Hilzingen-Weiterdingen – Der Garten der Familie Löllmann in Weiterdingen gleicht einer Ausstellung unter freiem Himmel. Die teilweise großen Keramiken muten archaisch an, aus grobem Ton in klaren Formen gestaltet, vermitteln sie Ruhe, als seien sie für die Ewigkeit geschaffen. Rot-braune Erdfarben vermischen sich mit fahlen Grautönen. Auf der rauen Oberfläche entstehen verschiedenfarbige Glasuren.

Kein Stück gleicht dem anderen, selbst einzelne Gefäße weisen rund um die Oberfläche viele unterschiedliche Details auf. "Das alles passiert im Ofen, das Brennen ist der entscheidende Moment und jedes Mal ein Abenteuer", sagt Uwe Löllmann. Die Form der Objekte kreiert er auf der Töpferscheibe, die Vollendung überlässt er dem Feuer. Er weiß schon im Voraus, dass ein Drittel des Brennguts Ausschuss ist, da es nicht die von ihm gewünschte Qualität hat. Aber er erlebe auch immer wieder großartige Überraschungen, die nur im japanischen Anagama-Holzbrandverfahren möglich sind. Diese Technik lernte er während seiner Keramiker-Ausbildung bei Horst Kerstan in Kandern kennen, der einer der bedeutendsten deutschen Keramiker und international anerkannter Künstler war.

Alles ist offen

Die Ästhetik seiner Keramiken habe ihn fasziniert und inspiriert. "Mit dieser Brenn-Technik schafft man Dinge aus Ton und hat eine Vorstellung, wie es werden soll. Aber alles ist offen, erst im Brand entsteht das endgültige Resultat", erläutert Löllmann seinen künstlerischen Ansatz. Anders als bei funktionalem Gebrauchsgeschirr suche er nach Formen mit Aussagekraft, die die Sinne und die Wahrnehmung des Betrachters anregen. Um diese Qualität zu erreichen, müssen die Gefäße rund eine Woche bei 1300 Grad gebrannt werden. Der selbst gebaute Ofen gleicht einem geräumigen Unterstand. Rund 500 Objekte finden darin Platz, darunter Teile bis zu einer Höhe von 1,6 Meter.

Es ist Ende Mai, mit dem diesjährigen Brand beginnt für Löllmann eine ganz besondere Zeit: "In der nächsten Woche wird der Ofen zum Lebensmittelpunkt." Konzentriert und mit Sorgfalt befüllt er den Ofen, ordnet die Stücke Lage für Lage so an, dass die Flammen an ihnen vorbeizüngeln können. Nach dem Zumauern steigert sich Löllmanns Spannung, er sagt: "Ich habe so meine Vorstellungen wie es werden könnte, aber der Ofen macht, was er will."

20 Ster Holz für einen Brand

Das Anzünden des Feuers sei ein besonderer Moment: "Es ist vergleichbar mit einem Schiff im Hafen, das ablegt und auf Reisen geht", bedeute es auch für ihn eine Reise. Er könne nur hoffen, dass sie positiv ausgeht, denn sie sichere seine Existenz. Gut 20 Ster Holz verheizt er für einen Brand, dafür muss er rund 1500 Euro investieren. Löllmanns Keramiken sind Kunstobjekte, vielfach ausgezeichnet und bei Kennern und Sammlern gefragt.

Damit die rohen Gefäße nicht springen, heizt er den Ofen ganz langsam an und legt jede Viertelstunde ein Holzscheit auf. Ab dem dritten Tag wird alle fünf Minuten Holz nachgelegt, um den Ofen auf die hohe Temperatur von 1300 Grad zu bringen. Um sie eine Woche lang zu halten, muss das Feuer rund um die Uhr mit Nadelholz gefüttert werden. Beim Brennen setzt sich Flugasche auf den Gefäßen ab und verschmilzt mit dem Ton zur natürlichen Glasur.

Für Löllmann ist Töpfern wie Geige spielen: "Mein Werkzeug sind die Hände. Mit ihnen gebe ich dem Ton die Form und Ausdruckskraft." Für die besondere Ästhetik der Oberfläche sorgen Feuer, Hitze und Asche. Trotz vieler Brände weiß er kaum etwas über den Brennprozess. Im Holzbrand wirken Komponenten wie Ton- und Holzbeschaffenheit, Anordnung der Teile im Ofen und Strömung des Feuers zusammen. "Kein Brand kann wiederholt werden. Es ist jedes Mal wieder ein Rätsel für mich, warum dies oder das passiert ist", sagt Löllmann.

Nach zehn Tagen hat sich der Ofen abgekühlt und kann geöffnet werden. Ein entscheidender und höchst spannender Moment für Löllmann: "Das erste Stück kann Freude oder große Enttäuschung bringen." Jedes Stück sehe anders aus als vorher. Durch den Brand haben die glatten, grauen Tonwaren Farbe und Struktur angenommen, Glasuren mäandern über die teilweise schroffe Oberfläche und verleihen ihr Glanz. Mit dem jüngsten Resultat ist er sehr zufrieden. "Ich muss mich den Stücken wieder annähern", betrachtet Uwe Löllmann jedes Stück und sucht seine Feinheiten. "Man muss sich von seinen Vorstellungen lösen und auf die Schönheit schauen, die das Feuer drauf gezaubert hat."

Das Anagama-Holzbrandverfahren ist eine Spezialität aus Japan

  • Die Technik des Anagama-Holzbrandverfahrens stammt aus Japan und wird dort seit Jahrhunderten weiterentwickelt. Die Keramiken werden unglasiert in den Anagama-Ofen eingesetzt und im prasselnden Holzfeuer über mehrere Tage hinweg bei 1300 Grad gebrannt. Die Asche des verbrennenden Holzes wirbelt durch den Ofen und legt sich als feiner Staub über die Keramiken. Die Flugasche verschmilzt mit dem Ton und wird zu einer natürlichen, farbigen Glasur. Diese variiert je nach Standort des Gefäßes im Ofen, Rauch und Flammen hinterlassen rote und graue Färbungen.
  • Der Anagama-Brand findet heute nur Anwendung im künstlerischen Bereich. Uwe Löllmann wendet dieses Verfahren seit 35 Jahren an. Er weiß, dass man Resultate von höchster Brennqualität nicht erzwingen kann. Außergewöhnliche Keramiken sind für ihn ein Geschenk des Ofens.
  • Weiterbildung: Studienreisen führten ihn nach Korea und Japan, es folgten Arbeitsaufenthalte und Besuche bei namhaften Keramik-Künstlern in Japan und USA, mit denen er in regem Austausch steht.
  • Prämierte Kunst: Vielfach ausgezeichnet sind die Arbeiten des Weiterdinger Keramikers. Sie sind in seinem Ausstellungsraum im eigenen Haus, bei Ausstellungen und in Galerien zu sehen und zu erwerben.
  • Den Beruf des Töpfers gibt es offiziell nicht mehr. Wer das Handwerk erlernen möchte, bewirbt sich für den Beruf des Keramikers. Dabei wird nach Fachrichtungen unterschieden: Baukeramiker (Fliesen), Dekoration, Scheibentöpfern (Tassen, Vasen) und Kunst. Die Ausbildung erfolgt im dualen System oder in einer Berufsfachschule. Voraussetzungen für den Beruf sind handwerkliches Geschick und ein gutes Gefühl für Proportionen. (ros)