wahlkreises am Nachmittag über die parteiinternen Querelen und das gegen ihn angestrebte Ausschlussverfahren in Stuttgart informieren. Die inoffizielle Eröffnung des Bürgerbüros, das künftig immer montags und freitags geöffnet sein soll, nutzte der SÜDKURIER, um Gedeon angesichts der massiven Kritik über seine politische Zukunft zu befragen. Gedeon fühlt sich in der Auslegung seiner Schriften gehörig missverstanden. Gebetsmühlenartig wiederholt er auch in seinem neuen Singener Domizil seine Erklärungen von Antisemitismus und fundamentalem Zionismus. Alles bleibt theoretisch. An seinem blitzblanken, gläsernen Schreibtisch hofft er für Klarheit zu sorgen. Seine Schriften seien zu differenziert für die Marktplatzdebatte. Ruhig vorgetragen, spricht dennoch eine gewisse Überheblichkeit daraus.

Auf die handfestere Frage, wie er künftig die Region mit ihren Sorgen und Anliegen in Stuttgart vertreten wolle, hat der AfD-Abgeordnete hingegen wenig Antworten. Inhaltlich beschäftige er sich mit der Flüchtlingspolitik. "Wenn ich in der Fraktion bleibe, was ich hoffe, werde ich mich stärker der Rückführungsproblematik von Asylbewerbern und dem Vollzug von Abschiebetiteln widmen", sagt er. Die mangelnde Integrationsfähigkeit der Flüchtlinge gefährde die Grundordnung in der Stadt und im Landkreis, behauptet Gedeon. Und dann gibt er doch noch eine kommunalpolitische Meinung preis: Als erklärter Gegner eines ECE-Einkaufszentrums begrüßt er den vom Gemeinderat beschlossenen Bürgerentscheid. Ansonsten müsse er jetzt erst einmal sondieren, welche Themen die Menschen im Hegau bewegen. Die Bürgermeister seien angeschrieben. Jetzt sollen Gespräche folgen. Doch nicht alle wollen mit ihm reden, wie eine SÜDKURIER-Umfrage gezeigt hatte. So auch Marian Schreier aus Tengen. "Der soll erst mal mein Buch lesen", sagt Gedeon kämpferisch. Nein, an Aufgeben denkt er nicht. Und dass er sein Mandat isoliert von der AfD im Landtag ausübt, glaubt er auch nicht.

Hintergründe über AfD-Abgeordneten

  • Das sagt Gedon über guten Stil: Bundesweit ist Gedeon nun in der Kritik. Wie er es mit den Medien hält, verriet der Wahl-Rielasinger in einem Aufsatz 2015. „Wir sollten uns aber endlich klar machen, das die Medien nicht unsere Freunde sind“, schreibt er darin. „Selbstverständlich finde auch ich einen guten Stil nicht schlecht. Aber was ist überhaupt ein guter Stil, wer legt das fest? …Parteikollegen von ihm hätten „meines Erachtens große Ängste vor politischen Konflikten“. Der beste Stil rechtfertige es nicht, „Konflikte unter den Teppich zu kehren, aber ein erfolgreich durchgestandener Konflikt rechtfertigt auch einmal einen weniger guten Stil.“
  • Das sagt Gedeon über die Medien: "Wenn uns die Medien loben, sollte uns das eher nachdenklich stimmen. Wenn sie uns hart angehen, sind wir auf dem richtigen Weg. Und wenn sie aufheulen, dann haben wir den Nerv des Problems getroffen", schreibt er in seinem Heft "Grundlagen einer neuen Politik" vom Jahr 2015.
  • Das sagen Hegau-Politiker über Gedeon: Der SÜDKURIER hat zahlreiche Stimmen von Kommunal- und Regionalpolitikern zusammengestellt, auch von Bürgermeistern aus dem Hegau, die sich über den Fall Gedeon äußern. In der Zeitung waren die Statements konzentriert auf den Punkt gebracht, online gibt es die teils sehr ausführlichen Meinungen nachzulesen.
  • So ist Gedeon erreichbar: Sein neues Wahlkreis- und Bürgerbüro in der Hadwigstraße 22 in Singen, gegenüber der AOK, wird in der kommenden Woche offiziell eröffnet. Bei einer inoffiziellen Eröffnung am Freitagnachmittag waren nur AfD-Mitglieder eingeladen. Ab 14. Juni soll auch die Telefonleitung stehen, die noch gesondert bekannt gegeben wird. Geplant sind insgesamt acht Stunden Bürgersprechstunde pro Woche, montags und freitags.