Sie haben's getan. Sie sind zur Bank gegangen, haben die Finanzierung mit einem Volumen von 54 Millionen Euro klar gemacht und den gesamten Laden gekauft. Der Laden – das ist in diesem Fall ein Industrieunternehmen auf einer Fläche eines kleineren Ortsteils mitsamt diverser Gebäude und Anlagen. Früher hieß das Unternehmen Georg Fischer (GF), jetzt firmiert der Betrieb unter dem Namen Fondium. Die drei neuen Chefs waren früher leitende Angestellte des Schweizer Konzerns, jetzt gehen Achim Schneider, Matthias Blumenrath und Arnd Potthoff ins unternehmerische Risiko.

Allein das ist eine Geschichte wert. Drei Angestellte, die das Geschäft bis ins Detail kennen, nutzen ihre Chance – es ist der heimliche Traum vieler Lohnabhängiger. Selbst die Geschicke des Unternehmens bestimmen zu können, mit allem was dazu gehört. Klar: Rentabilität, Wirtschaftlichkeit, Produktivität gehören zu den Kernaufgaben, aber das ist nicht alles. Ein Unternehmen ist eine Welt für sich, hier wird nicht nur gearbeitet, hier wird gelebt. Es geht um das Miteinander, die Kultur und den Einfluss auf das gesamtgesellschaftliche Umfeld.

Teil der Identität von Singen

Das gilt für die Stadt Singen in besonderem Maße. Die Eisengießerei wirkt wie das Relikt einer vergangenen Epoche, es kocht, brodelt und zischt. Aus diesem metallischen Stoff sind Automobile und der Ur-Charakter der Stadt gemacht. Entscheidend für das Trio an der Spitze des Unternehmens aber ist die Überzeugung, dass der Betrieb eine Zukunft hat.

"Ein riesiger Recycling-Betrieb"

Achim Schneider kommt dabei geradezu ins Schwärmen. Bei Fondium handle es sich um einen riesigen Recycling-Betrieb, er spricht angesichts einer 99-prozentigen Wiederverwertungs-Quote der Einsatzstoffe von einer grünen Gießerei. Und Maggi als benachbarter Nachbarbetrieb nutzt die Abwärme für seine Lebensmittelproduktion. Die Nutzung dieser Energie entspricht in etwa dem von 1000 Privathaushalten.

Das gibt es so bei den Mitbewerbern in Südeuropa oder China und Indien nicht. Auch anderes hört sich revolutionär an, zumal in einem handfesten Industriebetrieb, in dem der Begriff der Maloche seine augenscheinliche Bedeutung bis heute besitzt. Ziel ist ein familienfreundliches Unternehmen, die Kinder von Mitarbeiter können schon jetzt die Kantine nutzen, es wird über Home-office nachgedacht, über Bonus-Systeme und wer will, kann pro Jahr in dem 15-Schichten-Betrieb (montags bis freitags) zusätzlich acht freie Tage im Jahr einplanen. Ehrlich, offen, gemeinsam – das soll bei Fondium als Kultur verinnerlicht werden.

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Vieles deutet darauf hin, dass die hehren Ziele just in dieser Zeit die genau richtige Strategie sind. Knallhart kommunizieren Achim Schneider und Matthias Blumentrath, was Sache ist. Auf dem Markt gebe es viele Halbtote, man hofft auf eine Marktbereinigung in den nächsten zehn Jahren. Dadurch könnten dann die Preise wieder realistisch abgebildet werden und bis dahin will man sich an der Julius-Bührer-Straße konsolidieren.

Klare Ansage an die Mitarbeiter

"Wir können nicht mehr weiter die teuerste Gießerei Deutschlands sein", so die klare Ansage der neuen Unternehmensspitze. Deshalb ist die Zahl der Leiharbeiter reduziert worden, darum will man Überstunden vermeiden und der derzeit hohe Krankenstand "tut richtig weh". Potenziale zur Kosteneffizienz werden beispielsweise auch im Abbau von Doppelstrukturen im ebenfalls zu Fondium gehörenden Gießerei in Mettmann (Nordrhein-Westfalen) gesehen.

Wertschätzung als Basis des Miteinanders

Zugleich aber sind die Mitarbeiter und ihre Kompetenz das wichtigste Gut des Unternehmens. Achim Schneider und Matthias Blumentrath sehen ihre Personalpolitik in Abhängigkeit zur Prozesssteuerung, die am Ende über die Zahl der Arbeitsplätze entscheidet. Deshalb wird parallel zum Bemühen um Wettbewerbsfähigkeit in die Ausbildung von Fachkräften investiert.

Bei Kunden und Mitarbeitern kam der Wechsel von GF zu Fondium nach Angaben der neuen Leitung gut an. In einem Fall folgt die Bestätigung prompt. Der Portier am Eingang von Fondium trägt ein Hemd, auf dessen Kragen die Initialen G und F zu sehen sind. Wann er denn neu eingekleidet werde, wird der Mann nebenbei gefragt. Er kennt die neuen Chefs seit langem und ist absolut zuversichtlich. "Die machen das schon richtig", antwortet er, "bis hin zum Hemd."

Über den Wechsel von GF zu Fondium

  • Zur Vorgeschichte: Eisen als Werkstoff ist in der Automobilindustrie gegenüber Aluminium ins Hintertreffen geraten. Das ist der Hauptgrund, warum der Schweizer Konzern Georg Fischer sich von seinen Unternehmen in Singen und Mettmann trennte. Über den Verkauf an die drei leitenden Mitarbeiter wurde die Belegschaft im Dezember 2018 informiert. Die Gesellschafteranteile von Fondium belaufen sich auf 80 Prozent, GF hält weiterhin 20 Prozent. Mit dem operativen Geschäft hat GF nichts mehr zu tun, Synergien ergeben sich unter anderem im Bereich von Forschung und Entwicklung. Die Aufgaben der drei neuen Hauptgesellschafter: Arnd Potthoff ist Betriebswirt und kümmert sich zurzeit um das Werk in Mettmann; Matthias Blumentrath ist für die Bereiche Personal und Einkauf zuständig; Achim Schneider übernimmt die Zuständigkeit für Produktion, Vertrieb sowie Geschäftsführung in Singen.
  • Fondium und der Markt: Das neue Unternehmen hat die Struktur einer GmbH & Co KG nach niederländischem Muster (B.V. Co. KG). Zu ihr gehören die Werke in Singen (mit rund 950 fest angestellten Mitarbeitern) und Mettmann bei Düsseldorf (etwa 900 Beschäftigte). Beide Unternehmen liefern der Automobilindustrie zu. Der Markt gilt als heikel, nicht zuletzt wegen der weltweit nachlassenden Nachfrage. Trotz der schwierigen Zeit für die Eisengießerei sieht Achim Schneider einen Vorteil: "Weniger Eisen in der Branche geht kaum noch."